Schirachs "Terror": Das größte Live-Experiment im deutschen TV

Das Terror-Ensemble mit Lars Eidinger, Maria Gedeck, Florian David Fitz, Burghart Klaußner (von links).
Das Terror-Ensemble mit Lars Eidinger, Maria Gedeck, Florian David Fitz, Burghart Klaußner (von links).
Foto: © ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung
Was wir bereits wissen
„Die zwölf Geschworenen“ treffen auf „Cocktail für eine Leiche“: Am 17. Oktober 2016 zeigt Das Erste in einer so genannten „Lagerfeuerprogrammierung“ den 90-minütigen Fernsehfilm „Terror“ – die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach (51), Deutschlands bekanntester schreibender Strafverteidiger.

Der Film ist hochkarätig besetzt: Im Mittelpunkt steht Florian David Fitz („Doctor’s Diar“) als Angeklagter Major Lars Koch. Staatsanwältin Martina Gedeck („Die Wand“) will ihn hinter Gitter bringen, Burghart Klaußner („Bridge of Spies“) spielt den Richter und Lars Eidinger („Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“) ist Kochs Verteidiger.

Das größte Live-TV-Experiment des Jahres

"'Terror’“, so Star-Produzent Oliver Berben („Das Adlon“) im Exklusiv-Interview mit GOLDENE KAMERA ist kein TV-Film wie jeder andere – sondern das wohl größte Live-Fernseh-Experiment des Jahres. Denn am Ende richten die Fernsehzuschauer in Deutschland und Österreich per Telefon- und Internet-Voting gemeinsam über Lars Koch! Sie entscheiden, ob er schuldig ist oder unschuldig.“

Oliver Berben über das TV-Experiment "Terror"

ARD-Programmdirektor Volker Herres ergänzt: „Das Publikum übernimmt den aktiven Part. Es muss befinden, wie der Fernsehabend endet und wird mit seiner Entscheidung eine ethische und moralische Debatte auslösen, über die anschließend breit debattiert wird.“ Ferdinand von Schirach stimmt Herres zu: „Bei diesem Film werden die Zuschauer etwas Seltsames merken – nämlich, dass ihre Moralvorstellungen und ihre Sicherheit, von denen sie glauben, sich drauf verlassen zu können, plötzlich in Frage gestellt werden. Das ist das Interessante.“

Doch welches Verbrechen wird Major Koch überhaupt angelastet? Der Film rollt die Anklage auf: Lars Koch (Florian David Fitz) hat sich zum Richter über Leben und Tod aufgespielt, als er am 26. Mai 2016 um 20.29 Uhr eine Lufthansa-Maschine mit 164 Passagieren abgeschossen hat – weil sich dieser Airbus in den Händen von Terroristen befand. Die Entführer steuerte die Maschine direkt auf die mit 70.000 Menschen vollbesetzte Allianz-Arena in München zu. Dank dem Abschuss konnte der Terroranschlag abgewendet werden.

Wurde ein 164-facher Mord begangen?

Aber hat der Major damit nicht auch einen 164-fachen Mord begangen? Durfte er überhaupt 164 Menschenleben aufwiegen gegen 70.000 Leben? Und hätte er auch auf die Lufthansa-Maschine geschossen, wenn seine eigenen Eltern und sein kleiner Sohn an Bord gewesen wären?

Florian David Fitz über die Frage: "Schuldig oder unschuldig?"

Fragen wie diese werden in der kammerspielartigen Verfilmung aufgerollt – meisterhaft inszeniert von Oliver Berben in einem Schauprozess in den zweistöckigen CCC-Studios an der Kleinen Eiswerder Straße 14. Zu den Clous dieses Studios zählen auch besondere Animationstricks. So geht die Sonne am Filmanfang über dem digital ins Bild eingefügten Reichstagsgebäude, einem Symbol für Deutschland, auf – und am Ende des Prozesstages bzw. nach 90 Minuten Filmhandlung wieder unter. Eine Reminiszenz an Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“. Ebenfalls einzigartig: „Der komplette Film wurde chronologisch gedreht“, so Regisseur Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“) – „und an jedem der 15 Drehtage mussten alle Schauspieler anwesend sein!“

GOLDENE KAMERA besuchte den fiktiven Gerichtssaal am 26. April – und wurde zum Augenzeugen bei der Produktion des offenen Endes beziehungsweise der Richtersprüche „schuldig“ und „unschuldig“. Nur eine dieser beiden Versionen wird am 17. Oktober im Ersten ausgestrahlt. Welche, das hängt vom Voting des Fernsehpublikums ab. Anschließend wird die Diskussion bei „hart, aber fair“ mit Frank Plasberg und derzeit noch unbekannten Gesprächspartnern weitergeführt.

