Ist die TV-Show am Ende?

Moderator und Show-Erfinder Frank Elstner.
Moderator und Show-Erfinder Frank Elstner.
Foto: Foto: Christian Augustin/Getty Images
Was wir bereits wissen
"Wetten, dass ..?" ist Geschichte, Stefan Raab auch, Neues ist nicht in Sicht. Hat die Show noch Zukunft? Eine exklusive Analyse von Frank Elstner.

Samstagabend, 20.15 Uhr. Eine magische Zeit: Show-Time im TV! Vor 35 Jahren moderierte Frank Elstner zum ersten Mal "Wetten, dass ..?". Jahrzehntelang war seine Erfindung ein Dauerbrenner, auch wenn der zuletzt etwas schwächer loderte. Ab 1999 sorgte Stefan Raab für Überraschungen in der Fernsehunterhaltung. Doch nun scheint die Ära der Shows im Blitztempo vorbei: "Wetten, dass ..?" wurde eingestellt, Stefan Raab hat sich verabschiedet. Neue Ideen? Darauf warten die Zuschauer bisher vergeblich.

Zu den erfolgreichsten Formaten zählen heute "Der Quiz-Champion" und "Spiel für dein Land". Innovation klingt anders. Alles irgendwie schon mal dagewesen – genauso oder ähnlich, gerade unterhaltsam genug, um mal einzuschalten, aber kaum revolutionär. Kommt da noch was? Oder war's das schon?

Eine Analyse von Moderator und Showerfinder Frank Elstner:

Ist die TV-Show am Ende? Wenn ich diese Frage höre, kommen Erinnerungen hoch: Als ich am 14. Februar 1981 die erste "Wetten, dass ..?"-Sendung moderierte, war Rudi Carrell gerade in einem Tief, und Hans-Joachim Kulenkampff hatte der großen Bühne den Rücken gekehrt. Da hieß es: Die Zeit der großen Familienshow ist vorbei. Ich habe ein bisschen gebraucht, bis "Wetten, dass ..?" in Fahrt kam, aber dann nahm die Show schnell Tempo auf. Nach der dritten oder vierten Ausgabe reagierte die Presse positiv, und in den Familien wurden die Kinder nachmittags gebadet, damit abends alle gemeinsam vor dem Fernseher sitzen konnten. Der Lagerfeuereffekt. Das gibt es heute so nicht mehr, weil sich das Sehverhalten komplett verändert hat.

Schauen wir doch mal in ein normales deutsches Wohnzimmer im Jahr 2016: Der Vater guckt "Tatort", die Mutter will lieber eine ZDF-Schnulze und schaut sie auf dem Tablet, die Kinder haben das Smartphone in der Hand und sehen ihr Programm. Mir gefällt die Entwicklung, weil wir auf dem Weg dahin sind, dass jeder sein eigener Programmdirektor wird. Deshalb wäre es der völlig falsche Ansatz, eine Show zu erwarten, die 20 Millionen Zuschauer als Einschaltquote holt. Sieben bis acht Millionen sind heute schon viel.

Eine Show, die momentan das Zeug dazu hat, richtig erfolgreich zu werden, ist "Klein gegen Groß". Das ist ein Versuch der jüngsten Zeit, der besonders gelungen ist. Dann gibt es noch Joko & Klaas. Die machen prima Unterhaltung, gut durchdacht, eine runde Sache, die auch auf dem Samstagabend-Sendeplatz in der ARD bestehen würde. Die beiden müssten bereit sein, sich auf eine etwas andere Zielgruppe einzustellen, aber sie haben das Potenzial, in jedem Sender jede Show groß zu machen. Ich kann also nicht sagen, dass es ein Ende der Familienshow geben wird.

Ein echtes Problem ist, dass sich die großen Sender an den Erfolg gewöhnt haben. Wenn Jauchs Quiz "Wer wird Millionär?" funktioniert und erfolgreich ist, bringt der Sender es gleich zweimal die Woche und noch dazu am Samstag. Alle anderen machen das nach. Da wird dann auch Jörg Pilawa zum Quiz-Master. Das ist kein guter Nährboden für Kreativität. So wirkt das Programm mitunter kraftlos. Mut ist gefragt! Im Internet traut man sich mehr: mehr Risiko, mehr Experimentierfreude. Nur so können innovative Konzepte entstehen, nur so kann man in die Zukunft gehen.

Und was wollen die Zuschauer? Auf jeden Fall Wettkampf! Die einen möchten zudem ihre Neugierde stillen, die anderen haben Abenteuerlust. Es bräuchte nur eine geniale Idee im Fernsehen, dann käme die Show wieder groß heraus. Ich bin sicher, dass die Zuschauer Sehnsucht danach haben. Events wie die Fußball-WM, die Olympischen Spiele oder der "Eurovision Song Contest" bestätigen das. Diese Massenphänomene wird es immer wieder geben. Und genauso ist es mit den Shows. Es wird immer Ausreißer nach oben geben.

Wer kommt nach Stefan Raab?

Im Lauf der Jahrzehnte hat sich die Show gewaltig verändert: Es gibt heute kein Orchester mehr, kein Ballett, der Regisseur lässt schneller schneiden, es gibt immer mehr Bildreihen. Die Moderatoren wissen um den sensiblen Spannungsbogen ihrer Sendung. Im Ein-Minuten-Takt wird der Quotenverlauf gemessen, fast sekundengenau kann so überprüft werden, wann die Zuschauer umschalten. Und das passiert, wenn es langweilig wird.

Stefan Raab hat in den vergangenen Jahren sehr viele wichtige Impulse gesetzt. Er hatte eine bestimmte Zielgruppe, auf die er sich fokussierte. Es ist wie bei Joko & Klaas: Auch "Schlag den Raab" hätte man mit etwas abgewandeltem Bühnenbild und vielleicht etwas anderem Aufbau in öffentlich-rechtlichen Sendern platzieren können.

Wer kommt nach Raab? Um den Nachwuchs müssen wir uns keine Gedanken machen. Noch nie gab es so viele Talente wie heute. Allein durch die technischen Möglichkeiten existieren viel mehr Plattformen, die den Einstieg leichter machen. Früher hieß es: Das Talent reift in der Stille. Heute reift man in aller Öffentlichkeit. So sehr das Internet ein Magnet für junge Leute ist, das Fernsehen bleibt weiterhin ein attraktives Ziel für sie. Zumal eigens für das Internet produzierte Shows noch lange Zukunftsmusik sein werden: viel zu aufwendig und viel zu kostenintensiv. Es ist also die beste Zeit für mutige Entscheidungen in den Programmdirektionen. Freuen wir uns auf die Zukunft!

Autor: Frank Elstner

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