Im Gespräch mit "Schrotten!"-Regisseur Max Zähle

Eine steile Filmkarriere im Blick: Regisseur Max Zähle (38) beim GOKA-Interview in seinem Liebligscafé in Hamburg Altona
Eine steile Filmkarriere im Blick: Regisseur Max Zähle (38) beim GOKA-Interview in seinem Liebligscafé in Hamburg Altona
Foto: © Pia Hoffmann
Was wir bereits wissen
In unserer neuen Rubrik GOKA-Talents stellen wir einen jungen Filmemacher vor, der nach dem Gewinn des Studenten-Oscars mit der Komödie "Schrotten!" ein begeisterndes Spielfilmdebüt vorgelegt hat.

Seit dem 5. Mai läuft in unseren Kinos die mit dem Publikumspreis des renommierten Max Ophüls Preises ausgezeichnete Gaunerkomödie "Schrotten!", in der sich Frederick Lau und Lucas Gregorowicz als zwei grundverschiedene Sprösslinge einer Schrotthändlerfamilie zur Rettung ihres Hofes kleinkriminell zusammenraufen müssen. Das Besondere an dem so souverän wie erfrischend durch die verschiedensten Genre tobenden Film: "Schrotten!" ist der erste Langspielfilm des Regisseurs Max Zähle. Ein bravouröses Kinodebüt mit Ansage...

Grußbotschaft von "Schrotten!"-Regisseur Max Zähle

Max Zähle im Portrait

Max Zähle, der eigentlich Maximilian heißt, wurde am 1. September 1977 in Hannover geboren und wuchs in Celle mit zwei Geschwistern in einem Ingenieurs- und Lehrerhaushalt auf. Nach dem Abi ging Zähle nach Hamburg, wo er sich nach einem Praktikum bei einer Produktionsfirma endgültig mit dem Filmvirus infizierte. Nach mehreren Jahren, in denen er als freier Cutter und Regisseur für Werbefilme und Musikvideos tätig war, absolvierte er von 2008 bis 2010 an der Hamburg Media School das Aufbaustudium zum Filmregisseur. Sein Abschlussfilm "Raju", in dem Wotan Wilke Möhring und Julia Richter ein deutsches Ehepaar spielen, das in Indien ein Kind adoptieren will, gewann 2011 den Studenten-Oscar in Bronze und ging danach sogar ins Oscar-Rennen in der Kategorie 'Bester nicht animierter Kurzfilm'.

Fünf Jahre später hat Max Zähle mit "Schrotten!"(endlich!) sein Langspielfilmdebüt vorgelegt. Wir trafen den 38-Jährigen in seinem Stammcafé in Hamburg Altona, in dem der frischgebackene Vater auch das Drehbuch zu „Schrotten!“ geschrieben hat, und sprachen mit dem begeisternd erzählenden Regisseur ausführlich über sein bislang größtes Projekt und seine ganz persönliche Vision des Filmemachens...

Max Zähle im Interview

Was hat Dich zum Film getrieben?

Seit ich denken kann, war ich eigendynamisch künstlerisch aktiv. Ich habe sehr früh angefangen, Gitarre zu spielen und eigene Texte zu schreiben. In dieser Hinsicht war ich schon immer sehr freiheitsliebend. Ich habe mich sehr früh sehr unangepasst gefühlt. Ich bin in Celle aufgewachsen, was klasse war. Mir war aber auch immer klar, dass ich keinen klassischen Berufswerdegang einschlagen würde. Und da kam mir der Film gerade recht.

Dabei soll angeblich die Biografie von Robert Rodriguez eine besondere Rolle gespielt haben.

Eine sehr große Rolle! Im Selfmade-Man Rodriguez habe ich einen Seelenverwandten gesehen, weil in seiner Biografie genau das Richtige steht: Geht nicht, gibt’s nicht! Das ist eben nicht nur ein Schnack, sondern der hat es mit "El mariachi" auch gelebt. Nimm dir eine Kamera, nimm dir Leute und mach einfach! Und lass dir eben nicht sagen: "Das geht nicht, dafür müsstest du dies und jenes können." Dieses Unangepasste fand ich toll, dieser grenzenlose Wille, etwas zu machen und das dann auch wirklich und mit aller Energie in die Tat umzusetzen. So empfinde ich auch für mich das Filmemachen: Dass du deinen Ideen treu bleiben und an sie glauben musst. Dafür musst du zwar wahnsinnig viel investieren, aber es geht.

