Der Late-Night-Hype im Netz

Ben Affleck zu Besuch in der "The Tonight Show Starring Jimmy Fallon"
Foto: Theo Wargo/Getty Images for NBC
Was wir bereits wissen
Jimmy Fallon & Co.: Warum die Spätvorstellungen im TV längst die Prime Time im Internet sind.

Sagen Ihnen die Name Ed Sullivan oder Steve Allen etwas? Nein? Aber bei Johnny Carson klingelt's, oder? Zumindest David Letterman dürfte spätestens seit Mitte der 1990er-Jahren auch in Deutschland als einer der ganz großen "Late-Night-Hosts" ein Begriff, als Harald Schmidt mit seiner Show bei SAT.1 auf Sendung ging.

In den letzten Jahren ist die Late-Night-Szene in den Vereinigten Staaten gehörig in Bewegung geraten - das lag nicht zuletzt an der Staffelübergabe bei den großen Networks: Auf Jay Leno folgte beim Sender NBC Jimmy Fallon, bei der Konkurrenz ging Letterman nach 33 Jahren und über 6.000 Sendungen insgesamt in die wohlverdiente Rente. Dort nahm Stephen Colbert seinen Platz ein.

Doch neben dieser Verjüngungskur hat vor allem aber ein veränderter Medienkonsum seinen Einfluss auf das Genre ausgeübt - wenn er nicht gar das ganze Humorverständnis einer Generation in Richtung einer popkulturellen Revolution verschoben hat. Denn mal ehrlich, wer kann sich am nächsten Morgen noch an einzelne Witze aus dem Stand-up erinnern? Oder gar an die drögen Interviews mit den geladenen Gästen, die in der Regel ihren neuen Film, ihr neues Buch oder ihre neue Platte promoten wollen? Nicht ohne quotentechnischen Grund sind diese gen Ende im Sendungsablauf vorgesehen - Gesprächsstoff bieten sie am nächsten Tag mit den Kollegen im Büro weniger. Es sei denn, es passiert außergewöhnliches.

Nichts für Frühaufsteher

Die Erkenntnis, dass sich der Medienkonsum diversifiziert, ist alles andere als neu. Die Frage aber bleibt: Wie kann sich ein Showformat in Zeiten von YouTube und Streamingdiensten seine Relevanz bewahren? Oder gar neue Zielgruppen ansprechen, die sich zu den Frühaufstehern zählen? Lagerfeuermomente - wie etwa die großen Samstagabendshows hierzulande - sind diese Sendeplätze kurz vor bis weit nach Mitternacht ohnehin nie gewesen. Durch das Internet sind, um im Bild zu bleiben, viele kleine konkurrierende Brandherde, wie etwa die Humor-Online-Portale Collegehumor und FunnyOrDie, hinzugekommen. Zudem haben es Witze auf Kosten aktueller Ereignisse schwer, wenn die Taktzahl bis zu fünf Sendungen pro Woche beträgt.

Kaum einer hat es besser verstanden als Jimmy Fallon: Wer am nächsten Tag noch in aller Munde sein möchte, muss die Menschen tags darauf in ihrem Alltag erreichen. Und das heißt übersetzt: im Internet. Die Inhalte seiner Showsegmente sind schon so konzipiert, sich danach viral im Internet zu verbreiten. Portioniert auf kleine, schnell zu konsumierende Leckerbissen. Die Ursprungsidee der Late-Show-Formate, eine unterhaltsame Variante des Sandmännchens für Erwachsene zu sein, gerät dabei mehr und mehr in den Hintergrund. Wichtig ist es, Gesprächsstoff zu liefern - und im zweiten Gang vielleicht doch wieder mehr Leute vor die TV-Geräte zu bekommen.

Sketche irgendwo zwischen Showbusiness, Medien und Politik

Erreicht hat Fallon das Ganze dadurch, indem er den Varieté-Anteil der Show gehörig nach oben geschraubt hat: In keiner anderen Sendung wird soviel gesungen, getanzt und gespielt. So hat Fallon beispielsweise die Reihe "Lip' Sync Battle" aus der Taufe gehoben, eine Rubrik, die mittlerweile sogar eine eigene und von LL Cool J moderierte Show bekommen hat, in der Prominente gegeneinander antreten.