Ein hochdramatisches Verbalduell der Sonderklasse

Sollte sich das TV-Publikum für den Schuldspruch entscheiden, wird der Richterspruch so lauten: „Menschen sind keine Gegenstände, sie unterliegen nicht den Marktgesetzen und Leben darf nicht einmal in extremen Situationen gegen Leben abgewogen werden – das verstößt gegen unsere Verfassung und die Grundnormen unseres Zusammenleben“.

Wird Koch hingegen frei gesprochen, urteilt der TV-Richter: „Unser Recht ist nicht in der Lage, jedes moralische Problem widerspruchsfrei zu lösen. Wir besitzen keine rechtlichen Kriterien, um Kochs Gewissensentscheidung letztgültig zu überprüfen. Das Gesetz lässt Koch allein. Deshalb wäre es falsch, ihn zu verurteilen.“

Doch bevor sich das Fernsehpublikum einer der beiden Meinungen anschließt, liefern sich die Staatsanwältin (Martina Gedeck) und der Verteidiger (Lars Eidinger) ein hochdramatisches Verbalduell der Sonderklasse. Beide tragen zur demokratischen Meinungsbildung bei und zerstören sämtliche vorgefasste Meinungen mit Fragen wie diesen: Hätte die Allianz-Arena nicht rechtzeitig evakuieren werden können? Hat Lars Koch vorschnell gehandelt? Wurden die Passagiere durch seine Tat zu Objekten, denen er die Menschenwürde genommen hat? Übersah Koch im Eifer des Gefechts, dass die Passagiere die Terroristen vielleicht hätten überwältigen können? Und darf man das so genannte „kleinere Übel“ überhaupt einem größeren vorziehen?

Staatsschauspiel Dresden: "Terror"

Zwei spannende Pole also, zwischen denen wir schon beim Setbesuch hin– und herschwanken – und unsere Meinung, genau wie Lars Eidinger, schließlich überdenken und revidieren: Während die Staatsanwältin eindringlich dafür plädiert, dass Koch lebenslänglich wegen des Prinzips „Verstoß gegen die Menschenwürde“ eingesperrt wird, findet der Verteidiger, dass Koch freigesprochen werden muss, weil er sich „nur“ nach dem gerichtet habe, „was richtig ist“.

Ferdinand von Schirach, für den die Herausforderung bei der „Terror“-Verfilmung vor allem darin besteht, die TV-Zuschauer in den ersten zehn Minuten derart zu fesseln, dass sie nicht mehr umschalten, zeigt sich am Ende des Filmdrehs im Gespräch mit GOLDENE KAMERA berührt: „Der Erfolg des Stücks liegt darin, dass sich die Leute mit dem Stück auseinandersetzen müssen. Der gesellschaftliche Nutzen entsteht durch die Diskussion.

Die Zuschauer werden zu Schöffen gemacht. Sie müssen entscheiden, wie wir unser Land gestalten. Es geht darum, anschließend mit seinen Freunden darüber zu sprechen. Übrigens gab es sogar eine Aufführung, in der das Stück nicht zu Ende gespielt werden konnte, weil sich die Zuschauer während der Plädoyers gestritten haben. Sie sind sich – wie reale Schöffen – ihrer Verantwortung bewusst geworden. Das ist das Ideale!“ Dann fügt er augenzwinkernd hinzu: „Doch es gibt auch einen Nachteil: Unser Angeklagter, gespielt von Florian David Fitz, sieht dermaßen gut aus, dass ich fürchte, dass ihn die Leute lieber freisprechen.“

Terror läuft vorab in 150 deutschen Kinos

Angekurbelt und zum „Talk of the Town“ wird „Terror“ auch durch Oliver Berbens Idee, den 90-Minüter eine Woche vor der TV-Ausstrahlung „in weit über 150 Städten in Deutschland in jeweils einem Kino“ – inklusive der Abstimmung – vorzuführen.

Übrigens: Die bisherigen Abstimmungsergebnisse der Theaterbesucher – zu 60 Prozent wurde Lars Koch frei gesprochen, während 40 Prozent der Besucher, darunter auch Frank Plasberg, den Major für schuldig befunden haben – finden Sie hier: http://terror.kiepenheuer-medien.de/

Text: Mike Powelz

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