Je oller desto doller: 25 Jahre "Tatort München"

Am Set von "Mia san jetz da wo's weh tut": Udo Wachtveitl als Franz Leitmayr (l.) und Miroslav Nemec als Ivo Batic
Foto: © Hannes Magerstaedt/Getty Images)
Was wir bereits wissen
Zur Jubiläumsfolge "Mia san jetz da wo's weh tut" verrieten uns die dienstältesten "Tatort"-Kommissare Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, dass sie noch lange nicht an die TV-Rente denken.

Seit 25 Jahren bilden Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec das bestens eingespielte Ermittlergespann im Münchener "Tatort". Am 3. April läuft die Jubiläumsfolge "Mir san jetz da wo’s weh tut". Der im Prostituiertenmilieu spielende und von Max Färberböck inszeniert Krimi ist sage und schreibe ihr 72. Fall! Stellt sich die Frage: Genug vom "Tatort"? "Noch lange nicht", sagt Nemec. Ein Gespräch über Anfänge, Veränderungen und gewachsene Freundschaft.

Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec im Interview

Herr Wachtveitl, stimmt es, dass Sie ein Jubiläumshasser sind?

WACHTVEITL: Das wurde mir als Leitmayr in den Mund gelegt. Es passt zu ihm, wenn er sagt: "Ich hasse Jubiläen mit so’m gschissenen Champagner." Wobei ich persönlich gegen Champagner nichts habe. Ich habe auch nichts gegen Jubiläen, wenn ich nichts dafür tun muss. Aber ernsthaft: Der "Tatort" fühlt sich für uns nicht an, als hätten wir 25 Jahre immer dasselbe gemacht.

Haben Sie gleich gespürt: Diese Rolle ist der Hauptgewinn?

NEMEC: Damals haben wir anders reagiert. Wir sollten für drei Jahre unterschreiben, eine ewig lange Zeit. Ich kam vom Theater, und da hieß es eher: Um Gottes willen, du gehst zum Fernsehen! Du verlierst deine ganze Sprachkenntnis.

Wie hält man es dann trotzdem aus, ein und derselben Rolle über eine so lange Strecke die Treue zu halten?

NEMEC: Indem es einem Spaß macht ...

WACHTVEITL: Indem man fremdgeht ...

NEMEC: ... weil man nebenher noch viel anderes betreibt. Aber es macht definitiv Spaß. Wir drehen dreimal 90 Minuten im Jahr. Wenn man denkt, dass jeder Teil so gut sein soll wie ein Kinofilm, ist das wahnsinnig viel, eine Herausforderung. Dazu ist jedes Stück bewusst anders, das macht es zugleich kurzweilig.

Wie haben sich Batic und Leitmayr im Lauf der 25 Jahre verändert?

WACHTVEITL: Äußerlich, natürlich, haben sie sich ganz schön verändert.

Ich habe hier ein Foto aus dem ersten Teil "Animals" von 1991.

WACHTVEITL: Da sehen Sie es. Ich muss mir das jetzt aber nicht anschauen!

Gibt es weitere Unterschiede?

WACHTVEITL: Ja, vor allem die größere Selbstverständlichkeit in der Rollengestaltung. Wenn man mit Anfang 30 eine Hauptrolle im "Tatort" bekommt, kann es sein, dass man diese etwas zu große Jacke auszufüllen versucht, indem man ein bisschen pumpt, sich besonders kommissarisch geriert. Anfangsfehler, die man jetzt auch bei neuen Teams sieht: Da ist ein bisschen zu viel Druck dahinter, ein bisschen zu viel Originalitätssucht. Wir jedoch wissen: Man muss nicht in jeder Szene extragrimmig schauen, extrakompetent wirken und extraschnell die Pistole zücken. Alles Quatsch. Darauf achten wir auch gegenseitig.

Was mögen Sie besonders?

NEMEC: Mir kommt gut zupass, dass die "Tatorte" in München spielen. Ich bin in Kroatien geboren und in Bayern aufgewachsen. Unsere damalige Redakteurin Silvia Koller hat diesen Migrationshintergrund mitgenommen. Das war richtig innovativ, Kommissar Ivo Batic war damit der Erste beim "Tatort".

Im Norden heißt es öfter, dass man Ihren bayrischen Slang nicht versteht.

WACHTVEITL: Kann ich mir nicht vorstellen.

