Von Müttern und Töchtern: "Julieta"

Trügerische Idylle der Generationen: "Julieta" (Adriana Ugarte) mit Tochter Antía und Mutter Sara (Susi Sánchez)
Trügerische Idylle der Generationen: "Julieta" (Adriana Ugarte) mit Tochter Antía und Mutter Sara (Susi Sánchez)
Foto: © Tobis
Was wir bereits wissen
In seinem neuen Filmdrama kehrt Regisseur Pedro Almodóvar zum Kern seines künstlerischen Schaffens zurück – den Frauen.

Im Wettbewerb von Cannes lief in diesem Jahr eine kleine Filmüberraschung, die für ihren Regisseur zugleich eine Rückkehr und einen Neubeginn markierte. Denn von der für Pedro Almodóvar typischen schrill überzeichneten Extravaganz, mit der es der 66-jährige Regisseur zuletzt in der Farce "Fliegende Liebende" (2013) übertrieben hatte, fehlt in seinem 20. Spielfilm jede Spur. Stattdessen konzentriert sich der Spanier wieder auf seine erzählerische Eloquenz und zeichnet das komplexe Psychogramm einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Darum geht's in "Julieta"

Bei "Julieta" handelt es sich um die freie Adaption von drei Kurzgeschichten, die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro in ihrem Erzählband "Tricks" veröffentlicht hat. Im Film will die als Universitätsdozentin arbeitende Titelheldin eigentlich mit ihrem Lebensgefährten Madrid den Rücken kehren, als sie durch eine Zufallsbegegnung ein unerwartetes Lebenszeichen ihrer vor Jahren aus ihrem Leben verschwundenen Tochter Antía (Blanca Parés) erhält. Von tief vergrabenen Gefühlen übermannt, kaserniert sich Julieta in der Nachbarschaft ihrer alten gemeinsamen Wohnung ein und beginnt, die schmerzhaften Erinnerungen aufzuschreiben, die in Gestalt aufwendiger Flashback-Sequenzen damit beginnen, dass sich die 18-jährige Julieta (Adriana Ugarte) in den galizischen Fischer Xoan (Daniel Grao) verliebt – eine leidenschaftliche Beziehung, die in der Geburt der gemeinsamen Tochter und einer Tragödie gipfelt...

Trailer zu "Julieta" (Kinostart: 4.8.2016)

Wenn man bedenkt, dass sich Almodóvar die Filmrechte bereits 2009 gesichert hat und seine Adaption eigentlich mit Meryl Streep drehen wollte, muss man sich fast glücklich schätzen, dass damals aus seinem geplanten US-Debüt nichts geworden ist. Denn so erweist sich der bewusste Verzicht auf schwarzen Humor und melodramatischen Pomp zugunsten einer unsentimentalen Ernsthaftigkeit nicht als Zugeständnis an internationale Mainstream-Sehgewohnheiten.

Erst im Kontext seiner spanischen Melodramen wird deutlich, dass Almodóvar mit "Julieta" in seinem werkübergreifenden Studium des Mysteriums Frau ein neues Kapitel aufschlagen wollte. Das lässt sich auch an der Wahl seiner beiden hervorragenden Julietas ablesen, die erstmals für den spanischen Maestro vor der Kamera standen. Ohne sich während der Vorbereitung begegnet zu sein, verstehen es Emma Suárez und Adriana Ugarte, eine faszinierend homogene Figur auf die Leinwand zu zaubern, und sorgen so im Verbund mit Almodóvars raffinierten Bildkompositionen dafür, dass der inhaltlich schweren Dramenkost cineastische Leichtigkeit verliehen wird.

Wer sollte sich "Julieta" anschauen?

Alle, die im Kino bewegende Dramen ohne melodramatischen Ballast goutieren.

Warum muss ich "Julieta" sehen?

Weil sich Arthouse-Liebling Almodóvar treu bleibt und gleichzeitig beweist, dass er neue Wege einschlagen kann.

Für Fans von...

"Mütter und Töchter" (2009) und Almodóvars "Alles über meine Mutter" (1999)

Die GOKA-Wertung

Kommentare einblenden

Endlich auch bei uns: "Ash vs. Evil Dead"

Ray Santiago (l.) als Pablo, Bruce Campbell (M.) als Ash und Dana DeLorenzo als Kelly, in "Ash vs Evil Dead"
Ray Santiago (l.) als Pablo, Bruce Campbell (M.) als Ash und Dana DeLorenzo als Kelly, in "Ash vs Evil Dead"
Foto: dpa Picture-Alliance / Matt Klitscher
Bei Amazon Prime wird's blutig: Der Streamingdienst sichert sich die deutschen Lizenzrechte an der gefeierten Horror-Serie.
Mehr lesen