Eine Frau für gewisse Rollen: Friederike Becht

Sprossen, die die Welt bedeuten: Friederike Becht (29) im Probenraum der Universität der Künste Berlin
Sprossen, die die Welt bedeuten: Friederike Becht (29) im Probenraum der Universität der Künste Berlin
Foto: © Alexander Attimonelli
Was wir bereits wissen
Sie war "Käthe Kruse" und stahl zuletzt als radikale Umweltaktivistin im Bremer "Tatort" die Show. Wir trafen die 29-jährige Schauspielerin für unsere Rubrik "GOKA-Talents" zum exklusiven Gespräch.

Die Wiedersehensfreude ist groß und aufrichtig. Als sich Friederike Becht an einem sonnigen Frühsommertag zum Gespräch mit der GOLDENEN KAMERA in der Universität der Künste Berlin trifft und nach einem herzlichen Plausch mit alten Bekannten in der Verwaltung durch die Gänge zum alten Probenraum streift, spürt man, dass sich die 29-Jährige am renommierten Ort ihrer Ausbildung noch immer zuhause fühlt. Ein vereinnahmendes Gefühl, das sich auch beobachten lässt, wenn man die Schauspielerin auf der Bühne oder vor der Kamera erlebt – wie aktuell im Rahmen des 3sat-Krimisommers. Am 20. Juli um 23.50 Uhr läuft die Episode "Summertime" aus der Reihe "Verbrechen nach Ferdinand von Schirach", in der Becht als Gelegenheits-Callgirl Stefanie Becker auch und vor allem schauspielerisch heraussticht.

Friederike Becht im Portrait

Nach dem von 2004 bis 2008 währenden Schauspielstudium an der Universität der Künste führten Friederike Becht freie Theaterengagements unter anderem ans Hamburger Ernst Deutsch Theater, ans Schauspielhaus Zürich und zum Berliner Ensemble, wo ihr die Rolle der Thekla in Peter Steins „Wallenstein“-Inszenierung beim Branchenblatt theater heute die Nominierung als beste Nachwuchsschauspielerin einbrachte. 2009 folgte der Sprung ins Ensemble am Schauspiel Essen unter Intendant Anselm Weber, mit dem sie im Jahr darauf ans Schauspielhaus Bochum wechselte, an dem sie bis heute fest engagiert ist.

Mit ein Grund für diese Standorttreue sind die Freiräume, die sie für ihre andere Leidenschaft, die Arbeit vor der Kamera zugestanden bekommt. Was mit einer kleinen Nebenrolle im internationalen Kinoerfolg "Der Vorleser" (2008) und einer ersten Hauptrolle im DDR-Sportlerdrama "Westwind" (2011) begann, hat sich zu einem kleinen Œvre handverlesener Rollen gemausert, in dem sich Friederike Bechts Talent zur ungekünstelten Charakterisierung einer fiktiven oder auch oftmals historischen Figur wiederspiegelt. Ein Talent, das 2015 mit dem Ulrich-Wildgruber-Preis ausgezeichnet wurde und so den Traum einer Filmkarriere manifestierte, der bereits im zarten Alter von 9 Jahren begann...

Friederike Becht im Interview

Du bist in einem pfälzischen Dorf namens Winden aufgewachsen. War die Schauspielerei eine Art Ausbruch für Dich?

Die Schauspielerei war sicherlich ein Ausbruch. Wegen der Schauspielerei bin ich mit 17 nach Berlin gezogen, habe das dörfliche Leben hinter mir gelassen und mich auf eigene Beine gestellt. Ich musste lernen, mich um mich selber zu kümmern und ein Stückchen erwachsen zu werden. In dieser Hinsicht war es definitiv ein Ausbruch. Wie ich aber zur Schauspielerei gekommen bin, ist eine andere Geschichte. Mit 9 Jahren war ich das erste Mal im Kino und wir haben "König der Löwen" gesehen. Vor allem dieser Saal hat mich wahnsinnig beeindruckt. Dass so viele Menschen zusammenkommen, um dieselbe Geschichte zu sehen. Und was dabei passiert, wenn man sich mit so vielen Leuten zusammen etwas anschaut und gemeinschaftlich Emotionen durchlebt. Diesen Effekt fand ich toll und ich dachte: Das will ich auch – da vorne stehen und etwas zu erzählen haben, was im besten Fall eine Magie erzeugt.

