Mehr als ein Schauspieler: Sven Gielnik

Mit Ernst bei der Sache: Schauspieler und Nachwuchsregisseur Sven Gielnik (22)
Mit Ernst bei der Sache: Schauspieler und Nachwuchsregisseur Sven Gielnik (22)
Foto: © Talent-Scout
Was wir bereits wissen
In unserer Rubrik "GOKA-Talents" stellen wir diesmal einen jungen Schauspieler vor, der auch als angehender Regisseur beweist, dass der romantische Held nur eine Facette seines Könnens ist.

Mit Sven Gielnik einen Gesprächstermin zu finden, ist gar nicht so leicht. Denn dass der 22-jährige Schauspieler für seine Leidenschaft brennt, lässt sich nicht nur am 1. August (20.15 Uhr im SWR) erleben, wenn er in der Coming-of-Age-Hauptrolle der Jugendbuchverfilmung "Pampa Blues" zu sehen ist. Es lässt sich auch in seinem prallgefüllten Terminkalender ablesen, in dem sich zwischen der Premiere seines neuen Kurzfilms und Dreharbeiten in Köln dann doch noch ein Zeitfenster für die Fragen der GOLDENEN KAMERA aufgetan hat.

Trailer zu "Pampa Blues" (2015)

Sven Gielnik im Portrait

Am 2. Mai 1994 in Hamburg geboren, wuchs Sven Gielnik mit zwei Schwestern bei der Mutter auf, die zwischenzeitlich den beruflichen Werdegang des Sohnes auch als seine Agentin begleitet. Richtig los ging es bereits im Kindesalter, als Sven, der erstmals im Alter von 6 Jahren vor der Kamera stand, in der SAT.1-Krimiserie "Stadt, Land, Mord!" und der bis heute produzierten ZDF-Filmreihe "Der Kommissar und das Meer" die wiederkehrende Rolle des Filmsohns übernahm. Nach diversen Nebenrollen in Film- und Fernsehen sorgten 2011 dramatische Hauptrollenauftritte in den Kinoproduktionen "Der Preis" und "Implosion" für erstes Aufsehen, das mit seinem Part als fescher Fechtlehrer im Jugendfilmerfolg "Hanni & Nanni 2" noch einmal gesteigert wurde.

Seitdem hat Sven Gielnik, der 2012 sein Abitur am Babelsberger Filmgymnasium absolvierte, wiederholt in seiner Paraderolle als romantischer Held in charmanten Coming-of-Age-Filmen wie "Pampa Blues" Eindruck gemacht. In eine Schublade lässt er sich indes nicht stecken – weder schauspielerisch noch beruflich. So steckte Sven, der seit 2011 kontinuierlich eigen Filmstoffe entwickelt, die Gage für seine zentrale Rolle im Kölner "Tatort: Ohnmacht" 2014 lieber in die Realisierung seines dritten selbstgedrehten Kurzfilms "Linnea", in dem seine kleine Schwester Sena Lou in der Titelrolle zu sehen ist. Der Lohn: Als jüngster Nachwuchsregisseur überhaupt durfte er im Kurzfilmwettbewerb des 35. Max-Ophüls-Festivals ins Rennen gehen und damit den eindrucksvollen Beweis antreten, dass das Filmemachen für den reflektierten 22-Jährigen weit mehr bedeutet als nur vor der Kamera zu stehen...

Sven Gielnik im Interview

Wie bist Du zur Schauspielerei gekommen?

Ich war ein äußerst schüchterner Junge und verzichtete gerne auf eigene Geburtstagsfeiern, um der großen Aufmerksamkeit zu entkommen. Umso mehr verwundert es mich, dass es mich vor die Filmkamera verschlagen hat. Kurz um: Ich weiß es nicht mehr.

Altersbedingt sind viele Deiner bisherigen Rollen in Coming-of-Age-Stories angesiedelt. Ist es befremdlich oder hilfreich, seine eigene Gefühlswelt vor der Kamera auszuleben?

