"The Wrestler" trifft Fassbinder: das Boxerdrama "Herbert"

Durchgeboxt: Peter Kurth als "Herbert"
Foto: © Wild Bunch Germany
Was wir bereits wissen
Im Langspielfilmdebüt von Regisseur Thomas Stuber spielt Theaterschwergewicht Peter Kurth die Filmrolle seines Lebens. Ab 17. März im Kino!

Als das Boxerdrama "Herbert" im vergangenen September auf dem Toronto International Film Festival Premiere feierte, waren sich die nordamerikanischen Kritiker einig: Der erste Kinofilm des Leipziger Regisseurs Thomas Stuber lässt die von verlorenen Seelen bevölkerten Film-Halbwelten eines Rainer Maria Fassbinders wieder auferstehen.

Dieses Lob will was heißen, denn im Ausland gilt Fassbinder als wichtigster Regisseur des deutschen Nachkriegskinos. In einem seiner letzten Interviews gab der 1982 verstorbene Autorenfilmer zu Protokoll: "Was ich möchte, ist ein Kino, das so wunderbar und allgemein verständlich ist wie Hollywood, aber gleichzeitig nicht so verlogen." Getreu diesem Motto ließ Fassbinder die Figuren seiner Filme auf der Suche nach dem Glück immer wieder die geballte Wucht des Schicksals spüren, ohne dabei in symbolische Kopflastigkeit zu verfallen.

Dass Thomas Stuber einer ist, der dieses Fassbindersche Gefühlskino fortschreiben könnte, ließ sich bereits 2013 erahnen. Damals gewann der heute 34-Jährige mit seinem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg den Studentenoscar in Silber als bester fremdsprachiger Kurzfilm...

Oscar-Teaser zu Thomas Stubers "Von Hunden und Pferden"

"Von Hunden und Pferden" überzeugte die Jury als poetische Synthese aus Außenseiterportrait und Milieustudie. Die zu Herzen gehende Geschichte basierte auf einer Kurzgeschichte des Leipziger Schriftstellers Clemens Meyer, der zusammen mit Stuber jetzt auch das Drehbuch zu "Herbert" geschrieben hat.

Darum geht's in "Herbert"

Einst war Titelheld Herbert (Peter Kurth) der "Stolz von Leipzig", jetzt arbeitet der von Tattoos und Narben gezeichnete Ex-Boxer als Geldeintreiber. Sein sportliches Wissen gibt der 60-Jährige an seinen Schützling Eddy (GOLDENE KAMERA-Nachwuchspreisträger Edin Hasanovic) weiter, ohne dabei jedoch allzu große Nähe zuzulassen. Die Kraftmeierfassade des einsamen Wolfes bekommt erst Risse, als Herbert in der Dusche zusammenbricht und die fatale Diagnose ALS gestellt bekommt. Je deutlicher die Muskelschwund-Symptome in Erscheinung treten, desto klarer wird es dem einstigen Kampfsportler, dass er seinen letzten Kampf zu führen hat. Moralisch unterstützt von Gelegenheitsfreundin Marlene (Lina Wendel) versucht sich Herbert, mit seiner von ihm entfremdeten Tochter Sandra (Lena Lauzemis) auszusöhnen. Doch viel Zeit bleibt ihm dazu nicht, denn der Verlust der motorischen Fähigkeiten nimmt immer extremere Züge an.

Trailer zu "Herbert"

Dramaturgisch weist "Herbert" durchaus Parallelen zu Darren Aronofskys "The Wrestler" (2008) auf. Doch in seiner emotionalen Schonungslosigkeit lässt der Sportler-Abgesang vor der bravourös trostlos in Szene gesetzten Plattenbau-Kulisse Leipzigs weitaus seltener Hoffnungsschimmer zu. Dass diese existentielle Tristesse nicht in tränenreiche Sentimentalität umschlägt, ist der Tour-de-force-Performance von Peter Kurth zu verdanken. Der primär auf der Bühne heimische Charakterdarsteller, der 2014 vom Magazin "Theater heute" zum Schauspieler des Jahres ausgezeichnet worden ist, macht den körperlichen Verfall seiner Filmfigur zum schauspielerischen Ereignis, weil er auch ihre seelische Transformation spürbar macht. Stubers Kamera unterstützt diesen Prozess, indem sie sich im Filmverlauf immer mehr dem Gesicht der Hauptfigur annähert und parallel zu Herberts Sprachverlust nur noch dessen Augen sprechen lässt. Damit erweist sich "Herbert" als glanzvolles Gesamtkunstwerk und macht Hoffnung, dass vielleicht im nächsten Jahr beim Rennen um den Auslands-Oscar der deutsche Film nicht mehr länger "Im Labyrinth des Schweigens" steckt.

Wer sollte sich "Herbert" anschauen?

Alle, die einen Sinn für Realismus mit einer gehörigen Portion Emotionalität haben.

Warum muss ich "Herbert" sehen?

Weil allein die Schauspielleistung von Peter Kurth die Eintrittskarte wert ist.

Für Fans von...

"The Wrestler" mit Mickey Rourke und "Die Entdeckung der Unendlichkeit" mit Eddie Redmayne

Die GOKA-Bewertung:

Text: Alexander Attimonelli

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