NEMEC: Wir diskutieren hier eher darüber, ob nicht wieder etwas mehr Bayrisch gesprochen werden könnte. Nicht unter den Kommissaren, sondern im Umgang mit den Leuten, die aus der Region kommen.

Pflegen Sie nicht eine Art hochdeutsches Bayrisch?

WACHTVEITL: Nein, München zeichnete sich schon immer durch eine bastardierte Dialektlandschaft aus, das war nie ein reiner Dialekt. In der Zeit, in der München groß geworden ist, kamen die Leute aus allen möglichen bayrischen Regionen. Das hat hier ein Sprachgemisch ergeben, das je nach Bevölkerungsschicht variiert.

Dient Ihr Bayrisch also der Identität?

WACHTVEITL: In einem realistischen Genre, wie es der "Tatort" ist, gehört es dazu. Manchmal haben wir Regisseure, die Österreichisch und Bayrisch nicht voneinander unterscheiden können. Dabei sollte man schon ein bisschen darauf achten, dass das auch für die Bayern stimmt.

In Ihren Krimis werden die Leute auf alle Arten umgebracht, aber Sie selbst greifen selten zur Waffe. Warum?

NEMEC: Wir greifen zur Waffe, aber wir schießen oft nicht.

WACHTVEITL: Wir versuchen, es zu vermeiden. Unsere Ausrichtung ist keine actionlastige. Um Action sehr gut zu machen, müsste man sehr viel mehr Geld haben.

Quiz-Fragen zum Jubiläums-Tatort

Inzwischen haben Sie 72 "Tatorte" gedreht. Gibt es Lieblingsfolgen?

WACHTVEITL: Für mich "Im freien Fall", dafür gab es 2002 auch den Grimme-Preis. "Am Ende des Flurs" 2014, wo ich am Schluss erstochen daliege, war auch eine schöne Sache.

NEMEC: Ja, der war sehr gut. Der Ausstiegs-"Tatort" von Michi Fitz auch. Der hieß "Der Traum von der Au". Da erbt er eine Wohnung und geht nach Thailand. Sehr gern mochte ich auch "Der tiefe Schlaf" aus dem Jahr 2013 mit Fabian Hinrichs.

Man spürt, dass Sie sich gut kennen. Kannten Sie sich schon vor dem "Tatort"?

NEMEC: Nein, nur sehr flüchtig.

WACHTVEITL: Und wir haben uns beide gedacht: Hoffentlich nicht der! Nun denkt man sich: So schlimm war es dann doch nicht.

Sind Sie Freunde geworden, oder ist es nach wie vor ein Arbeitsverhältnis?

NEMEC: Ja, wir sind Freunde geworden. Manchmal fahren wir sogar gemeinsam in Urlaub, so wie voriges Jahr nach Kroatien. Aber vor allem verbindet uns die Arbeit. Wir können gut zusammenarbeiten.

Prominente gratulieren zu 25 Jahre "Tatort München"

Spielen Sie denn noch außerhalb der "Tatorte" zusammen?

NEMEC: Ja. So machen wir eventuell später im Jahr eine Lesereise mit Musik. Das ist nur noch nicht unterschrieben.

Ketzerisch gefragt: Wenn einer von Ihnen keine Lust mehr hätte, würde der andere ohne ihn weitermachen?

NEMEC: Sofort!

WACHTVEITL: Mit dem größten Vergnügen! Aber das Publikum würde es nicht kaufen. Nein, ich bin mit der Integrationsleistung von Miro sehr zufrieden.

Dann gibt es also noch viele weitere gemeinsame "Tatorte" zu sehen?

WACHTVEITL: Die Antwort darauf ist die gleiche wie vor 25 Jahren. Wir wollten uns damals nicht ewig verpflichten und haben gesagt: Jetzt schauen wir mal, und dann machen wir weiter. Man könnte das auch auf den Nenner bringen: Gschlamperte Verhältnisse sind oft die stabilsten.

Drehbericht zum Münchener Jubiläums-Tatort

Interview: Sabine Ulrich

I Believe I Can Fly: "Eddie the Eagle" im Interview

Skisprunglegende und Filmthema: Michael "Eddie the Eagle" Edwards (52)
Foto: © Brad Barket/Getty Images
Zum Kinostart des Biopics über Englands skurrile Skisprung-Legend berichtet uns der echte Eddie Edwards exklusiv aus seinem sprunghaften Leben.
Mehr lesen