Filmreifes Sprechen mit Jan Odle

Synchronsprecher Jan Odle bei Aufnahmen zur HBO-Serie "The Night Of" im Studio der FFS München
Synchronsprecher Jan Odle bei Aufnahmen zur HBO-Serie "The Night Of" im Studio der FFS München
Foto: © Jan Odle
Was wir bereits wissen
Zum Start von "Suicide Squad" erläutert uns die deutsche Stimme von Will Smith die hohe Kunst der Synchronisation.

Seit dem 18. August hallt seine Stimme wieder durch unsere Kinosäle. Immer, wenn Will Smith im Superschurken-Blockbuster "Suicide Squad" als Deadshot den Mund öffnet und eine smarte Sentenz zum Besten gibt, hören wir in Deutschland nicht den weltbekannten Hollywood-Star, sondern Jan Odle. Der 51-jährige Münchener ist seit 1990 die Synchronstimme des US-Amerikaners, als der heute 47-jährige Ex-Rapper noch „Der Prinz von Bel-Air“ war.

Teaser-Spot: Will Smith in "Suicide Squad"

Jan Odle im Portrait

Dass es soweit kam, ist letztendlich einem Freund von Odles Eltern zu verdanken. Donald Arthur, den wir als die Stimme des Chefkochs in "South Park" im Ohr haben, nannte in den 60er Jahren eine kleine Münchener Synchronfirma sein Eigen und nahm eines Tages den damals Fünfjährigen mit ins Studio. Klein-Jans erste Rolle war die des Jungen mit Apfel auf dem Kopf in einer Adaption der Wilhelm-Tell-Sage und umfasste einen Satz, den er damals amüsiert nachplapperte, wie sich Odle im Gespräch erinnert: "Kinder sind wie Papageien. Wenn sie zu Dir ein Vertrauensverhältnis haben und über das notwendige Timing-Gefühl verfügen, funktioniert das. Bei Kindern ist Schauspiel tatsächlich nur ein Spiel. Ich jedenfalls saß damals auf dem Schoß, fand es lustig und bin dabei geblieben." Mit 10 war er in der gleichnamigen ZDF-Zeichentrickserie "Sindbad", mit 22 schlüpfte er in die Kehle des Prinzen von Bel-Air. Danach gab es kein Zurück mehr.

Heutzutage ist Jan Odle, der neben Will Smith noch diversen anderen Filmstars seine Stimme leiht und den "Family Guy" Peter spricht, aber primär als Synchronregisseur tätig und leitet in dieser Funktion unter anderem seit sechs Jahren die deutschen Tonaufnahmen zu "Game of Thrones". Dass er gleichzeitig auch Lord Varys seine Stimme leiht, ist für Odle die absolute Ausnahme von der Regel: "Diese Figur sagt ja nicht sonderlich viel. So etwas finde ich vertretbar aber für eine Hauptrolle in einem Kinofilm bedarf es eines Regisseurs, der einen durchgehend führt."

Für eine perfekte Synchronisation ist nämlich weit mehr nötig als ein versierter Sprecher. Das Ohr des Ganzen ist der Tonmeister, der dafür sorgt, dass sauber und geräuschfrei gesprochen wird. Damit leistet er eine wichtige Vorarbeit für den Mischtonmeister, der später für den Gesamtsound zuständig ist. Gleiches gilt für die Studio-Cutterin, die schon parallel zur Aufnahme darauf achtet, dass wirkliche Lippensynchronität herrscht, also lippenschließende Labiale wie "b" oder "m" an der richtigen Stelle liegen. Eine Notwendigkeit, auf die bereits im Vorfeld der Autor des deutschen Dialogbuchs achten muss. "All das ist die Voraussetzung dafür, dass sich der Sprecher wirklich nur auf das Spiel konzentrieren kann." Was erklärt, warum Odle & Co. in der Branche nicht Synchronsprecher, sondern Synchronschauspieler genannt werden.

