Der Tanz in den Untergang

Der Potsdamer Platz im Januar 1927
Der Potsdamer Platz im Januar 1927
Foto: © Hulton Archive/Getty Images
Was wir bereits wissen
Krimis, die in der Nazizeit spielen, sind ein Literaturtrend, wie eine TV-Doku auf Arte zeigt (Mi, 23. März, 22.10 und in der Arte-Mediathek). Auch "Babylon Berlin", das teuerste Serienprojekt im deutschen TV, basiert auf einem "Nazi-Krimi".

Tom Tykwer ist die Sache nicht geheuer. Vor einer Stunde wurde vor 100 Journalisten „Babylon Berlin“ in der Hauptstadt vorgestellt, das neue Projekt des 50-jährigen Filmemachers. Jetzt verrät er im Interview mit GOLDENE KAMERA: „Der Rummel verwundert mich schon. Normalerweise würde man eine solche Veranstaltung erst in eineinhalb Jahren machen, wenn wir was zu zeigen haben – und nicht vor dem Drehstart, oder?“ NORMALERWEISE JA. Aber nichts ist normal an „Babylon Berlin“.

Es ist die erste eigene Serie des weltbekannten deutschen Regisseurs („Das Parfum“) – und gleich mit einem Rekord: ein Budget von rund 40 Millionen Euro und 200 angesetzte Drehtage. Dafür war „eine verrückte Konstellation“ (Tykwer) nötig: Erstmals produzieren Sky und die ARD gemeinsam eine Serie. Ausgestrahlt wird „Babylon Berlin“ 2017 zunächst bei Sky, ein Jahr später im Ersten.

Die Stadt ist der Protagonist

„Babylon Berlin“ basiert auf den Romanen von Volker Kutscher. Dessen Krimis spielen, genau wie die seiner Kollegen Philip Kerr und Dominique Manotti, in der Weimarer Republik und in der Nazizeit – durchaus ein Literaturtrend, wie jetzt eine TV-Doku zeigt (s. Sendehinweis). Hauptfigur ist der junge Kommissar Gereon Rath, gespielt von Volker Bruch („Unsere Mütter, unsere Väter“). 1929 zieht er von Köln nach Berlin und erlebt eine Stadt zwischen Armut und dekadentem, drogenverseuchtem Nachtleben. An seiner Seite: Liv Fries (GOLDENE KAMERA Beste Nachwuchsschauspielerin 2012) als "Charlotte"

Hendrik Handloegten („Was nützt die Liebe in Gedanken“) ist neben Achim von Boerries einer von Tykwers zwei Drehbuch- und Regiepartnern und sagt über die Serie: „Die Stadt ist der Protagonist – der beste, den sich ein Filmemacher wünschen kann: hungernd und vollgefressen,keusch und pervers.“

Tom Tykwer will ein Sittengemälde der Stadt zeigen

„Berlin hatte damals sehr viele Zuwanderer aus den vergangenen 30 Jahren und besaß eine unheimliche Vitalität. Gleichzeitig war die Stadt völlig übervölkert. Wir spürten: In dem Stoff steckt eine ganz vehemente Aktualität.“ Damit meint er durchaus auch Parallelen in der Radikalisierung der Öffentlichkeit,will den Aspekt im Drehbuch aber zurückstellen: „Wir wollen uns nicht auf den Beginn des Nationalsozialismus fokussieren, weil das eben auch 1929 nicht im Zentrum der Gesellschaft stand.

Hätte man denen gesagt: ‚In vier Jahren heißt euer Kanzler Adolf Hitler‘ ist das, als wenn man uns sagen würde, in vier Jahren ist Frauke Petry Bundeskanzlerin! Für die Serie wäre es ein Fehler, darauf hin zu schreiben. Wir wollen es aus den Figuren entwickeln.“ UND DAS BRAUCHT ZEIT. Ursprünglich waren acht Folgen für die Adaption von Kutschers Roman „Der nasse Fisch“ vorgesehen. Nun werden es 16 und aus einer geplanten Staffel zwei, die direkt nacheinander gesendet werden.

„Wir haben uns in das Projekt verliebt“, schwärmt Sky-Deutschland-Chef Carsten Schmidt. „Erst nur eine Pilotfolge zu drehen, das kam für uns nicht infrage. Die Serie ist ein massiver Start für die nächste Epoche unseres Unternehmens, nicht einfach nur ein Versuch.“Kutschers Vorlage liefert dafür beste Voraussetzungen, findet Tykwer: „Die Romane haben etwas Schmutziges, Berlin ist spürbar. Dass dieses Berlin bisher selten im Film zu sehen war, hat einen simplen Grund: Es existiert nicht mehr! Wir wussten, wenn wir das machen, müssen wir es ernst nehmen, also auf die Straße gehen.“ Vier alte Straßenzüge werden gerade in den Babelsberg-Studios gebaut. Die 14 Meter hohen Außenkulissen sind später auch für andere Produktionen nutzbar und können digital zu Wolkenkratzern verlängert werden.

Gedreht wird ab April komplett in Deutschland - auf deutsch

...aber die Serie soll auch ins Ausland verkauft werden. Den Weltvertrieb besorgt die Firma Beta Film (u. a. „Gomorrah“). „Mit 2,5 Millionen Euro Kosten pro Serienstunde sind wir auf internationalem Top-Niveau“, berichtet Beta-Chef Jan Mojto, „alle Beteiligten bewegen sich an der Grenze des finanziell Machbaren.“Größtes Risiko für den Welterfolg ist laut Mojto die Sprache: „Wir dachten anfangs: ‚Oh Gott, auf Deutsch? Wer in der Welt soll das kaufen?‘“

Aber Tykwer blieb stur: „Eine Berlin-Serie, in der alle Englisch sprechen, wäre ein Skandal gewesen!“ Dass zuletzt ehrgeizige Serien wie „Deutschland 83“ floppten,schreckt Tykwer nicht: „Wir müssen Geduld haben. So wie einst HBO. Eine Serie wie ‚Die Sopranos‘ war drei Staffeln lang ein Flop. Aber HBO machte weiter und sagte: ‚Die Serie ist so gut, irgendwann werden die Leute es begreifen.‘ Nur deswegen ist eine Serie wie unsere heute denkbar.“ MATERIAL FÜR EINEN LANGEN ATEM gäbe es für „Babylon Berlin“. Es liegen noch vier weitere Kommissar-Rath-Romane vor. Oder umgerechnet in Tykwers Arbeitsweise: Stoff für 64 neue Folgen.

Autor: Michael Tokarski

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