Warum "The Hateful 8" besser ist als "Django Unchained"

Foto: © Universum Film
Was wir bereits wissen
Die GOKA-Filmkritik zum neuen Tarantino-Film "The Hateful 8".

Seit am 28. Januar einer der am sehnsüchtigst erwarteten Filme unserer großen Kino-Vorschau 2016 gestartet ist, können wir uns endlich auch hierzulande ein Breitwandbild davon machen, ob Quentin Tarantinos auf 70-Millimeter gedrehter Western nur eine in die Länge gezogene Gewaltorgie ist. Oder ein smartes Kammerspiel, das die scheinbar auch heute noch in den Vereinigten Staaten schwelende rassistische Grundstimmung in ein historisierendes Genregewand verpackt. Tarantinos über die Jahre und sieben Kultfilme gereifte Meisterschaft zeigt sich darin, dass sein achter Streich beides zugleich ist – und dabei trotz Überlänge köstlich zu amüsieren und bis zum blutigen Schluss zu fesseln weiß.

Bereits der bildgewaltige Auftakt, der einen selbst in der formatbeschnittenen (und 20 Minuten kürzeren) Fassung für normale Kinosäle große Augen machen lässt, zeigt, dass sich Tarantino mit seinem “Django Unchained”-Nachfolger genüsslich Zeit lässt. In einer langen Einstellung sehen wir einen Sechsspänner durch eine wüste Winterlandschaft heranpreschen, während im Bildvordergrund ein gekreuzigter Christus aus Holz signalisiert: Wir stehen am Anfang einer epischen Leidensgeschichte. In der Postkutsche sitzen Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) und sein Kopfgeld Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), die er im Städtchen Red Rock für 10.000 Dollar an den Scharfrichter übergeben will. In vor Wortwitz sprühenden Episoden steigen während der Fahrt noch der Bounty-Hunter-Kollege und ehemalige Nordstaaten-Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) sowie der angehende Sheriff und ehemaligen Südstaaten-Marodeur Chris Mannix (Walton Goggins) dazu, was die ohnehin schon angespannte Spannung mit Diskussionen über das Ende des Bürgerkrieges und die eingeforderte Gleichberechtigung zwischen Schwarz und Weiß zusätzlich anheizt.

Als ein Blizzard aufzieht, macht die explosive Reisegruppe Zwischenhalt in “Minnies Miederwaren” – einer zünftigen Postkutschenstation, in der es sich bereits die restlichen vier der titelgebenden verhassten Acht gemütlich gemacht haben: der Mexikaner Bob (Demían Bichir), der distinguierte britische Scharfrichter Oswaldo Mobray (Tim Roth), der ausgebrannte Cowboy Joe Gage (Michael Madsen) und der greise Konföderiten-General Sanford Smithers (Bruce Dern). Dass es in dieser Pulverfass-Situation zwischen dem verbitterten Südstaatler und Samuel L. Jacksons Black-Power-Desperado zum äußerst unschönen Rassenkonflikt kommt, ist der hasserfüllte Hintergrund, vor dem sich die eigentliche Handlung von “The Hateful 8″ entfaltet. Denn unsere beiden Kopfgeldjäger sind sich schnell sicher, dass es mindestens einer der Anwesenden auf die an John Ruth gekettete Mörderbandenchefin abgesehen hat. Und als die ersten Reisenden einem rätselhaften Mordanschlag zum Opfer fallen, mutiert Ex-Major Warren zum bärbeißigen Hercule Poirot, der unterstützt vom rassistischen Sheriff in spe die Puzzlestücke eines clever konstruierten Wild-West-Krimis zusammensetzt.

Speziell für einen im Breitwandformat gedrehten Western mag es ungewöhnlich anmuten, dass sich – von einer Flashback-Sequenz abgesehen – zwei Filmdrittel in einer Blockhütte abspielen. Für einen Tarantino-Western ist es hingegen die perfekte Lösung. Im kammerspielartigen Ambiente, das in den extra raumgreifenden Bildern der 70-Millimeter-Kameras die Anmutung einer Theaterbühne verliehen bekommt, kann sich der über das Schreiben zum Film gekommene Regisseur auf seine große Stärke konzentrieren: Wie in seinem Langfilmdebüt “Reservoir Dogs – Wilde Hunde” (1992) werden markante Figuren weniger über ihr Handeln, als vielmehr über ihre Dialoge charakterisiert. Das erstklassig gecastete “Hateful 8″-Ensemble dankt es ihrem Ghostwriter mit lange im Gedächtnis bleibenden Glanzleistungen. Die hatte “Django Unchained” zwar auch, sie gingen aber in der größer angelegten und notgedrungen weitläufigeren Rachegeschichte unter. Ein weiterer Unterschied: Die ausbrechende Over-the-Top-Gewalt wird nicht wie im schwarz-weiß-gezeichneten Vorgänger oder dem Nazi-Hatz-Spektakel “Inglourious Basterds” moralisch einwandfrei abgefeiert, sondern als unvermeidbare Gewaltspirale einer auf Gewalt und Hass basierenden Gesellschaft präsentiert. Anders als “Django Unchained” hat “The Hateful 8″ keinen einzigen Sympathieträger im Patronengurt und schlüpft damit endlich auch atmosphärisch in die Cowboystiefel der nihilistischen Italo-Western-Vorbilder, die Über-Filmfan Tarantino so am Herzen liegen. Zum waschechten Wild-West-Retrofeeling trägt überdies der eigens von Soundtrack-Legende Ennio Morricone (“Spiel mir das Lied vom Tod”) komponierte Score bei, der zwar keine eingängigen Western-Melodien zum Mitpfeifen bereit hält, dafür aber mit aggressiven Streicherklängen die kompromisslos raue Seite dieser für drei Oscars nominierten Genreperle unterstreicht. Wilder klang und wirkte der Westen schon lange nicht mehr!

Offizieller Teaser-Trailer zu "The Hateful 8"
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