Jan Odle im Interview

"Suicide Squad" ist ein Ensemblefilm, doch die Stimmaufnahmen werden einzeln gemacht. Ist das eher hilfreich oder irritierend?

Da werde ich sofort ganz wehmütig! Als ich noch klein war, gab es im Synchron eine schöne alte Zeit, in der ganz viele Leute zusammen vorm Mikro stehen und Dialoge zu zweit oder mehreren sprechen konnte. Das hatte den großen Vorteil, dass es viel lebensnaher war. Mittlerweile haben wir gelernt, mit den neuen Gegebenheiten umzugehen, aber das natürliche Gefühl von Rede/Gegenrede machte es damals einfacher. Und für den Nachwuchs hatte es den großen Vorteil, an der Seite von großartigen Schauspielern und versierten Sprechern lernen zu können. Das ist in der Zwischenzeit zu 100 Prozent Aufgabe des Regisseurs geworden.

Was ist der Grund für diese Entwicklung?

Technik und Fortschritt. Ganz früher gab es nur Mono, dann kam Stereo, wo man ein bisschen darauf achten konnte, wer im Bild rechts oder links steht. Und dann hat irgendjemand den Surround-Sound entwickelt und schon mussten die Leute einzeln aufgenommen und je nach ihrer Bildposition einzeln in den Raum reingemischt werden. Es klingt natürlich sehr viel besser als früher, es hat aber alles seine Vor- und Nachteile.

Wie wichtig ist es bei dieser "einsamen" Arbeit, über eigene Schauspielerfahrung zu verfügen?

Ich würde sagen, das wichtigste ist Lebenserfahrung. Und die Fähigkeit, diese Lebenserfahrung auf Kommando aufrufen und umsetzen zu können. Das könnte man als schauspielerische Fähigkeit definieren. Je weniger Erfahrung man hat, desto mehr bedarf es eines Regisseurs, der diese Emotionen aus einem herauskitzelt – egal ob auf der Bühne, vor der Kamera oder am Mikrofon.

Ein weiterer zentraler Faktor ist das Timing, das man laut Ihnen nicht lernen kann. Warum?

Davon bin ich überzeugt. Talent hat man oder man hat es nicht – wie blondes oder dunkles Haar. Das Timing, von dem ich spreche, ist wie das Rhythmusgefühl bei der Musik, das man ja auch nicht einstudieren kann wie eine Anlaufschrittfolge beim Weitsprung. Einem Kind, das noch nicht lesen kann, kann man einen Satz synchron zu einem Bewegtbild vorsprechen. Wenn es das Timing-Gefühl hat, wird es diesen Satz 1:1 und synchron nachsprechen. Bei einem Kind ohne diesem Gefühl hilft auch kein Üben und es ist besser, die Finger von Synchron zu lassen und dem Kind lieber ein Eis zu kaufen. (lacht)

Nach welchen Kriterien werden die deutschen Stimmen ausgesucht?

Ein richtiges Voice-Match ist immer schwierig. Es gibt einen landestypischen Klang. Amerikaner klingen für mich in der Stimmfärbung immer mehr wie Enten, sehr nasal, sehr kopfig. Das nachzuahmen, würde bei uns albern klingen. Auch von der Satzstruktur her funktionieren die Sprachen nicht 1:1. Einen Satz kann man nicht so aufbauen, wie er im Original lautet. Deswegen funktionieren auch die Betonungen nicht. Im Englischen betont man ganz andere Stellen als wir im Deutschen. Wir sind da viel logischer. Der Angelsachse formuliert seine Satzbögen oft wie eine Frage und geht am Satzende mit der Stimme hoch. Wir würden uns die ganze Zeit fragen: Und wo bleiben jetzt die Antworten? Es würde uns völlig aus dem Konzept bringen, so einen Film anzuschauen. Und oft kommt es vor, dass die deutschen Stimmen besser zum Erscheinungsbild des Schauspielers passen als dessen Originalstimme.

