"Brief an mein Leben": Marie Bäumer in einem Drama über Burn-out

Marie Bäumer leidet im Drama "Brief an mein Leben" an Burn-out.
Marie Bäumer leidet im Drama "Brief an mein Leben" an Burn-out.
Foto: ZDF /Conny Klein
Was wir bereits wissen
Der TV-Film "Brief an mein Leben" mit Marie Bäumer zeigt, wie gefährlich Dauerstress sein kann.

Ein Leben aus dem Koffer, täglich in fremden Hotelbetten schlafen, weltweit Vorträge halten, immer wieder nach Hause jetten, um die krebskranke Mutter und die eigene Beziehung zu pflegen: So sieht das Leben von Toni Lehmstedt (Marie Bäumer) aus.

Als die junge Professorin für Ozeanografie zusammenbricht, weist sie sich selbst in eine Klinik für psychische Erkrankungen ein. Ganz ihrem Effizienzdenken folgend fordert sie von den Ärzten dort rasche Heilung. Doch die bremsen sie aus. Ihre Diagnose für Lehmstedt lautet: Burn-out! Ein Leiden, das in Deutschland immer häufiger wird.

Wenn der Körper SOS funkt

Der Spielfilm "Brief an mein Leben" (Montag, 24. April, ZDF, 20.15 Uhr) hält unserer hektischen Gesellschaft gnadenlos den Spiegel vor. Er demonstriert eindrucksvoll, wie uns Dauerstress etwa durch die ständige Erreichbarkeit per SMS und E-Mail in ein chronisches Erschöpfungssyndrom treiben kann – wenn wir die Warnsignale unseres Körpers ignorieren.

Angelehnt ist der 90-Minüter an den gleichnamigen Roman von Miriam Meckel. Die heute 48-jährige Publizistin, Lebensgefährtin von TV-Moderatorin Anne Will, machte 2010 ihr Burn-out in einem Buch öffentlich. Es wurde ein Bestseller. Beschrieben werden darin auch die vielfältigen Symptome des Leidens. Meckel zufolge zählen dazu etwa Stoffwechselprobleme oder immer wiederkehrende Infekte. Die Autorin ist überzeugt, dass ein Burn-out jeden treffen kann: von der vielbeschäftigten Hausfrau bis zum überarbeiteten Polizisten.

Drehbuchautorin Laila Stieler, die auf Basis des Romans das Skript für den TV-Film schuf, ergänzt: Die größte Risikogruppe seien Menschen in sogenannten Helferberufen, etwa Sozialarbeiter oder Pflegekräfte. Für die Verfilmung von Meckels Schicksal hat Stieler intensiv in einer Klinik für psychisch Kranke im Allgäu recherchiert. Dort gewann sie folgende Einsicht: "Oftmals motiviert Menschen, denen bereits ein Burn-out droht, wochen- bis monatelang nur noch die eigene Willensstärke – bis ihr Körper den Dienst quittiert."

Kein pures Happy End

Den Prozess dieses Zusammenbruchs und der anschließenden Heilung inszeniert der renommierte Regisseur Urs Egger ("Kennedys Hirn") in eindrucksvollen Bildern. Er erklärt: "Für mich war Stielers Drehbuch ein Fest, weil ich den Krankheitsausbruch und den Genesungsprozess auf völlig neue Weise zeigen konnte. Während Tonis Therapie überlagern sich Bilder aus ihrer Vergangenheit mit Erfahrungen aus der Gegenwart. Alles schiebt sich ineinander. So hebt die Form des Films mit größter Selbstverständlichkeit die normale Zeitstruktur auf – bis der Zuschauer endlich versteht, warum die einzelnen Puzzlesteinchen zum Burn-out geführt haben."

Am Ende des Films wird Toni Lehmstedt nahezu gesund aus der Klinik entlassen. Dennoch gibt es kein pures Happy End. Auch hier bleibt der Film realistisch: Nicht alle Burn-out-Patienten werden geheilt. Hauptdarstellerin Marie Bäumer ist es wichtig, dass Erschöpfungssyndrome nicht länger als eine "wenig ernst zu nehmende Modeerscheinung" eingestuft werden. In einem Exklusiv-Interview mit GOLDENE KAMERA verrät sie: "Ich finde es schon lang bedenklich, dass das Tempo immer mehr zunimmt und wir Menschen innerlich und äußerlich immer mehr unter Druck stehen."

Eine wichtige Rolle spielt für Bäumer dabei die zunehmende Digitalisierung und Globalisierung unseres Lebens: "Mittlerweile werden unsere Daten mit irrwitzigem Tempo durch die Welt geschossen. Der Mensch kommt kaum noch hinterher, und unsere seelischen, geistigen und physischen Grundbedürfnisse werden nur noch teilweise berücksichtigt. Manchmal rebelliert der Körper dagegen, indem er nicht mehr 'funktioniert'." Aber auch die Konzentration auf Materielles trägt nach ihrer Meinung zur Krise bei: "Aus 'mehr' soll 'immer mehr' werden, es gibt nie einen Zustand der Zufriedenheit. Ich denke, es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass wir über Besitz etwas finden, das uns seelisch befriedigt. Ich bin jedes Mal dankbar, wenn ich feststelle, dass mich Begegnungen oder die Liebe zur Natur und zu Menschen stärker erfüllen als materieller Besitz."

Erfahrung mit Burn-out hat die Schauspielerin selbst keine: "Ich glaube aber nicht, dass man das braucht, um bei sich selbst genau hinzuschauen." Zur Vorbereitung auf die Rolle sprach sie mehrfach mit Miriam Meckel: "Das ganze Team wurde angeregt durch das Buch über ihr Burn-out und ihre Zeit in der Klinik. Meckels Bestseller liest sich fast wie ein Sachbuch."

Für ihre Leistung im Film wurde Marie Bäumer kürzlich beim 29. Festival International de Programmes Audiovisuels in Biarritz (Fipa) als beste Darstellerin ausgezeichnet. Die 46-Jährige hat für sich unterdessen gelernt: "Ich akzeptiere, dass ich nicht mehr so fröhlich weiterpowern kann wie mit 25."

GOKA-Wertung

Warum muss ich "Brief an meinLeben" sehen?

Glaubwürdig und nie sentimental adaptierte Urs Egger das autobiografische Buch von Miriam Meckel. Klar wurde diese Krisenaufbereitung fürs Fernsehen geschönt, trotzdem fühlt man Freud und Leid der Protagonisten mit.

Wer sollte einschalten?

Wer auch schon mal das Gefühl hatte, kurz vor einem Burn-out zu stehen und wissen will, was dann zu tun ist.

Für Fans von...

"Mobbing", "Vincent will Meer" und "Sein gutes Recht"

Autor: Mike Powelz

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