Wir führen dieses Interview im Probenraum Deiner alten Schauspielschule. Was war das Wichtigste, das Du von hier als Erkenntnis mitgenommen hast?

Es sind eher einzelne Momente, die sich mir eingeprägt haben. Wie beispielsweise eine Äußerung von meinem damaligen Dekan Andreas Wirth: Ich sollte ihm versprechen, dass ich mich in diesen Beruf komplett reinwerfe, bevor ich der Versuchung nachgebe, aufzugeben. An der Schauspielschule bist du total behütet, kriegst wahnsinnig tollen Unterricht – aber mit der Welt da draußen hat es nicht allzu viel zu tun. Das hat mir irgendwie eingeleuchtet, dass man sich da reinschmeißen muss. Solch kleine Aha-Momente gab es eine ganze Reihe – im Bewegungsunterricht oder im Sprachunterricht wo man plötzlich verstand: Wow, das öffnet ja total die Räume! Das hat mich weitergebracht.

Theater-Kostprobe vom "Georg Büchner Poetry-Slam"

Die strikte Trennung zwischen Theater und Film ist ja mittlerweile Geschichte. Trotzdem, wie gelingt Dir dieser künstlerische Spagat?

Künstlerisch ist es eine Bereicherung. So fällt mir die Decke nicht auf den Kopf. Wenn ich beides machen kann, Theater und Film, ist das für mich total erfrischend. Ich schöpfe aus dem einen Energie, und Lust für das andere.

In einem alten Interview hast Du gesagt, dass Du vor der Kamera auch lernst. Kannst Du uns das erläutern?

Das Interview ist aber schon lange her, oder? (lacht) Damit habe ich sicherlich das reduzierte Spiel gemeint. Damals hatte ich erst eine Sache gedreht. Eine kleine Rolle bei "Der Vorleser". Da habe ich noch ziemlich viel agiert, weil ich zeigen wollte, was meine Haltung war. Dadurch fühlt sich mein Körper aber an, als müsste er gleich Marathon laufen. Und da habe ich angefangen zu verstehen: So geht das wohl nicht! (lacht) Ich glaube schon, dass man eigentlich genau diese Kraft braucht, aber vor der Kamera muss man die anders kanalisieren. Das heißt nicht, dass du dich weniger konzentrieren musst, aber du musst nicht den ganzen Raum bespielen. Das ist ein Unterschied, den man erst einmal begreifen und erlernen muss.

2015 hast Du den Ulrich-Wildgruber-Preis gewonnen und in der Laudatio heißt es über Dein Schauspiel: "Ungekünstelt, bestechend direkt und mit großer Aufrichtigkeit in der Darstellung ihrer Figuren". Ich würde das unterschreiben. Erkennst Du Dich selbst auch in dieser Beschreibung wieder?

Das klingt auf jeden Fall super! (lacht) Wenn das Leute so empfinden, freue ich mich. Ich selber kann das gar nicht so sagen.

Das Preisgeld sollte es Dir ermöglichen, Deinen "ganz persönlichen schauspielerischen Weg" fortzusetzen. Kannst Du uns den genauer beschreiben?

Ich versuche auszuwählen. Ich möchte nichts annehmen, was mir vom Buch oder von der Rolle her nicht hundertprozentig gefällt. Und das ist es vielleicht auch, was beim Wildgruber-Preis mit dem "eigenwilligen Weg" gemeint ist.

Den Preis gab es damals für Deine Rolle in "Im Labyrinth des Schweigens" und über die Figur der Marlene hast Du damals gesagt, dass sie die Hoffnung und das Lebendige verkörpert. Im "Tatort: Der hundertste Affe" hast Du zuletzt das personifizierte ökologische Gewissen gespielt. Wie wichtig ist es für Dich, dass Deine Rollen auch Personifikationen einer größeren Idee sind?

Es geht mir nur um den individuellen Charakter. Alles andere ist die Interpretation des Zuschauers oder von mir selber.

Bei "Im Labyrinth des Schweigens" stand Dein Name erstmals mit auf dem Plakat. Wie wichtig ist Eitelkeit für einen Schauspieler?