Nach diesem Motto bist Du ja auch an Deinen Abschlussfilm "Raju" herangegangen, oder?

Genau: Wenn dann richtig! Ich hatte mit Stefan Gieren, der das Ganze produziert hat, natürlich auch einen tollen Partner, der den Mumm hatte, das mit mir durchzuziehen. Wir waren – glaube ich – die ersten Studenten der Hamburg Media School, die überhaupt ihren Abschlussfilm im Ausland gedreht haben – und dann noch in Kalkutta! Es gab keinen, der da schon mal einen Film gedreht hat und den wir hätten fragen können. Wir mussten wirklich unsere eigenen Pfade finden und komplettes Neuland erschließen. Das hatte natürlich so einen Hauch 'gesunder Naivität' – je weniger man weiß, desto mehr traut man sich. Das Gesunde daran ist, dass man sich nicht zu viel Kopf macht. Dass man Schritt für Schritt vorgeht und nicht gleich am Anfang schon an das Ende denkt. Denn wenn das passiert, machst du es sowieso nicht, dann bleibst du sitzen. Wir haben uns als erstes in Mumbai in den Zug gesetzt und sind bewusst dreieinhalb Tage von dort nach Kalkutta gefahren, um erst einmal reinzukommen in das Land, in die Atmosphäre, die Kultur und die Menschen.

Trailer zu Max Zähles Abschlussfilm "Raju" (2011)

Zu „Raju“ hast Du damals gesagt, dass Du ein „relevantes Thema erzählen“ wolltest. Was ist das relevante Thema in "Schrotten!"?

Das Relevante ist zum einen, dass es sich um ein Milieu handelt, dessen Existenzkampf real ist. Schrotthändler sind wirklich eine Minderheit, die ums Überleben kämpft. Das ist kein globales Thema wie im Falle "Raju", in dem es um illegale Auslandsadoptionen und damit nach Waffen- und Drogenhandel um den weltweit drittgrößten illegale Markt geht. Hier geht es um eine regionale Relevanz, die sich genau vor unserer Haustür abspielt. Und es hat unglaublich relevante menschliche Aspekte. Im Kern geht es ja um die Werte einer Familie – in einer Zeit, in der sich in Deutschland dieser familiäre Zusammenhalt immer stärker auseinander dividiert. Ich wohne in einem Haus, in dem mehrere Generationen unter einem Dach leben – mit meinem Schwager, meiner Schwägerin und deren Kind, mit meiner Schwiegermutter. Mein verstorbener Schwiegervater hat bis vor drei Jahren dort auch noch mit gewohnt. Das heißt, dieser Familienaspekt ist mir wahnsinnig wichtig. Der Film zeigt, wie stark eine Familienbande ist und was dies für eine Anziehungskraft für jemanden hat, der das irgendwann verloren hat und schließlich merkt: Das ist es, was mir zum Leben gefehlt hat. Erst damit bin ich komplett!

Im Film wird kurz „Rotwelsch“ gesprochen, die im Mittelalter entstandene Geheimsprache der Vagabunden. Wie tief bist Du für die Recherche in die Kultur der Schrotthändlerfamilien eingetaucht?

