ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56": Rebellion mit Rock 'n' Roll

Was wir bereits wissen
Der ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" zeigt, wie ein Tanz die bigotte Welt der 50er-Jahre revolutionierte.

Gut erzogenes Mädchen begegnet halbstarkem Tänzer, emanzipiert sich und rebelliert gegen biedere Umgangsformen. Zu Symbolen ihrer Selbstfindung werden: ein für ihre Verhältnisse "schmutziger" Tanz, eine spektakuläre Hebefigur beim Abschlussball und der legendäre Ausruf: "Tanz, Baby, tanz!"

Die Rede ist vom Kinoklassiker "Dirty Dancing"? Falsch! Es handelt sich um den neuen ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56". Und der, so Autorin Annette Hess gegenüber GOLDENE KAMERA, erinnere nur oberflächlich an den Film mit Patrick Swayze und Jennifer Grey.

Die heile Welt des deutschen Wirtschaftswunders

Die Miniserie spielt vielmehr in der heilen Welt des deutschen Wirtschaftswunders. Die Jugend kaut Kaugummi, stylt sich mit Haartolle oder Petticoat, ist ansonsten brav. Hess, die schon die Erfolgsserie "Weissensee" erfand, erklärt: "Zwar geht es auch in unserem Film um eine Befreiung durch das Tanzen, doch wir erzählen von jungen Frauen, die gegen die bigotte Moral in den 50er-Jahren kämpften und gegen das biedere, festsitzende, fatale Rollenverständnis 'Kinder werden Leute, Mädchen werden Bräute'."

Alles dreht sich um das enge gesellschaftliche Korsett, das die Jugend im Deutschland der Nachkriegszeit bändigen soll – etwa 1956 in der fiktiven Tanz- und Benimmschule "Galant" auf dem Kurfürstendamm 56, einer noblen Adresse. Hier schwingt Caterina Schöllack das Tanzbein – und mit eiserner Hand das Zepter. Die steife Kursleiterin und strenge Mutter dreier Töchter, gespielt von GOLDENE KAMERA-Preisträgerin 2013 Claudia Michelsen, verdrängt private Probleme und sexuelle Bedürfnisse und hat nur ein Ziel: ihre Mädchen gut unter die Haube zu bringen. Denn nach dem Krieg herrscht Männermangel.

Vom Traum zum Albtraum

Tatsächlich heiratet Schöllacks älteste Tochter, die brave Helga (Maria Ehrich), den Juristen Wolfgang von Boost (August Wittgenstein).

Das Lebensziel der 19-jährigen Eva (Emilia Schüle) ist es, ihren Chef (Heino Ferch, GOLDENE KAMERA 2002) zu ehelichen und "Frau Prof. Dr. Jürgen Fassbender" zu werden.

Zum Problemfall wird allerdings Schöllacks jüngste Tochter Monika (Sonja Gerhardt): Wegen "Sittenverstößen" fliegt sie von der Hauswirtschaftsschule.

Als sie zudem Opfer einer Vergewaltigung wird, eskaliert die Situation – denn diese anzusprechen gilt in den 50ern als Tabu.

Caterina Schöllack kehrt den Vorfall unter den Teppich. Doch je mehr sie versucht, den Schein zu wahren, desto stärker verwandelt sich ihr Traum von geordneten Verhältnissen in einen Albtraum: Zuerst entpuppt sich Helgas Gatte als homosexuell, dann verliebt sich Eva in einen verheirateten Mann. Und Monika, das Sorgenkind, unterrichtet plötzlich Rock 'n' Roll. "Muttchen" Caterina blickt in einen Abgrund – auch den ihrer eigenen Psyche.

50er-Jahre-Klischees und Tabuthemen

"'Ku'damm 56' ist eine Frauenserie, aber auch für Männer", sagt Heike Hempel, Fernsehspielchefin des ZDF. Mit Verve lassen sie und Drehbuchautorin Hess die 50er-Jahre-Klischees um Kinder, Küche, Kirche und Kochwäsche kollidieren mit den Tabuthemen der Zeit: braune Vergangenheit, versteckte Homosexualität, vertuschte Vergewaltigungen. Im Anschluss an Teil eins der Miniserie (Sonntag, 20. März, 20.15 Uhr) zeigt das ZDF die Doku "Ku'damm 56 – Die Dokumentation", in der Zeitzeugen "die Gesellschaft der 50er-Jahre" erklären. Etwa Exbundesanwalt Manfred Bruhns, der lang seine Homosexualität verbarg, oder Werbe-Ikone Hannelore Krämer, die "Frau Renate" von Dr. Oetker.

Ein weiteres Tabuthema im Film sind Ehemänner, die nicht aus dem Krieg heimkehrten, weil sie ihrer Frauen überdrüssig waren. Sehr glaubhaft verkörpert Claudia Michelsen eine solche Scheinwitwe: "Für mich war vor allem interessant, die Rollen der Frau von damals und heute zu begreifen. Welche Auswirkungen haben die Erlebnisse unserer Eltern bis hinein in unsere Generation – sogar in die unserer Kinder?"

Maria Ehrich über das TV-Spektakel "Ku'damm 56"

Antwort darauf gibt ihre 23-jährige Kollegin Maria Ehrich, als sie im Interview mit GOLDENE KAMERA verrät, beim Drehen habe sie mehrfach an ihre verstorbene Großmutter gedacht: "Meine eigene Großmutter hat sehr früh geheiratet, Kinder bekommen, und sie hat nebenbei gearbeitet und den Haushalt geschmissen – kurzum: sie war eine echte Powerfrau in einem damals typisch eng geschnürten sozialen Korsett. Ihr waren Sauberkeit und Ordnung wichtig, und das hat sie an uns weitergegeben."

Dass sich hinter solchen Biografien oft tragische Schicksale verbergen, weiß Nico Hofmann, Produzent des Films: "Ich habe 'Ku'damm 56' in einer Testvorführung meiner 85-jährigen Mutter gezeigt. Zuerst hat sie mit extremer Abwehr darauf reagiert, wollte den Film gar nicht gucken. Natürlich kommen dabei auch verdrängte Themen hoch, etwa um Sexualität."

Für Nico Hofmann ist "Ku'damm 56" nach "Unsere Mütter, unsere Väter" ein Herzensprojekt.

Sendehinweise

Teil 1 von "Ku'damm 56" zeigt das ZDF am Sonntag, 20. März, um 20.15 Uhr. Teil 2 und 3 werden am Montag, 21., und Mittwoch, 23. März 2016, jeweils um 20.15 Uhr, im ZDF ausgestrahlt.

Wer sollte einschalten?

Alle, die ins Berlin der 50er Jahre eintauchen möchten

Warum muss ich "Ku'damm 56" sehen?

Drei Teile in Spielfilmlänge setzen die brave Jugend in Petticoat und mit Haartolle gut in Szene, aber auch der Bruch mit den gesellschaftlichen Moralvorstellungen der 50er Jahre wird erzählt

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