Jan Odle spricht Will Smith

Wie ist ihre persönliche Beziehung zu Will Smith? Wie ist es, gemeinsam alt zu werden?

Ich würde ihn sehr gerne mal treffen. Wenn ich auf Premierenfeiern als Gast bin, ist er als Marketing-Instrument da und komplett verplant. Einmal hatten wir die Gelegenheit, ganz kurz zu sprechen. Da war er wahnsinnig herzlich und hat gesagt: „I really like what I hear!“ Seine Stimme zu sein, macht sehr viel Spaß. Zu "Prinz von Bel-Air"-Zeiten war es angesagt, den Jive genannten Slang der schwarzen US-Amerikaner mit kieksiger Überdrehtheit zu imitieren. In der Zwischenzeit spreche ich ihn überhaupt nicht mehr so – Gott sei dank! (lacht) Das liegt aber nicht nur am Älterwerden, sondern auch daran, dass Will Smith viel Abwechslung reinbringt und auch immer mal wieder kleine seriöse Filme wie zuletzt "Erschütternde Wahrheit" macht. Das sind immer wieder neue Herausforderungen an den Schauspieler und den Synchronsprecher. Über so etwas würde ich gerne mal bei einem Gläschen Wein mit ihm reden.

Einer der magischsten Momente der 51. Verleihung der GOLDENEN KAMERA war der Auftritt von Helen Mirren, die am Ende ihrer Dankesrede für den Gewinn in der Kategorie "Lebenswerk International" quasi auf Knien ihrer Synchronstimme Karin Buchholz dankte (ab Laufzeit-Minute 10:40).

Helen Mirren dankt ihrer Synchronsprecherin Karin Buchholz

Wissen die internationalen Stars das hohe Synchronisationsniveau in Deutschland wirklich derart zu schätzen?

Das hört man immer wieder. Bud Spencer hat der Familie seiner deutschen Stimme nach deren Tod einen Kondolenzbrief geschrieben. Manche sind sich sehr bewusst, wer ihre deutschen Stimmen sind. Da immer mehr international produziert wird, haben wir zwischenzeitlich einen Interessenverband namens "Die Gilde" (www.synchronverband.de) gegründet, der auf unsere Tätigkeit aufmerksam machen und auch Kontakt zu den Schauspielern herstellen soll.

Woher kommt eigentlich das hohe Niveau bei uns?

Ich glaube, das ist der deutsche Perfektionismus. Es gibt eine alte Legende, nach der Mussolini nicht wollte, dass in seinem Land Filme in fremder Sprache gezeigt werden. Er hat die Synchronisation also erfunden und seine politischen Glaubensgenossen im Norden fanden seine Idee wohl auch recht spannend und haben es perfektioniert. (lacht) So wird zumindest gemunkelt.

Wie sehr trifft Euch das ewige Nörgeln der Originalton-Fetischisten?

Das muss jeder für sich entscheiden. Wenn man ein neues Auto auf den Markt bringt, wird sich auch immer ein Klugscheißer finden, der es besser designt hätte. Die Generation Blogger hat auch nichts anderes zu tun. Mir ist das relativ egal. Ich kann nur sagen: Leben und leben lassen. Ich mache mein Ding so gut ich kann und glaube daran, was ich tue. Ich bin nie ganz zufrieden, aber es gefällt mir und ich mache weiter so. Und wenn das ein paar Leute scheiße finden – sollen sie!

Inwiefern wirkt sich die heute allgegenwärtige O-Ton-Verfügbarkeit auf die künstlerische Freiheit der Synchronarbeit aus? Neuinterpretationen a la Rainer Brandt für "Die Zwei" wären doch heute nicht mehr vorstellbar, oder?