Jimmy Fallon und Justin Timberlake: "History of Rap"

Die mittlerweile sechs Ausgaben umfassende Rubrik mit Justin Timberlake "History of Rap", hat auch Jan Böhmenmann zu einer offenen Hommage in Form einer "History of Deutschrap" inspiriert.

Böhmermann und Dendemann: "History of Deutschrap"

Selbst die ganz große Politik schaut regelmäßig vorbei: US-Präsident Barack Obama nutzt die Late-Night-Szene regelmäßig für Auftritte, um seine Politik zu vermitteln. Aber nicht in Form eines x-beliebigen Interviews, sondern "gejammt".

Obama jammt die News

Auch seinen Hintergrund als Parodist, den sich Fallon als Ensemblemitglied der legendären Talentschmiede von "Saturday Night Live" erarbeitet hat, kommt in seiner Show nicht zu kurz. Ein beliebtes Leitmotiv: erfolgreiche TV-Serien wie "Breaking Bad" oder "Game of Thrones" neu interpretieren.

Fallons "Breaking Bad"-Parodie

Must-see-TV am nächsten Tag: Der "Prankster" Kimmel

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch der andere Jimmy in der Szene: Jimmy Kimmel in seiner Show beim Network ABC. Schon einen modernen Klassiker kann man seine Streiche zu Halloween nennen, bei denen er Eltern dazu aufruft, dem Nachwuchs weiszumachen, man hätte nachts klamm und heimlich die Süßigkeitenausbeute der Kids vernascht - und nun sei alles futsch. Die Reaktion der Kinder wird gefilmt - bei "Jimmy Kimmel Live" gibt es dann einen Zusammenschnitt der besten Einsendungen. Aber auch die dauerinszenierte Fehde mit Matt Damon ist wohl eines der besten Beispiele für einen "Running Gag".

Jimmy Kimmel vs. Matt Damon

Von wegen, Kulturpessimismus!

Einen gewissen Kontrapunkt zu den werktäglichen Late-Night-Formaten setzt der britische Comedian John Oliver, der mit seiner Show "Last Week Tonight" nur einmal pro Woche, sonntags beim US-Bezahlsender HBO, auf Sendung geht. In der Anmutung hat die Show viel mit der "Daily Show" gemein, in der Oliver als Korrespondent begann. Doch kann er durch seine Programmierung nicht allein Häppchen liefern, sondern ganz dicke Brocken. Oliver widmet sich in der halbstündigen Show auch mal gerne zwanzig Minuten am Stück einem Thema und stellt das Video anschließend in voller Länge ins Netz. Tiefgehende Recherche und beißend-aufklärerischer Spott gehen bei Oliver Hand in Hand. Ganz nebenbei widerlegt er dabei die These von einer nachlassenden Aufmerksamkeitsspanne durch intensiven Internetkonsum, denn die Leute bleiben bei der Stange.

Da Humor eine universelle Sprache spricht, macht er auch nicht an den Grenzen der USA halt und verbreitet sich weltweit. Gewöhnlich sind die Verbreitungswege über soziale Netzwerke auch die einzigen Möglichkeiten für nicht-amerikanische Nutzer in den Genuss der Late-Show-Inhalte zu kommen. Zwar haben alle großen US-Networks gut sortierte Mediatheken, doch zumeist sind diese mit einem sogenannten "Geogeblocking" versehen - und lassen sich nur für technisch versiertere in einer rechtlichen Grauzone umgehen. Einzige Ausnahme derzeit ist die "Tonight Show" mit Jimmy Fallon, die der Sender EinsFestival allabendlich gegen 23 Uhr im Original mit deutschen Untertiteln ausstrahlt.

Ein Blick auf die Abonnentenzahlen der YouTube-Kanäle allein zeigt, dass diese die täglichen Einschaltquoten der linear im TV ausgestrahlten Sendungen um ein Vielfaches übersteigen. Während bis spätabends bis zu fünf Millionen Amerikaner ihren Fernseher zu seiner Sendung einschalten, ist bei YouTube der Kanal von Jimmy Fallons "Tonight Show" mit 10.897.906 Abonnenten einsamer Platzhirsch.

