Film- und Fernsehwunderland Dänemark

Elle Fanning auf dem Poster-Artwork von Nicolas Winding Refns "The Neon Demon"
Elle Fanning auf dem Poster-Artwork von Nicolas Winding Refns "The Neon Demon"
Foto: © Koch Media (24 Bilder)
Was wir bereits wissen
Zum Kinostart von Nicolas Winding Refns "The Neon Demon" stellen wir uns erneut die Frage: Warum kommen die spannendsten Kino- und TV-Produktionen Europas von unseren nordischen Nachbarn?

Seit dem 23. Juni läuft in unseren Kinos ein Film, der in Cannes 2016 für hitzige Diskussionen gesorgt hat und dadurch einmal mehr einen Trend belegt, der seit einigen Jahren besteht: Wenn ein Film oder eine Serie für internationales Aufsehen sorgt, stehen die Chancen gut, dass Dänen ihre Finger im Spiel hatten.

Nach "Drive" (2011) ist "The Neon Demon" das zweite Filmprojekt, das Regisseur Nicolas Winding Refn mit seiner Kopenhagener Produktionsfirma Space Rocket in Los Angeles gedreht hat. Darin begleiten wir Jesse (Elle Fanning) in die Hauptstadt des schönen Scheins, wo die blutjunge Waise als Nachwuchsmodel umgehend zum gefeierten It-Girl avanciert, deren natürliche Schönheit aber nicht nur bei ihren Laufsteg-Konkurrentinnen horrende Begehrlichkeiten weckt.

Trailer zu "The Neon Demon" (OF) (Kinostart: 23.6.2016)

Wie in seinem letzten Film "Only God Forgives" (2013) lässt Refn seine atemberaubend durchgestylte Erzählung, in der er die oberflächliche Künstlichkeit der Modewelt auf die blutig-reale Körperlichkeit eines Horrorfilmplots prallen lässt, kunstvoll zwischen Traum und Wirklichkeit oszillieren. Das dabei entstandene Hochglanz-Filmkunstwerk wird nicht jedermanns Geschmack sein, aber definitiv jedem in Erinnerung bleiben – vor allem, wenn man weiß, dass "The Neon Demon" für das erstaunlich geringe Budget von 6 Millionen Dollar entstanden ist. Was Regisseur Refn mit einem Satz kommentiert, der gleichzeitig die Erfolgsformel der dänischen Film- und Fernsehlandschaft auf den Punkt bringt: "Das Tolle an Hindernissen ist doch, dass Du kreativ sein musst."

Filmnation Dänemark

Obwohl die dänische Filmindustrie auf eine glorreiche Stummfilmgeschichte und Auslands-Oscar-Gewinne in den Jahren 1987 ("Babettes Fest") und 1988 ("Pelle, der Eroberer") zurückblicken kann, war Kino Made in Dänemark im Ausland lange Jahre höchstens durch die Spaßabenteuer der "Olsenbande" bekannt. Das schrullige Safeknacker-Trio trieb zwischen 1968 und 1981 seinen filmischen Schabernack und spiegelte in seiner sympathischen aber letztendlich harmlosen Gefälligkeit wider, dass im staatlichen Förderungssystem des 1972 gegründeten Dänischen Filminstituts jahrzehntelang auf Nummer sicher gegangen wurde...

Clip aus "Die Olsenbande schlägt wieder zu" (1977)

Die Zeit der institutionellen Bevormundung endete am 13. März 1995 mit einem Manifest. Die Regisseure Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kristian Levring und Søren Kragh-Jacobsen riefen als Gegenentwurf zum immer realitätsferneren Hollywoodkino ein "Dogma" aus, nach dem die "kosmetische" Nutzung von Kunstlicht, Kulissenbau und jedweder Tricktechnik zum Ziele größtmöglicher Authentizität verboten war. Neben von Triers "Idioten" schrieb sich 1998 Vinterbergs "Das Fest" über eine aus dem Ruder laufende Familienfeier als Paradebeispiel des Dogma-Prinzips ins Filmgeschichtsbuch ein, für das der Regisseur auch prompt den Spezialpreis der Jury von Cannes verliehen bekam...

Originaltrailer zu "Das Fest" (1998)

Aus der 2005 von den Gründungsmitgliedern wieder zu Grabe getragenen Dogma-Bewegung erwuchsen mehrere Schlüsselfiguren, die in ihrem Schaffen auch die frappierende Vielseitigkeit des dänischen Kinos personifizieren...

Lars von Trier etablierte sich mit internationalen Erfolgen wie "Dancer in the Dark" (2000) und "Dogville" (2003) als Experte für existentielle Schockpsychogramme und trieb sein Streben nach Realismus mit dem "Heartcore"-Ableger seiner Produktionsfirma Zentropa für pornografische Spielfilme auf die Spitze. Eine packende Synthese dieser beiden Schwerpunkte stellt von Triers Skandalfilm-Opus "Nymphomaniac" dar...