Och, gerade bei Beispielen wie "Family Guy" wäre es unmöglich, die ganzen lokalen Anspielungen und Namen der hierzulande unbekannten US-Celebrities zu übernehmen. Gut, was Rainer Brandt gemacht hat, war absolut genial und ist sicherlich eine Freiheit, die wir so bestimmt nicht mehr haben. Ob das eine aber mit dem anderen zusammenhängt, weiß ich nicht. Da spielt auch die Tatsache rein, dass es zu viele Redakteure gibt, die zu besorgt um ihre Position und ihren Job sind und deswegen nicht den Mut haben zu sagen: Mach mal! Das ist aber in jedweder kreativen Tätigkeit weit verbreitet. (lacht)

Entfesselte Synchro: "Die Zwei" a la Rainer Brandt

Wie erklären Sie sich, dass die deutschen Verleiher auf Nachfrage die Namen ihrer Synchronsprecher nicht herausrücken?

Das kann ich mir nur so erklären, dass sie die persönlichen Daten ihrer Mitarbeiter schützen wollen. Das wir nicht namentlich im Abspann geführt werden, finde ich allerdings sehr schade. Das ist auch ein Thema, an dem unser Synchronsprecherverband arbeitet, das allerdings gar nicht in Deutschland, sondern auf internationaler bzw. amerikanischer Verleiher-Ebene entschieden wird. Im Fernsehen haben wir schon Fortschritte gemacht, das auch im Kino durchzuboxen, ist aber ein sehr schwieriger Prozess, der noch Jahre dauern wird. Ich glaube aber nicht, dass die Verleiher in Deutschland ein Problem damit hätten. Die Hürden liegen außerhalb unserer Landesgrenzen.

Wie ist Ihre Position dazu, dass immer mehr "ungelernte" Promis zu Marketingzwecken synchron sprechen? Ist es ein Ärgernis, dass die Verleiher hier eher auf Namen als auf Qualität setzen?

Darüber muss ich sehr oft schmunzeln. Sollen sie’s machen! Wenn dadurch mehr Leute ins Kino gelockt werden, dann verstehe ich das. Wie oft das tatsächlich funktioniert, weiß ich allerdings nicht. Solange das die Marketingabteilungen für sich rechtfertigen können, wird es weitergehen. Es gibt unter diesen Aushängeschildern aber auch immer wieder „prominente“ Kollegen, die entweder von vornerein ein großes Talent mitbringen oder einfach eine gesunde Demut mit ins Studio bringen und sagen: "Ich habe das noch nie gemacht und habe echt schiss – hilf mir bitte!" Dafür bin ich dann als Regisseur ja da und helfe sehr gerne.

Was reizt Sie nach all den Jahren noch immer an der Synchronarbeit?

Weil ich so früh angefangen habe, war mir auch sehr früh klar, dass ich über einen großen Erfahrungsschatz verfüge, den ich weitergeben will. Das Führen von Leuten, Sachen aus ihnen heraus zu kitzeln, von denen sie vielleicht gar nicht wissen, dass sie in sich haben, sie an Rollen heranzuführen, von denen sie vielleicht nicht glauben, dass sie ihnen gewachsen sind – das macht sehr viel Spaß. Beim Texten, der Umgang mit der Sprache, die Kreativität, den Weg zu finden, im Deutschen etwas auszudrücken, wofür man im Englischen halb so viel Zeit braucht, finde ich unglaublich spannend. Und als Sprecher ist die große Herausforderung ohne das ganze Drumherum zu spielen, ohne Kostüm, ohne Maske, ohne Set, ohne Kollegen – eine Situation einfach nur verbal zu gestalten und Emotionen nur mit der Stimme rüberzubringen. Glaubhaft zu vermitteln, dass man das, was man da sieht, auch gerade gemacht hat, das ist eine Herausforderung, die ich immer wieder spannend finde. Wenn man so will, ist das eine ganz besonders reine Form der Schauspielerei. Oder zumindest Täuschung auf wahnsinnig hohem Niveau! (lacht)

Text + Interview: Alexander Attimonelli

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