Als Schauspieler habe ich nie das Gefühl eine eigene Gefühlswelt zu offenbaren, obwohl ich es bin, der sie nach außen trägt. Vielmehr würde ich von einer allgemeinen Gefühlswelt sprechen, da die Filmrollen nie ein Spiegelbild meiner Selbst sind bzw. sein können. Und eigentlich sind sie es doch, weil ich sie ja verstehe und sie auch in mir finden muss. Auch den zu spielenden Mörder muss man durchschauen. Übrigens allein die Tatsache, dass die Rolle nicht von dir als Schauspieler, sondern meistens von einem Drehbuchautoren erdacht wurde, erzwingt zuerst eine Betrachtung aus der Distanz, der es sich langsam anzunähern gilt. Allgemeine Gefühlswelt auch deswegen, weil die Gefühlswelt allen Menschen gemeinsam und ihnen zugänglich ist. Insofern kann es mir nicht befremdlich vorkommen – ich bin ja ein irdisches Wesen. Ich weiß, dass es anderen Menschen auch so ergehen kann, dass sie auch genauso oder so ähnlich fühlen und dass wir ja doch alle im Kern gleich sind. Empathie und Sympathie zeigen mir dies.

In den Pressenotizen wird "Pampa Blues" als Konflikt zwischen Verantwortungsgefühl und Freiheitsdrang beschrieben – ein Thema, das sich auch in Deiner Rolle in "Der Preis" widerspiegelt. Wie vertraut ist Dir dieser Konflikt aus Deinem eigenen Leben?

Jeder Mensch hat den Drang nach Freiheit, sowie fast jeder auch Verantwortung zeigen muss, wenn er in einer Gemeinschaft lebt. Gemeinschaft und Freiheit sind für mich aber keine Antipoden und deswegen habe ich auch nie das Gefühl, die Verantwortung, die ich in der Welt als Mitmensch, Bruder, Freund oder einfach nur als Mitfahrer eines Verkehrmittels habe, stehe der Freiheit entgegen. Vielmehr gilt es, diese in die Verantwortung einzubetten und Bindung nicht als Fessel sondern als entschiedene Begleiterscheinung der Freiheit anzunehmen. Also auch Freiheit braucht Begrenzung und kann nicht unendlich groß sein, obwohl dies dem Wort "Frei" inhärent ist und wahrscheinlich deswegen auch Philosophen Kopfzerbrechen bereitet. Ohne Verantwortung, ich sage mal lieber Gemeinschaft, gäbe es wohl auch keinen Freiheitsbegriff.

Wie in "Pampa Blues" spielst Du oft den romantischen Helden, der im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht an Reife gewinnt oder – wie Du über die Komödie "Zwei Familien auf der Palme" gesagt hast – 'erwachsen' wird. Warum liegen Dir diese Rollen so am Herzen?

Ich denke, wenn man eine Veränderung deutlich machen möchte, bedürfen romantische Helden bedürfen der Vernunft, um an Reife zu gewinnen, denn oft schweben sie in Welten, die sich den gesellschaftlichen Konventionen und der Konfrontation mit der rationalen Welt entziehen. Ob diese Vernunft aus eigener Kraft herbeigeführt wird oder durch andere Charaktere, ist meiner Meinung nach nebensächlich. Vielmehr möchte der romantische Held gar nicht in der rationalen Welt leben, sondern geht den Kompromiss ein, sich dieser zu stellen, wenn er mit rational geprägten Wesen, ob Frau oder Mann, zusammenleben möchten. Diese Vernunftwesen machen den Reiz aus. Wie alles Gegensätzliche sich eben doch anzieht. Und eben weil es eine gegenseitige Abstoßung gibt, wird eine Verbindung zwischen ihnen erkenntlich. Und Filme profitieren sehr von Gegensätzlichem. Man kann also davon ausgehen, dass ein romantischer Held im Laufe eines Filmes an Reife gewinnt. Und genau diese Wandlung spiele ich sehr gerne – gerade weil sie so widersprüchlich ist.

Sven Gielnik in "2 Familien unter Palmen" (2015)

Du hast bereits mit vielen namhaften Schauspielern zusammengearbeitet. Wie wichtig ist es für einen jungen Schauspieler, sich beim Dreh an 'alten Hasen' orientieren zu können?