Eitelkeit bringt einen Schauspieler nicht weiter. Aber was mein Lehrer damals schon gesagt hat: sich reinschmeißen und fokussiert sein. Wissen, was man will. Das ist ein guter Leitsatz, finde ich.

Trailer zu "Käthe Kruse" (2015)

Du hast sehr viele historische Figuren gespielt: "Käthe Kruse", "Hannah Arendt", Cosima Wagner in "Der Wagner-Clan", die Ehefrau von Marcel Reich-Ranicki in "Mein Leben". In wie weit ist es für Dich eine doppelte Herausforderung, Rolle und Vorbild gleichzeitig gerecht zu werden?

Wenn ich eine historische Figur wie Hannah Arendt zu spielen habe, lese ich nicht nur Material über sie, sondern auch über die damalige Zeit. Das ist der Mehraufwand, den ich für mich selber betreibe, weil es mich interessiert. Nicht unbedingt, weil man es für die Figur braucht, aber mir hilft es, ein Gefühl für die damaligen Lebensumstände zu bekommen, die einem vielleicht fremd sind. Das kann natürlich auch für eine zeitgenössische Figur gelten. Ich bin beispielsweise nicht adelig und auch nicht in der Gosse geboren oder im Heim aufgewachsen. Das wären ebenfalls Sachen, mit denen ich mich auseinander setzen würde. Für "Westwind" habe ich mich mit dem Leistungssport in der DDR auseinander gesetzt. Das mache ich für mich. Ich bin damals nach Döbeln in Sachsen gefahren, um zu wissen, wie es da ist, wenn ich im Film den Satz sage: „Wir kommen aus Döbeln.“ (lacht) Das kann man natürlich nicht immer machen, weil man die Zeit nicht hat. Aber mir hilft das, ein Basisverständnis zu kreieren. Spielerisch ist vieles davon gar nicht nötig und am Ende muss man es wegwerfen, weil es Ballast zu werden droht und man sich nur auf die Situation konzentrieren muss. Man lernt so aber auch immer etwas dazu.

Trailer zu "Westwind" (2011)

Dein nächstes großes Projekt ist der für 2017 angekündigte ZDF-Dreiteiler "The Same Sky". Welche Rolle spielt Deine Rolle darin?

Das ist eine Riesengeschichte! Es geht um Menschen im Westen und im Osten zur Zeit des Kalten Krieges. Es sind drei große miteinander verwobene Geschichten. In meinem Strang geht es um einen Romeo-Agenten, der von Tom Schilling gespielt wird. Es geht da auch um die berühmte Berliner Abhörstation auf dem Teufelsberg, in der meine Figur arbeitet und darum in den Fokus des Romeo-Agenten gerät.

Wie beurteilst Du persönlich das Erfolgsmodel, deutsche Historie anhand von persönlichen Schicksalen zu erzählen?

Ich glaube, international wird der deutsche Film eher wahrgenommen, wenn er einen historischen Aufhänger hat. Was schade ist, denn so können wir gar nicht zeigen, dass wir im Erzählen fiktionaler Stoffe eventuell genauso gut sind. "Toni Erdmann" von Maren Ade hat das in Cannes unter Beweis gestellt. Der ist ja sensationell gut angekommen und hat überhaupt nichts mit deutscher Geschichte zu tun. Das freut mich. Sollten wir öfter machen! (lacht)

Woran hapert es denn Deiner Meinung nach?

Das Talent dafür ist auf jeden Fall da, man muss es halt nur fördern. Zum Glück passiert das ja auch immer mehr.

Gibt es in diese Richtung Wunschprojekte, mit denen Du liebäugelst?

Ich habe gerade noch einen tollen Film gedreht: "Die Vierhändige" von Oliver Kienle, einem jungen Regisseur. Ein Psycho-Drama. Ich fand die Arbeit spannend und eine Erfahrung, die ich sehr gerne gemacht habe. Das ist mal eine ganz andere Erzählweise mit einer komplett anderen Bildsprache – und meine Figur ist auch total abgefahren. Er soll wahrscheinlich 2017 in die Kinos kommen, da freue ich mich schon sehr drauf! "Die Vierhändige“ war so ein Projekt, wie ich es mir gewünscht habe. Ansonsten hoffe ich, dass weiter gute Drehbücher und gute Rollen kommen.

Text + Interview: Alexander Attimonelli

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