Neue Fälle für Anwalt Kronberg: Am Set von "Schuld nach Ferdinand von Schirach"

Iris Berben (r.) ist eine der vielen prominenten Gastdarsteller an der Seite von Moritz Bleibtreu (l.) in der zweiten Staffel von "Schuld nach Ferdinand von Schirach".
Iris Berben (r.) ist eine der vielen prominenten Gastdarsteller an der Seite von Moritz Bleibtreu (l.) in der zweiten Staffel von "Schuld nach Ferdinand von Schirach".
Foto: GOLDENE KAMERA / Mike Powelz
Was wir bereits wissen
Serientäter, Geschwistermord & "Twin Peaks": GOLDENE KAMERA beim Dreh der Fortsetzung von "Schuld" – mit Moritz Bleibtreu und Iris Berben.

Berlin-Schöneberg, 18. Juni 2016, ein regnerischer Vormittag. Auf den ersten Blick ist Iris Berben kaum zu erkennen – schließlich trägt die 65-Jährige heute ein mausgraues Outfit. Das passt perfekt zur ihrer Rolle als niedergeschlagene Mutter eines Serientäters. Unauffällig stakst "Frau Hellmann" durch den Innenhof des Kammergerichts Berlin-Schöneberg – und läuft dort dem berühmten Strafverteidiger Ferdinand Kronberg (Moritz Bleibtreu) über den Weg. Die Dame nestelt nervös an ihrer Handtasche, richtet den Blick dann auf den "Staranwalt" und beichtet ihm mit leiser Stimme, dass ihr Sohn "schon immer anders" gewesen sei: "Nico wollte nie, dass ich in seinen Keller gehe – und ich habe mich stets daran gehalten!"

Vor der Kamera entpuppt sich diese Ignoranz als tödlicher Fehler: Denn ihr Sohn würde noch leben, wenn sie die Anzeichen für seine psychische Störung erkannt hätte. So jedoch starb Nico Hellmann (Samuel Schneider) auf dem Weg zu einem Verbrechen – überfahren von einem Autofahrer (Martin Brambach), der heute wegen Unachtsamkeit vor dem Richter steht bei der Fortsetzung von Oliver Berbens (44) Gerichts-Serie "Schuld".

Schuld – eine Frage der Perspektive

Regisseur Hannu Salonen lässt das 64. Bild aus der Episode "Anatomie" mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln drehen – denn es sind die unterschiedlichen Perspektiven, die Berbens Serie aus dem Jahr 2015 zu einer der meistdiskutierten Fernsehformate gemacht haben.

Regisseur Hannu Salonen über den Dreh mit Moritz Bleibtreu & Co.

Mal schwenkt Salonens Kameramann Wolf Siegelmann auf Berbens Gesicht, dann wieder auf Bleibtreu. "Wer wirklich die Schuld trägt an der unglaublichen Geschichte, bei der ein Serientäter von einem Autofahrer überfahren wurde", erklärt Star-Produzent Oliver Berben GOLDENE KAMERA am Rande des Drehs, "lässt sich nicht plakativ sagen. 'Anatomie' ist eines von vier neuen Verbrechen, die wir jetzt hochkarätig verfilmen – und wie 2015 basieren unsere Geschichten wieder auf den wahren Erinnerungen des berühmten Strafverteidigers und Schriftstellers Ferdinand von Schirach (52)!"

Während der Drehpause fragen wir Iris Berben, wie sie sich auf die Rolle der Mörder-Mutter vorbereitet hat. Die Star-Schauspielerin verrät: "Als ich Frau Hellmanns Haus gesehen habe, hat mir das unheimlich geholfen! Ihre vier Wände waren eine völlig eigene, schrecklich nette Welt – dekoriert mit unzähligen Puppen! Ich habe sofort gespürt, dass Frau Hellmann unglaublich viel Energie in den schönen Schein bzw. in eine nur vordergründig heile Welt investiert, den sie mit aller Kraft vor dem Einsturz bewahren will. Ihre Wohnung hat mich total an die Fernsehserie 'Twin Peaks' erinnert!"

Iris Berben über ihre Rolle in "Anatomie"

Doch worum geht's in den drei anderen Fällen? Oliver Berben: "Um einen Geschwistermord, um eine Falschaussage mit verheerenden Folgen – sowie um Blut, das dicker ist als Wasser. Mit dabei sind unter anderem Josefine Preuß, Lars Eidinger, Jürgen Vogel und Tom Wlaschiha. Außerdem führt Moritz Bleibtreu wieder durch die unglaublichen Fälle, deren Produktionsetat jeweils zwischen 700.000 bis 750.000 Euro liegt."

Wenn Geschwister einander töten

"In der emotionalsten Episode unter den neuen Fällen – der dramatischen Folge 'Das Cello'", so Oliver Berben zu GOLDENE KAMERA, "ermordet Theresa Tackler (Josefine Preuß) ihren behinderten Bruder Leonhardt (Louis Hofmann) aus Mitleid. Anschließend wird sie wegen Mordes angeklagt. Die Geschichte ist unglaublich tragisch und intim!"

