Ulrich Tukur: "Ich war ziemlich unerträglich"

In "Herr Lenz reist in den Frühling" gerät das Leben von Holger (Ulrich Tukur) aus der Bahn.
In "Herr Lenz reist in den Frühling" gerät das Leben von Holger (Ulrich Tukur) aus der Bahn.
Foto: © ARD Degeto/Christoph Demel Osterloh
Was wir bereits wissen
Ulrich Tukur über seinen neuen TV-Film "Herr Lenz reist in den Frühling", seine "Tatort"-Pläne – und das Tabu Tod.

Es ist eine Paraderolle für ihn: GOLDENE KAMERA-Preisträger Ulrich Tukur (2011) brilliert nun in der Tragikomödie "Herr Lenz reist in den Frühling" (Mittwoch, 20. Juli, Das Erste, 20.15 Uhr) als Spießbürger, der durch ein Erbe in Thailand in ein fremdes Paralleluniversum gerät: die Welt der Nachtclubs, Tänzerinnen und Transsexuellen.

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In "Herr Lenz reist in den Frühling" geht's um Todesfälle und Transsexualität. Inwiefern ist es eine Tragikomödie?

Es ist die erschütternde Geschichte des Versicherungsbeamten Holger Lenz – eines geborenen Verlierers und Spießbürgers, der sich gegen alles absichert und wenig hinkriegt im Leben. Er wird von seinen Kollegen gemobbt, von seiner Gattin verachtet und von seinem Sohn gehasst. Selbst der Hund mag ihn nicht. Lenz reist nicht ganz freiwillig nach Thailand, um das Apartment seines verstorbenen Vaters zu verkaufen – und entdeckt, dass es von einer Gruppe sehr widerstandsfähiger Prostituierter bewohnt ist. In Pattaya fliegt ihm dann sein ganzes Leben um die Ohren. Tiefer kann ein Mensch kaum fallen. Doch Lenz richtet sich wie ein Phoenix aus der Asche wieder auf …

Herr Lenz verkauft Versicherungen, sein Sohn nennt ihn einen "Angstversicherer". Sind wir Deutschen wirklich so pessimistisch?

Wir Deutschen haben eine Neigung, die Dinge erst einmal düster zu sehen. Wir haben einen seltsamen Hang zur Apokalypse. Und daraus lässt sich immer auch ein gutes Geschäft machen. Die kollektive Erinnerung, die vom Dritten Reich bis zurück zum Dreißigjährigen Krieg reicht und voll ist von Mord und Totschlag, Krieg und Vernichtung, spielt dabei sicher eine wesentliche Rolle. Daher auch unser unsäglicher Hang, alles und jedes regulieren und absichern zu wollen. Das hilft nur nichts, denn der Angriff auf unsere Sicherheit erfolgt immer aus einer Ecke, die wir nicht bedacht haben. Diese schmerzliche Erfahrung muss auch Herr Lenz machen.

In "Herr Lenz" rebelliert Ihr Filmsohn gegen Gott und die Welt. Wie rebellisch waren Sie als Teenager?

Ich war ziemlich unerträglich und hatte viel zu viel Energie – mir war das Elternhaus zu leblos und langweilig. Mein Vater ist noch Soldat im Krieg gewesen, und er und meine Mutter wurden in der kargen Nachkriegszeit groß. Die Menschen jener Jahre haben nicht gelernt, ihre Emotionen zu zeigen oder gar zu verhandeln. Ich war laut und kommunikativ, mein Vater still und verschlossen. Über die Jahre habe ich lernen müssen, das zu akzeptieren. Heute ist er 90 – und wir haben unseren Frieden miteinander gemacht.

Die Asche Ihres Filmvaters erhalten Sie in einer Reinigungsflasche – ein witziger Umgang mit dem Ende. Doch wie ist Ihr Verhältnis zum Tod?

Wie sagte der wunderbare Woody Allen neulich? "Mein Verhältnis zum Tod hat sich nicht geändert – ich bin strikt dagegen!" Ich selbst hasse den Tod und habe kein gutes Verhältnis zu ihm. Natürlich merke ich, wie Gevatter Hein um mich herum immer wieder und immer öfter zuschlägt. Und ich begreife auch nicht, dass uns das wunderbare Geschenk des Lebens so schnell wieder aus der Hand geschlagen wird. Zu einem Zeitpunkt, wenn wir es endlich besser verstehen und klüger damit umgehen könnten. Also ich akzeptiere den Tod nicht, habe aber keine Angst vor ihm. Angst habe ich nur vor einem langwierigen und würdelosen Sterben.

Wie war der Dreh im grellbunten Thailand – und in den Go-Go-Clubs?

Feucht und heiß! Und so viele aus dem Leim gegangene Existenzen, die meinen, sich mit Geld ihre Jugend und Unwiderstehlichkeit zurückkaufen zu können. Ein tragikomisches Theaterstück, das vierundzwanzig Stunden am Tag läuft, begleitet von den stampfenden Rhythmen synthetischer Musik. Der Badeort Pattaya ist wirklich ein Super-Gau des Tourismus. Thailands ländliche Gebiete sind hingegen zauberhaft.

Vom Tatort Thailand zum Tatort Wiesbaden – wie waren die Reaktionen auf den experimentellen Realitätsverlusts-"Tatort: Wer bin ich?"?

Ich bin froh, dass ihn viele Menschen verstanden und gemocht haben. Wir wollten und konnten es aber auch nicht allen recht machen.

Worum geht's in Ihrem nächsten "Tatort?"

"Es lebe der Tod" heißt die Episode. Es ist die Geschichte eines totkranken Apothekers, der es sich zur Aufgabe macht, gemütskranke Menschen zu befreien, indem er sie zum Selbstmord überredet und wenn nötig ein bißchen nachhilft. Ein düsteres Kammerspiel, in dem Murots eigene schwarze Vergangenheit wieder aufscheint und ihn fast das Leben kostet. Jens Harzer, ein hochbegabter Theaterschauspieler, den ich seit vielen Jahre kenne, spielt die Rolle des Apothekers, dass man Gänsehaut kriegt.

Zuvor sind Sie noch in "Gleißendes Glück" im Kino zu sehen – und spielen dort einen pornografiesüchtigen Neurologieprofessor. Sexuell randständige Kost?

Jawohl. Ich habe mit zwölf Pornodarstellern gedreht, ich kann Ihnen sagen! Das Drehbuch basiert auf einem wundervollen Roman der schottischen Autorin A.L. Kennedy. Inhaltlich geht es um zwei verlorene Menschen, in ihrer Seele tief verletzt, die versuchen, Liebe und Sexualität von Grund auf neu zu erfahren und zu erlernen. Dabei werden sexuelle Obsessionen verhandelt, die nicht fernsehkompatibel sind.

Trailer zu "Gleißendes Glück"

Schlussfrage: Können Sie eigentlich auch normal, Herr Tukur?

Natürlich! Aber normal ist doch überall! Es ist doch schön, sich abzusetzen und zu zeigen, wie banal und oftmals schrecklich das sogenannte Normale ist. Man bleibt ständig in Bewegung. Denn was heute normal ist und uns von Politik und Medien als korrekt verkauft wird, ist in zwanzig Jahren möglicherweise das komplette Gegenteil.

Interview: Mike Powelz

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