Wir können auch anders: Festivalsensation "Toni Erdmann"

Groteske Familienbande: Ines (Sandra Hüller) und ihr Vater in "Toni Erdmann"-Verkleidung (Peter Simonischek)
Groteske Familienbande: Ines (Sandra Hüller) und ihr Vater in "Toni Erdmann"-Verkleidung (Peter Simonischek)
Foto: © NFP marketing & distribution
Was wir bereits wissen
Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Maren Ades Vater-Tochter-Tragikomödie mit Lob überschüttet. Ab dem 14. Juli können wir uns im Kino davon überzeugen, dass der Hype mehr als gerechtfertigt war.

Yes, we Cannes! Sieben Jahre lang ist kein deutscher Beitrag mehr im Wettbewerb des renommierten Festivals gelaufen. Dann reiste Regisseurin Maren Ade an die Croisette und eroberte mit "Toni Erdmann" sowohl das Publikum als auch die internationale Kritik im Sturm.

Der Spiegel berichtete von einem "Triumph der Leichtigkeit", die Süddeutsche über ein grenzensprengendes "Feelgood-Movie, das praktisch nur aus Feelbad-Momenten besteht." Und auch wenn am Ende nicht die Goldene Palme, sondern nur Vorschusslorbeeren und der 'Preis der Internationalen Filmkritik' heraussprangen, war der deutsche Film abseits alberner Blockbuster-Komödien a la "Fack ju Göthe" wieder in aller Munde – und das völlig zurecht: "Toni Erdmann" ist ganz großes Kino!

Darum geht's in "Toni Erdmann"

Unternehmensberaterin Ines (Sandra Hüller) hat in Bukarest Stress mit einem Firmendeal. Da kann sie den Spontanbesuch ihres verschrobenen Alt-68er-Vaters Winfried (Peter Simonischek) gar nicht brauchen, der sich mit Helge-Schneider-Perücke und Horst-Schlämmer-Zähnen in den durchgeknallten Businesscoach Toni Erdmann verwandelt und durch ein Potpourri der Peinlichkeiten versucht, seine spaßbefreite Karrieretochter aus der Reserve zu locken...

Trailer zu "Toni Erdmann" (Kinostart: 14.7.2016)

So plakativ sich der Generationenkonflikt in der Zusammenfassung lesen mag, so außergewöhnlich differenziert entfaltet er sich über eine Laufzeit von 161 Minuten, die wie im Flug vergehen. Denn mit jeder absurden Wendung, die das Alter Ego des Vaters mit seinen Anarcho-Auftritten verursacht, wachsen einem die beiden entfremdeten Kontrahenten mehr ans Herz.

Das ist auch und vor allem den beiden großartig aufspielenden Hauptdarstellern zu verdanken, die ihre Figuren niemals vorführen, sondern selbst im Angesicht des Grotesken menscheln lassen. Während Simonischek den Wandel vom besorgt-enttäuschten Vater zum peinlichen Tochter-Schutzengel völlig plausibel erscheinen lässt, macht die zunächst genervt um Contenance bemühte und langsam auftauende Hüller physisch spürbar, dass Fremdscham auslösendes Verhalten auch selbstbefreiende Wirkung entfalten kann.

Großartig beispielsweise die in Cannes von Ovationen begleitete Szene, in der Ines von Toni Erdmann genötigt wird, vor einer rumänischen Großfamilie Whitney Houstons Hit "Greatest Love of All" zu schmettern. Und wenn am Ende eine subversiv zur Nacktparty umfunktionierte Firmenfeier als Challenge zur Performance-Optimierung missinterpretiert wird, entlarvt Ade mit leichter Hand und beißender Komik das Managermilieu als Sinnbild einer kapitalistischen Gesellschaft, die den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat. Besser geht's nicht!

Wer sollte sich "Toni Erdmann" anschauen?

Alle, die den Glauben an ein deutsches Kino mit unverwechselbarer eigener Handschrift aufgegeben haben.

Warum muss ich "Toni Erdmann" sehen?

Weil Maren Ade und ihre beiden großartigen Hauptdarsteller einen entlarvenden aber gleichzeitig menschenfreundlichen Blick auf einen realen Generationenkonflikt werfen und damit mit leichter Hand ein schwieriges Thema in Unterhaltung verwandeln.

Für Fans von...

"Finsterworld" von Frauke Finsterwalder und Maren Ades Vorgängerfilm "Alle Anderen"

Die GOKA-Wertung

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