Trailer zu "Nymphomaniac: Vol. 1" (2013)

Für beklemmende Dramen steht seit "Für immer und ewig" (2002), "Brothers – Zwischen Brüdern" (2004) und "Nach der Hochzeit" (2006) Susanne Bier, die zuletzt die gefeierte Spionage-Miniserie "The Night Manager" vorgelegt hat und 2011 mit "In einer besseren Welt" für Dänemark den dritten Oscar in der Kategorie "Bester nicht englischsprachiger Film" gewann...

Trailer zu "In einer besseren Welt" (2010)

Susanne Biers Stammautor Anders Thomas Jensen hat als Regisseur die schwarzhumorig-schräge Komödien für Dänemark berühmt gemacht und in Filmen wie "Blinkende Lichter" (2000), "Dänische Delikatessen" (2003) und vor allem "Adams Äpfel" (2005) demonstriert, dass das Spiel mit dem guten Geschmack hohen Unterhaltungswert haben kann...

Trailer zu "Adams Äpfel"

Fernsehnation Dänemark

Doch Dänemark ist nicht nur im europäischen Kino das Maß aller Dinge. Auch im Bereich serieller TV-Produktionen sind unsere nördlichen Nachbarn ganz weit vorne. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass vielschichtige Krimi-Serien wie "Die Brücke" und "Kommissarin Lund" bereits vom amerikanischen Fernsehen adaptiert worden sind. Und es gibt nicht wenige, die das 3 Staffeln umfassende Polit-Drama "Borgen – Gefährliche Seilschaften" über die menschlichen Krisen einer nach der Macht strebenden Politikerin jeder "House of Cards"-Episode mit Kusshand den Vorzug geben würden...

Trailer zur dritten Staffel "Borgen - Gefährliche Seilschaften" (2013)

Das Erfolgsprinzip der in all diesen Beispielen eindrucksvoll zum Tragen kommende „Doublestory“ lässt sich gut am Beispiel der neuen Drama-Serie "Die Erbschaft" beschreiben. Oberflächlich geht es um den Erbschaftstreit einer Großfamilie, im Kern aber um die Frage, was Familie in Zeiten sich auflösender gesellschaftlicher Gewissheiten überhaupt noch bedeutet. Damit erzählen dänische Serien universell bedeutsame Geschichten, in denen dem modernen Leben unverblümt auf den Zahn gefühlt wird. Und das ist auch einem Paradigmenwechsel geschuldet, der in der öffentlich-rechtlichen TV-Produktion Dänemarks Einzug gehalten hat: Nicht mehr Redakteure oder Regisseure haben das letzte Wort, sondern der Chefautor, dessen inhaltliche Vision damit erhalten bleibt.

Fazit und 3 dänische Geheimtipps

Mit der von Nicolas Winding Refn beschworenen Kreativität und der in der dänischen Serienproduktion konsequent umgesetzten Autorenschaft hat sich Dänemark zu einem Film- und Fernsehwunderland gemausert, das international herausragt, weil bei jedem Projekt eine Haltung erkennbar ist. Eine Haltung, die nicht auf plumpe Unterhaltung, sondern auf die Erzeugung einer unverwechselbaren eigenen Sprache setzt, mit der Themen von gesellschaftlicher Relevanz in filmische Schmuckstücke verwandelt werden.

In diesem Sinne hier noch drei Geheimtipps Made in Denmark...

"Rita" (2012 – Serie von Christian Torpe)
In der bislang 3 Staffeln umfassenden und weitaus intelligenteren dänischen Antwort auf "Bad Teacher" (2011) mit Cameron Diaz glänzt Mille Dinesen als titelgebende Anarcho-Lehrerin, die selbst noch in der Schule des Lebens die Bank drückt...

Originaltrailer zur Serie "Rita" (2012)

"Walhalla Rising" (2009 – von Nicolas Winding Refn)
In seiner letzten heimischen Produktion stürzt Regisseur Refn Dänemarks größten Schauspielexport Mads Mikkelsen als stummen Wikinger-Krieger in eine archaische Odyssee der mystischen Selbstfindung...

Trailer zu "Walhalla Rising" (2009)

"Klovn - The Movie" (2010 – von Mikkel Nørgaard)
Zwischen 2005 und 2009 haben die beiden Komiker Casper Christensen und Frank Hvam ihr eigenes Leben zum Gegenstand einer ins Groteske überzeichneten Sitcom gemacht. Im ersten von zwei frappierend deftigen Filmablegern entführt Frank seinen 12-jährigen Neffen, um seine schwangere Freundin von seiner Vaterschaftsreife zu überzeugen...

Originaltrailer zu "Klovn - The Movie" (2010)

Text: Alexander Attimonelli

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