Doch damit ist wenig über die Zugriffszahlen einzelner Netzvideos gesagt. Nur ein Beispiel unter vielen: Mit einer Ausgabe seiner ohnehin schon erfolgreichen Rubrik "Carpool Karaoke" kam "Late Late Show"-Moderator James Corden bei etwas mehr als fünf Millionen YouTube-Abonnenten auf über 102 Millionen Views. Mit ihm im Auto und musikalisch unterwegs war dabei: Superstar Adele.

"Carpool Karaoke" mit Adele

Die erste globale Late-Night-Show?

Dass mit der Komikerin Chelsea Handler ab dem 11. Mai nun eine weitere Protagonistin in den Ring der immer noch männlich dominierten Late-Show-Moderatoren steigt - wenngleich sie, streng genommen, zurückkehrt, da sie von 2007 an bereits für sieben Jahren mit "Chelsea Lately" auf dem Kabelsender "E!" im Einsatz war - ist auf jeden Fall ein Indiz dafür, dass das Genre lebt - und dass auch der Streamingdienst Netflix an seinen Erfolg glaubt. Ein Ausspielkanal, dessen Markenkern es eigentlich ist, über kein festes Programmschema zu verfügen, über feste Programmzeiten schon mal gar nicht. Dennoch: Dreimal die Woche, von Mittwoch bis Freitag, wird es eine neue Ausgabe von "Chelsea" geben - ausgestrahlt in über 190 Ländern, das sind einmalige Startbedingungen. Die Veröffentlichung der Ausgaben wird sich nach der US-Westküstenzeit richten: 24 Uhr Ortszeit, also 9 Uhr deutscher Zeit.

Gut verstanden, soviel lässt sich bereits vor der ersten Folge sagen, hat Handler die Vermarktungsmechanismen der sozialen Netzwerke. So gab sie etwa als Ankündigung für den Start ihrer neuen Show eine etwas andere Pressekonferenz, live gestreamt im Internet. Man kann das durchaus eine Stand-up-Improvisation par excellence nennen: Die User liefern die Fragen und somit die "Feed Line" - und Handler nagelt ihre "Punch Line", die Pointe obendrauf.

Offen bleibt die Frage, welche persönliche Note sie dem Format zu geben vermag. Dem Fernsehsender NBC verriet sie vorab im Interview, ihr Ansatz sei es, eine Collegeausbildung, die ihr bisher fehle, auf Kosten von Netflix nachzuholen. Sie wolle Wissen mit dem Instrument des Humors zutage fördern, was bedeuten könnte, dass Gossip-Themen und die oberflächlichen Plattitüden des Showbusiness bei ihr keinen Platz finden werden. Zudem geht sie mit Kollegen hart ins Gericht, allen voran Stephan Colbert, der beim Sender ComedyCentral noch als satirische Figur eines Neokonservativen eine eigene originelle Stimme gehabt hat, dann aber bei CBS nur die "Fußstapfen von Letterman" ausfüllte.

Diktat der Rituale?

Trailer von "Chelsea"

Der Trailer zur Show verspricht eine Vielzahl von sogenannten "Field pieces", also vorproduzierte Einspielern im Außeneinsatz. Schön wäre da natürlich - allein wegen der internationalen Zuschauerschaft in fast allen Nationen - ein Zugang, der sich nicht allein auf US-Themen konzentriert, sondern global Akzente setzt. Inwieweit dies bei drei Shows pro Woche und einer Studioproduktion in Los Angeles einzuhalten ist, bleibt abzuwarten.

Bei aller Kritik an anderen, eine komplette Neuerfindung des Rades darf man unterdessen auch von Chelsea Handler nicht erwarten. Ein Ziehen an einzelnen Stellschrauben - Musikband, Schreibtisch, Sidekick im Studio: ja oder nein? - machen nicht alles obsolet. Auch der Kanal dürfte nicht alles entscheidend sein, sondern das Format und die eingespielten Mechanismen der Comedy. Und da kann eine Late-Night-Tradition, die auch nach 60 Jahren noch Bestand hat, nicht allzu viel falsch gemacht haben.

Autor: Michael C. Starke/WSFT

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