Ich bin ja in Celle aufgewachsen und kannte die Schrotthändler-Dynastien, die sich in dieser Region angesiedelt hatten, von Kindesbeinen an. Das war natürlich von Vorteil, als ich nach 20 Jahren zurückgekommen bin, um in diesem Milieu zu recherchieren. Dass ich nicht bloß ein Großstädter aus Hamburg bin, der da ein bisschen in der Kleinstadt rumschnüffeln will, sondern dass sie von vorne herein gewusst haben, ich komme aus der Region, hat gleich ein Urvertrauen geschaffen. Dadurch konnte ich zwei Jahre mit den Schrotthändlern verbringen und auch etwas über ihre Sprache lernen, die nicht mehr ganz so viel gesprochen wird. Im Film passiert das ja auch nur kurz, wie im wirklichen Leben auch. Sonst hätte schnell die Gefahr gedroht, dass es romantisierend und folkloristisch wirkt. Genau wie die Schrotthändler immer weniger werden, geht auch der Gebrauch ihrer Sprache zurück. Aber dass es sie gibt, war wahnsinnig faszinierend, und dass wir sie mit diesem Film kurz aufleben lassen konnten, zeigt, wie faszinierend und fremdartig diese Welt ist.

Gleich zu Beginn sagt der von Lukas Gregorowicz gespielte Mirko: „Immer wenn ich versuche, mich von meiner Familie zu entfernen, zieht sie mich wieder zurück.“ – was ja verdächtig nach Al Pacino in "Der Pate 3" klingt. Welche filmischen Vorbilder hast Du in "Schrotten!" verarbeitet?

Michael Corleone, der sich als Sohn von der Familie losgesagt hatte und schließlich als Pate zurückkehrt, war natürlich Inspiration und spiegelt sich im Kleinen bei Mirko wieder. Ich würde das aber gar nicht so hervorheben, denn es war nicht so, dass ich gedacht habe: Ich nehme mir jetzt das Thema aus „Der Pate“ vor. Was ich mir zum Vorbild genommen habe, war das Kino der Coen-Brüder. "Fargo" ist beispielsweise ein Film, den ich heiß und innig liebe. So ist es auch in "Schrotten!" neben der Art des Humors auch die Landschaft, die eine wichtige Rolle spielt – mit der ganzen Lakonie in den Bildern. Was für ein Genre ist "Fargo"? Ist es eine Komödie? Ein Drama? Auch nicht wirklich. So habe ich es auch bei „Schrotten!“ gesehen. Das ist ja auch per se keine Komödie. Es stecken ja auch ein Drama und ein Heist-Movie drin.

Trailer zu "Schrotten!" (Kinostart: 5.5.2016)

Und deutliche Western-Motive sind auch nicht von der Hand zu weisen.

Ich bin nie damit hausieren gegangen, dass "Schrotten!" mit Western zu tun hat. Das wurde gesehen und unverhältnismäßig stark thematisiert. Man sollte den Zuschauer nicht mit der Erwartung ins Kino schicken, dass er jetzt einen Western zu sehen bekommt. Was "Schrotten!" hat, ist eine Western-Struktur. Du hast ein Dorf, das ums Überleben kämpft; den Stranger, der in die Stadt kommt; du hast einen klassischen Showdown, einen Zugraub und den Kampf Gut gegen Böse. Von der Struktur her ist das durchaus an eine Western-Dramaturgie angelehnt, nur eben erzählt als norddeutsche Geschichte über Schrotthändler. Und um diese Hommage auch mal aufleben zu lassen, gibt es natürlich auch ganz bewusste Zitate wie die Zugeinfahrt von "Spiel mir das Lied vom Tod", mit der wir ganz bewusst gespielt haben.

Spielerisch und gegen den Strich gebürstet ist auch die außergewöhnliche Filmmusik von „Schrotten!“, der den Film noch einmal auf eine ganz andere Ebene hebt. Wie ist es dazu gekommen?

