Warum das Fernsehen nicht mehr wegzudenken ist

Nicht nur früher saß die Familie gemeinsam vorm Fernseher
Nicht nur früher saß die Familie gemeinsam vorm Fernseher
Foto: Bert Hardy/Picture Post/Getty Images
Was wir bereits wissen
Klassisches TV ist noch lange nicht tot – trotz Internet und Streaming. Das hat viele Gründe.

Das Todesurteil schien längst gefällt. Klassisches Fernsehen, so unkten Experten seit Jahren, ist am Ende. Altbacken, unflexibel, träge. Wer will sich im Internetzeitalter schon noch vorschreiben lassen, was er wann und wo zu sehen hat?

Anscheinend mehr Menschen als angenommen – das zeigen aktuelle Zahlen: 2015 verbrachten die Deutschen im Schnitt 223 Minuten vor dem Bildschirm – zwölf Minuten mehr als 2005. Laut Digitalisierungsbericht der Landesmedienanstalten steht in 97,1 Prozent aller Haushalte mindestens ein Fernsehgerät, in 37,1 Prozent sogar zwei oder mehr. Tendenz steigend. 2,7 Millionen Haushalte planen den Kauf eines neuen Fernsehers. Noch größer muss er sein. Schon jetzt werden fast 40 Prozent aller Wohnzimmer durch Bildschirmdiagonalen von mindestens 45 Zoll (114 Zentimeter) dominiert. Von wegen wir gucken bald nur noch auf mobilen Geräten wie Tablets!

Fernsehen macht kaum Mühe

Totgesagte leben offensichtlich länger. Aber warum? Welche Vorteile hat das Fernsehen für uns, die die neuen Medien nicht bieten? Eine These der Medienexperten: Das Fernsehen macht kaum Mühe. "Im nicht linearen Angebot müssen wir sehr viel selektiver sein, können also nicht einfach schauen, was ohnehin läuft", erklärt Dr. Teresa Naab von der Universität Augsburg. "Diese Möglichkeit finden wir manchmal gut, sie ist aber auch manchmal anstrengend."

Einloggen, suchen, durch diverse Mediatheken oder Streamingdienste klicken, auswählen, was interessiert – das dauert und kann nerven. Nicht jeder Zuschauer will täglich sein eigener Programmchef sein.

Gemeinschaftsgefühl beim Fernsehen

Das Fernsehen schenkt uns ein Gemeinschaftsgefühl. "Die Zeit der großen Straßenfeger ist zwar vorbei, allerdings gibt es weiterhin Sendungen, die von sehr vielen Menschen gesehen werden", sagt Dr. Naab. "Dazu gehören sicherlich der 'Tatort' und die 'Tagesschau'. Wir können uns darauf verlassen, eine solche Sendung nicht allein zu sehen – vielleicht allein im eigenen Wohnzimmer, aber dennoch mit der Gewissheit, dass andere in ihren Wohnzimmern das Gleiche tun." Wir können uns darüber austauschen, am nächsten Tag mit Freunden und Kollegen. Oder zeitgleich, etwa über Twitter und im Netz. "Second Screen" nennt man diese gleichzeitige Nutzung von TV, Smartphone oder Laptop. Sie klappt nur, wenn viele gleichzeitig dasselbe schauen, etwa Klassiker wie den "Tatort".

Auf dem Nachrichtenmarkt steht das TV für schnelle Übersicht. Obwohl wir im Netz rund um die Uhr das Aktuellste abfragen können, steigerte die 20-Uhr-"Tagesschau" im ersten Halbjahr 2016 ihre Zuschauerzahl (ARD plus dritte Programme) um 750.000 auf 10,04 Millionen – allein im "altmodischen" linearen Fernsehen, ohne Mediatheken oder Tagesschau.de.

Bei der Informations- und Meinungsbildung legt das Internet zwar deutlich zu, das Fernsehen behauptet aber laut Langzeitstudie der Landesmedienanstalten klar den ersten Platz – und konnte sich in den vergangenen zwei Jahren sogar von 35 Prozent auf 36,3 Prozent steigern.

Fernsehen gibt den Rhythmus vor

Auf das klassische Fernsehen ist Verlass. Mit seinen festen Sendeschienen kann es den Tag strukturieren. Dr. Teresa Naab: "Unsere Zeit vergeht heute unaufhaltsam und gleichförmig. Gerade Menschen, die viel freie Zeit haben, oder jene, die zwar viel zu tun haben, aber ihre Zeit frei einteilen können, brauchen Orientierungen im Zeitfluss." Zum Frühstück kommt das "Morgenmagazin", nachmittags vielleicht eine Daily Soap. Der Freitagabend beschert Krimis im ZDF, der Montag Quizspannung wie "Wer wird Millionär?" bei RTL. So gibt das Fernsehen Rhythmen vor.

Wer zu diesen Zeiten nicht schauen kann oder sich für spezielle Inhalte interessiert, schätzt hingegen Mediatheken und Streamingdienste. "Angesichts der Vorteile, die einerseits das lineare Fernsehen und andererseits das nicht lineare Fernsehen haben, sieht es momentan so aus, als würden sich in den nächsten Jahren beide Zugangswege ergänzen", so das Fazit von Medienwissenschaftlerin Dr. Naab. Die gute alte Flimmerkiste behält wohl noch lange ihren Platz in unseren Wohnzimmern.

Text: Kai Riedemann

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