Doch auch die anderen Fälle haben es in sich! In "Familie" holt Waller (Jürgen Vogel) seinen in Brasilien inhaftierten Bruder Fritz Meinering (Lars Eidinger) mit anwaltlicher Hilfe nach Deutschland – wo der prompt einen Mord begeht. Oliver Berben: "Hier stellt sich die Frage, ob Blut wirklich so dick ist, dass es wichtiger ist als die Moral – sprich: ob man jemandem helfen muss von dem man weiß, dass er ein Verbrechen begehen wird. In Zeiten des Terrors ist das eine wichtige Frage, denn der Bundesinnenminister hat an sämtliche Familien plädiert, dass sie die Radikalisierung von eigene Angehörigen rechtzeitig melden sollen."

Im Mittelpunkt des 3. Falls ("Kinder") steht Herr Holbrecht (Marcus Mittermeier). Als auf Holbrechs Rechner Kinderpornos gefunden werden und ein Mädchen gegen ihn aussagt, landet der Büromöbelvertreter hinter Gittern. Anschließend zerbricht seine Ehe. Doch nach jahrelanger Haft stellt sich schließlich heraus, dass die Zeugin gelogen hatte. Oliver Berben resümiert: "Von derartigen Fällen hört man immer wieder. Diese Episode zeigt, welche Folgen eine unbedarfte, lapidar dahin gesagte Äußerung haben kann – und sie regt zum Nachdenken an, wie vorsichtig man mit Anschuldigungen sein muss!"

Doch noch mal zurück zum Berlin-Dreh. In der Episode "Anatomie" überfährt der Autofahrer Hans-Jörg Wörner (Martin Brambach) den jungen Nico (Samuel Schneider). Als Kommissar Weinhauer (Tom Wlaschiha) bei Frau Hellmann (Iris Berben), der Mutter des Unfallopfers ermittelt, stellt sich heraus, dass der Tote zu Lebzeiten ein gefährlicher Serientäter war – und dass er gerade eine junge Frau (Ruby O. Fee) kidnappen und foltern wollte. Oliver Berben erklärt: "Durch Nicos Tötung wurde ein anderes Verbrechen verhindert. Nun fragen wir, was das bedeutet!" Martin Brambach, der den Autofahrer spielt, erklärt es uns beim Setbesuch: "Meine Figur erhofft sich vor Gericht, dass berücksichtigt wird, dass das Unfalloper ein Mörder war. Doch das darf der Richter überhaupt nicht – denn man kann kein Menschenleben gegen ein anderes aufwiegen und es ist völlig wurscht, ob man einen netten Zeitgenossen überfahren hat oder einen Massenmörder!"

Martin Brambach über seine Rolle in "Anatomie"

Aber wie hat sich Oliver Berbens Sicht auf den Begriff "Schuld" verändert? Der Produzent verrät: "Eigentlich gar nicht! Ich war schon immer ein großer Jura-Fan und beschäftige mich gern mit Geschichten, in denen es um die Auslegung des Rechts geht. Diese Leidenschaft ist natürlich durch die Zusammenarbeit mit Ferdinand von Schirach noch intensiver geworden!"

Zuletzt wollen wir von Moritz Bleibtreu wissen, warum die 2. Staffel von "Schuld" spannend wird. Der 44-Jährige verrät: "Ferdinand von Schirachs Geschichten bestechen dadurch, dass sie nicht erfunden sind. Wenn man die Möglichkeit hat, aus wahren Begebenheiten zu schöpfen, dann kommen dabei immer unheimlich lebendige Sachen heraus. Die Geschichten, die im echten Leben passieren, sind meistens geiler als das, was man sich ausdenkt – und das ist sicher das Rückgrat von 'Schuld'. Nach wie vor sind der Star die Geschichten – und davon haben wir diesmal nur vier. Aber die sind alle sehr spannend."

Moritz Bleibtreu über seine Rolle in "Anatomie"

Voraussichtlich zur Weihnachtszeit zeigt die ARD außerdem einen 100-minütigen Spielfilm von Oliver Berben und Günther Rohrbach, der ebenfalls auf Ferdinand von Schirachs Büchern basiert. Sein Titel: "Der Äthiopier" – mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle. Obendrein verrät Oliver Berben GOLDENE KAMERA exklusiv, dass Schirachs Kurzgeschichte "Der Schlüssel" schon ab Herbst von Detlef Buck (53; "Bibi & Tina") für’s Kino produziert wird. Diese Story erinnert an Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" – denn es geht um zwei Gangster auf einer brutal-urkomischen Odyssee nach einem verschluckten Schließfachschlüssel.

P.S. Auch Martin Brambach dreht direkt nach der Berben-Serie einen weiteren Film über das Thema "Schuld" –das Versagen der Love-Parade-Veranstalter im Jahr 2010 (WDR-Arbeitstitel: "Das Leben danach"). Damals starben 21 Menschen. In dem 90-Minüter spielt der Schauspieler einen Vater, dessen Tochter (Jella Haase) in die tödliche Katastrophe gerät.

Text: Mike Powelz

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