Das war immer ein Traum von mir, dass so etwas passiert. Dazu muss man natürlich die Musiker finden, die diese Vision mit Dir teilen. Ich kann ja nur sagen, was ich mir vorstelle und die Musiker müssen das dann umsetzen. Ich habe mich mit dem Daniel Hoffknecht von zimmermitaussicht getroffen und der hat gesagt: Du kannst jetzt zwei Sachen machen. Du kannst den Schrott und den Dreck erzählen mit der Musik. Oder du erzählst das Herz und die Familie. Wenn Du den Schrott erzählt und dreckigen Punk reingehauen hättest, wäre das ins Komödiantische abgedriftet und klein geworden. Da wäre mit den Figuren nichts passiert. Wir wollten genau das Gegenteil machen. Mit der Musik wollten wir das Märchenhafte, das leicht Verzauberte der Geschichte betonen und so den Film leicht abheben lassen. Dass du musikalisch ans Herz gehst und genau dadurch gegen den Strich komponierst. Wenn sich die beiden Brüder aufs Maul hauen, tun sie das ja nicht, weil sie sich weh tun wollen, sondern weil Mirko in diesem Moment wirklich heimkommt. Da willst du keine rasante Musik drauflegen, weil das dann völlig oberflächlich wäre und nicht beschreibt, was auf zweiter Ebene passiert. Diese zweite Ebene wollten wir durch die Musik erzählen. Und ich finde, das haben sie ganz zauberhaft und für einen deutschen Film völlig außergewöhnlich gelöst. Ganz toll – von der Musik bin ich auch selber immer noch emotional begeistert!

Dein Ensemble und vor allem die Hauptrollen sind mit richtigen Charakterdarstellern gespickt. War die Zusammenarbeit mit derartigen Charakterköpfen für Dich als Jungregisseur herausfordernd oder hilfreich?

Ich bin ja auch ein Charakterkopf! (lacht) Ich habe mich mit jedem einzelnen getroffen und lange über die Figur gesprochen. Die haben das Buch und ihre jeweiligen Figuren so heiß und innig geliebt – da gab es keinen Kampf und am Set auch keine großen Diskussionen. Wir haben alle an einem Strang gezogen, um gemeinsam das Beste rauszuholen. Es war ja auch kein einfacher Dreh. Es ist ja toll, dass jetzt alles so leicht wirkt, der Dreh war aber alles andere. Wir sind in den Winter gerutscht, weil es ein Herbstfilm werden sollte und irgendwann hatten wir nur noch sieben Stunden Tageslicht. Und dieser Film ist zu 90 Prozent draußen entstanden! Es standen ja alle Zeichen dagegen, dass es hinhauen würde: Schweres Gerät, dieses tolle Ensemble und dann noch ein Debütfilm! Wenn es da nicht zwischenmenschlich und auch die künstlerische Vision betreffend gefunzt hätte, wäre nichts daraus geworden.

In der ZEIT stand über Deine Kurzfilme, dass sie „eindringlich sind ohne aufdringlich zu sein.“ Eine Einschätzung, die auch wunderbar für "Schrotten!" passt. Inwiefern würden Du das selbst als Maxime Deines filmischen Schaffens bezeichnen?

Was mir wahnsinnig wichtig ist: Es muss uneitel sein! Du darfst nicht als Filmemacher posen und vorgeben, dass du oder dein Film etwas wärst, was du gar nicht bist. Es ist wichtig, dass du da wahrhaftig bleibst und vor allem unzynisch. Im deutschen Film passiert es ganz häufig, dass da ein gewisser Zynismus einzieht, hinter dem sich die Macher dann verstecken. Der offene, uneitle Umgang mit dem Thema ist es, der mir wichtig ist. Der Auftritt von Alexander Scheer als Rambo ist in seiner Kalauerhaftigkeit der lauteste Moment. Dass es ihn gibt, tut dem Film glaube ich ganz gut, aber mehr als einmal hätte das nicht passieren dürfen. Sonst wäre es ins Comedyhafte abgedriftet. Und das wäre nicht gut gewesen, denn bei aller Leichtigkeit muss bei so einem Thema Ernsthaftigkeit dabei sein, weil es sonst aufdringlich wird.

'Rambo'-Clip aus "Schrotten!" (Kinostart: 5.5.2016)

Abschließende Frage: Was für filmische Traumprojekte hast Du als nächstes auf dem Zettel?

Ich kann noch nicht über ein konkretes Folgeprojekt sprechen, aber Fakt ist, dass ich als nächstes keine Komödie machen werde. Ich will mich da nicht wiederholen, weil man ja schnell in einer Schublade landet. Ich denke, es wird auf jeden Fall etwas Dramatischeres. (lacht)

Text/Interview: Alexander Attimonelli

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