Auch wenn ich nicht genau sagen kann was, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mir von den sogenannten alten Hasen viel abgeschaut habe, da man als Jungdarsteller zu diesen Menschen aufschaut. Mittlerweile habe ich die Sicherheit, mich auf meine eigenen Kenntnisse in Sachen Schauspielerei zu verlassen, aber ich kann mir gut vorstellen, und das meine ich mit "nicht genau sagen können", dass hier und da Elemente – seien sie sprachlich, mimisch oder gestisch – anderer Schauspieler in mir eingeflossen sind, derer ich mich bediene oder die ich durch meine Eigenart in irgendeiner Form auch abgewandelt habe. Insofern habe ich zwar keine klassische Schauspielschule durchlaufen, aber dafür eine doch äußerst einzigartige und vielleicht auch wertvollere genossen.

Wie kam es dann dazu, dass Du auch ins Regiefach gewechselt bist?

Zeitgleich mit den Anfängen in der professionellen Schauspielerei habe ich als "Regisseur" selber Filme mit meinen Freunden und den wohl bekannten Mitteln gemacht, die einem kleinen Jungen zur Verfügung stehen.

Regie-Showreel von Sven Gielnik

In Deinem Kurzfilm "Linnea" geht es um die Verarbeitung von Verlust. Wie bist Du auf das Thema gekommen und nach welchen Kriterien entwickelst Du Deine eigenen Drehbücher?

Ich habe keine Kriterien. Ich habe nur Ideen. Und diese fallen mir ein, wenn ich auf dem Motorrad sitze, mich im Halbschlaf befinde oder gerne auch mal im stillen Örtchen. Da ich ein sehr visueller Mensch bin, fahre ich manchmal auch an Orte, die mir besonders gefallen, die etwas Besonderes in mir auslösen. Und was meine ich mit dem Besonderen: Na Ideen. Geschichten. Meine ersten Filme habe ich allesamt am windigen Meer gedreht, weil mir damals nur Geschichten eingefallen sind, die am Meer spielen. Heute ist das zum Glück nicht mehr so. Sonst wären meine Filme wohl etwas einseitig.

Trailer zum Kurzfilm "Linnea" (2013)

Du hattest gerade an der in Ludwigsburg eine Premiere. Um was handelte es sich?

An der Filmakademie Baden Württemberg studiere ich derzeit Regie und habe meinen neuesten Kurzfilm "Isidor der Trotzige" im Kino Caligari vor vielleicht 200 Menschen gezeigt. Er behandelt die Parabel des lotterhaften Isidors aus Max Frischs Roman "Stiller", der seine Familie immer wieder verlässt und glaubt, wenn er wiederkommt, sei alles beim alten. Nur besser. Doch kann man sich vorstellen, dass dieser egoistische Gedanke von seiner Familie nicht unbedingt geteilt wird. Ich wünschte, Max Frisch könnte ihn sich ansehen. Vor allem nachdem mir ein Regisseur heute erzählt hat, dass er Volker Schlöndorff mit seinem Jaguar 420 beschenkte, nachdem dieser "Homo Faber" verfilmt hatte. Mir hätte seine Pfeife genügt!

Du stehst gerade in Köln vor der Kamera. Was wird gedreht und was steht bei Dir als nächstes an?

Im Moment drehe ich für das ZDF einen Spielfilm, in dem es um einen zurückhaltenden Schüler geht, der des Rufmordes und sogar des versuchten Mordes an seiner eigenen Lehrerin bezichtigt wird. Kein unheikles Thema wenn man bedenkt, dass es oft die unscheinbaren Menschen sind oder die, von denen man es am wenigsten erwartet hat, die sich als Täter erweisen. Danach werde ich meine Sommerferien genießen, wobei ich schon jetzt an die nächste Filmidee denke, die mir vor einigen Tagen kam, als ich Segelflugzeuge am Himmel beobachtete. Außerdem habe ich immer meine Kamera bei mir, weil meine besten Filme eben doch intuitiv entstehen.

Text + Interview: Alexander Attimonelli

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