Tobias Moretti im Interview: „Was ich gesehen habe, ist brutal!“

In dem packenden Drama "Im Namen meines Sohnes" spielt Tobias Moretti den verzweifelten Vater Claus Jansen, der den "Maskenmann" jagd.
In dem packenden Drama "Im Namen meines Sohnes" spielt Tobias Moretti den verzweifelten Vater Claus Jansen, der den "Maskenmann" jagd.
Foto: ZDF
Was wir bereits wissen
„Im Namen meines Sohnes“ heftet sich der verzweifelte Vater Claus Jansen (Tobias Moretti) an die Fersen des Mörders seines Kindes – doch der wird erst 19 Jahre später gefasst.

In dem realen Fall, der dem True-Crime-Drama "Im Namen meines Sohnes" (2.5., 20.15 Uhr, ZDF) zugrunde liegt, konnte 2012 der Pädagoge Martin Ney als Täter überführt werden. Von Opfern wurde er als „schwarzer Mann“ mit Maske beschrieben. Tobias Moratti hat sich den Fall über Recherchen zugänglich gemacht und erzählt im Interview mit GOLDENE KAMERA, warum er den Dreh bei einer Szene fast abbrechen musste.

GOLDENE KAMERA: Wie haben Sie die damalige Suche und Berichterstattung über den „Maskenmann“ Martin Ney empfunden?

TOBIAS MORETTI: Damals war ich noch in München am Theater und habe den Fall nicht verfolgt. Aber im Nachhinein und im Zuge der Recherchen habe ich mir alles zugänglich gemacht.

Inwiefern war der Dreh „Im Namen meines Sohnes“ besonders?

TOBIAS MORETTI: Er war in jeder Phase besonders. Damir Lukačević ist ein wunderbarer Regisseur. Beim Dreh hat immer im Vordergrund gestanden, dass die Schicksale und die Figuren lebendig werden, denn es nützt gar nichts, wenn man bei dieser Thematik an der dokumentarischen Situation festhält. Im Gegenteil: man muss die realen Begebenheiten mit den eigenen Eindrücken und Emotionen verschmelzen.

Norddeutschland 1992: Erste Gerüchte über eine Missbrauchsserie in Internaten kommen auf. Angeblich belästigt ein Maskierter schlafende Jungen. Dann werden drei Kinder ermordet: 1992 Stefan Jahr (13), 1995 Dennis Rostel (8), 2001 Dennis Klein (9). 7800 Hinweisen geht Martin Erftenbeck als Leiter der „Soko Dennis“ nach, doch erst 2011 wird der Täter gefasst, nachdem sich der missbrauchte Martin W. erinnert, dass er drei Skizzen seines Zuhauses für den Pädagogen Martin Ney anfertigen musste. Ney wird überführt. Er wird verantwortlich gemacht für mindestens drei Morde und 40 Missbrauchsfälle. 2012 kommt er lebenslang in Haft – mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

War Ulrich Jahr schon tot, als Sie mit dem Dreh begonnen haben?

TOBIAS MORETTI: Ja.

Was hätten Sie ihn am liebsten gefragt?

TOBIAS MORETTI: Ich weiß gar nicht, ob ich ihn gefragt hätte, was mich interessiert hätte – weil es so intime Vorgänge sind, die einem niemand erzählen kann und die man vielleicht auch gar nicht wissen möchte, weil sie so unfassbar sind.

Was ist wohl in Ulrich Jahrs Kopf vorgegangen – als er den Mörder seines Sohnes 19 Jahre lang gejagt hat?

TOBIAS MORETTI: Mir ist irgendwie schon klar, was er empfunden hat. Es war eine Mischung aus Verzweiflung und der Selbstreflexion, ob er zu sehr in konventionellem Anspruchsdenken gegenüber seinem Sohn verhaftet war und ihn deshalb in ein Internat gesteckt hatte. Die Crux ist, dass man sich solche Vorwürfe automatisch macht, auch wenn sie nicht berechtigt sind. Besonders bewusst geworden ist mir das plötzlich und überraschend beim Dreh der Schlussszene, als Claus Jansen dem Kommissar die letzte Mathematikprüfung seines verstorbenen Sohnes zeigt – und stolz auf die gute Note verweist. Denn er wollte sich selbst vorrechnen können, dass er kein zu strenger Vater gewesen war. Die Szene hat mich meuchlerisch angesprungen. Es hat mich geschüttelt und ich musste den Dreh fast abbrechen.

Leider handelt es sich bei der Geschichte um ein wahres Verbrechen…

TOBIAS MORETTI: Ja, und ich habe versucht, mir das reale Dokumenten-Material – also die ganzen Fotos – nicht anzuschauen.

Was heißt „versucht“?

TOBIAS MORETTI: Weil ich es dann doch gemacht habe für die eine oder andere Szene. Was ich dann gesehen habe, ist wirklich brutal.

ROMY Preisträger 2016: Tobias Moretti

Til Schweiger hat vor Jahren gefordert, dass die Adressen von Sexualstraftätern nach Ihrer Entlassung öffentlich gemacht werden, damit sich im direkten Umkreis wohnende Familien besser vor den Tätern schützen können. Sind Sie auch dafür?

TOBIAS MORETTI: Wir glauben immer, dass wir alles erklären können – doch letztendlich wissen wir nichts. Wenn ein Straftäter eloquent und intelligent ist, kann er so manchen Psychologen von allem überzeugen, was der hören will. Doch man wird wohl davon ausgehen müssen, dass eine Neigung eine Neigung bleibt.

Muss der Opferschutz gestärkt werden?

TOBIAS MORETTI: Der Opferschutz ist effizient. Aber die Medien müssen sich ihrer Verantwortung stärker bewusst sein – und beispielsweise Situationen vermeiden, in denen Massenmördern wie Anders Behring Breivik eine globale, öffentliche, sichtbare Plattform für ihre menschen- und gesellschaftsverachtenden Gesten gegeben wird. Das hat nichts mit gesellschaftlicher Aufarbeitung zu tun. Die Gesellschaft gewinnt keine Erkenntnisse daraus. Es braucht keine solchen Auftritte, um zu wissen, wie grauenhaft banal das Böse ist.

Interview: Mike Powelz

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