Und der Studenten-Oscar geht an... Teil 2

Animations-Gold-Kandidaten (v.l.n.r.): Steve Bache, Mahyar Goudarzi, Louise Peter und Ahmad Saleh
Foto: © Bache/Goudarzi/Peter, Ahmad Saleh
Was wir bereits wissen
Nachdem wir in der letzten Woche bereits unsere Kandidaten im Bereich Spielfilm und Dokumentation vorgestellt haben, wenden wir uns diesmal den Aspiranten auf Animations-Gold zu.

Wenn am 22. September die Academy of Motion Picture Arts and Science zum 43. Mal die "Student Academy Awards" verleiht, haben wir in der Auslandssektion gleich fünf heiße Eisen im Feuer, die an deutschen Filmhochschulen entstanden sind. Nach den Vertretern der HFF München und der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, die in den Kategorien Spielfilm und Dokumentation ins Rennen um den Studenten-Oscar gehen, präsentieren wir diesmal zwei Projekte, die an der Filmakademie Baden-Württemberg und der Kunsthochschule für Medien Köln entstanden sind und in der neu eingeführten Unterkategorie "Animation" mit einem Beitrag aus China um Studenten-Oscar-Gold ringen.

Ahmad Saleh mit "Ayny - My Second Eye"

Ahmad Saleh darf man getrost als Quereinsteiger bezeichnen. Als der gelernte Elektroingenieur seine Heimat Palästina verließ, spürte er, dass sein Kopf voller Geschichten war, die erzählt werden wollten. So begann er nebenher eine Kurzgeschichtensammlung zu schreiben, die von der palästinensischen A.M. Qattan Foundation ausgezeichnet wurde und Saleh darin bestärkte, die Arbeit als Ingenieur zugunsten eines Kunststudiums aufzugeben. Nach seinem Master-Abschluss in Digitalen Medien an der Universität Bremen arbeitete er zunächst als Art Director, bis er an der Kunsthochschule für Medien Köln sein Filmstudium aufnahm.

Bei dem knapp 11-minütigen Stop-Motion-Film "Ayny - My Second Eye" handelt es sich um Salehs Abschlussarbeit, an der er über zwei Jahre lang mit einem "unglaublichen Team" gearbeitet hat. Während ihn Diana Menestry und Jessica Neubauer beim Herstellen der Tonfiguren unterstützten, zeichneten Kati Osterman für die Ausstattung und Frank Pingel für die Animation verantwortlich. Erzählt wird die berührende Geschichte von zwei musikalischen Jungs, die sich in eine orientalische Kurzhalslaute verlieben und beim Versuch, das teure Musikinstrument zu erwerben, auf tragische Weise eins werden müssen.

Ahmad Saleh im Interview

Was hat Dich dazu bewogen, eine zweite Karriere im Film einzuschlagen und warum hast Du dabei Deinen Fokus auf die Animation gelegt?

Ich wollte einfach Geschichten erzählen. Erst habe ich das in geschriebener Form getan, dann bin ich zum visualisierten Erzählen durch Fotografie übergegangen und habe schließlich meinen ersten Kurzfilm während meines Studiums in Bremen gemacht. Zu erleben, dass mich das Filmemachen an die unterschiedlichsten Orte und mit den verschiedensten Leuten zusammen bringt, gibt mir das Gefühl, meinen Traum zu leben. Und die Animation ermöglicht es mir dabei, über die Gestaltung meiner Geschichte die größtmögliche Kontrolle zu behalten.

Warum hast Du Dich für "Ayny" für eine Stop-Motion-Animation mit Tonfiguren entschieden?

Manche Geschichten sehe ich vor meinem geistigen Auge als Zeichnung, manche in Form von Figuren. Ich denke, dass die Figuren immer dann auftauchen, wenn die Geschichte einen höheren Bezug zur Realität hat. Es ist faszinierend, wie Dir Tonfiguren die Illusion geben können, reale Charaktere zu beobachten, und Dich gleichzeitig daran erinnern, dass diese Filmwelt nicht real ist. Ich liebe es, mit meinem Publikum zusammen auf diesem schmalen Grat zu wandern.

Wie ist die Geschichte von "Ayny" entstanden? Laut den Informationen der KHM basiert Dein Film auf einer tragischen Begebenheit, die Du im palästinensischen Autonomiegebiet in der Stadt Nablus gemacht hast.

Ich habe erlebt, wie wenige Meter von mir entfernt zwei kleine Jungs von einer Explosion erfasst wurden. Mein Cousin und ich haben die beiden in ein Krankenhaus transportiert. Das war keinerlei Heldentat, aber zu erleben, wie in dieser schrecklichen Situation alle anwesenden Menschen gemeinsam dafür gesorgt haben, dass unser Taxi so schnell wie möglich zum Krankenhaus kommt, hat mich inspiriert, diese ermutigende Geschichte zu schreiben.

Du hast darin einige höchst poetische Bilder gefunden, wie das von Blumen, die zu Orten der Geborgenheit erblühen. Wie bist Du auf diese Symbolik gekommen?

Das bezieht sich auf den Umstand, dass Flüchtlingscamps oft so lange am gleichen Platz bleiben, dass die Menschen ihre Zelte in Steinwände verwandeln und über die Jahre die Reihen kleiner Häuser zu einer Stadt heranwachsen. Die Blume symbolisiert dabei die Stärke, die von der Mutter in jeder Familie gepflanzt wird.

Was würde Dir der Gewinn des Studenten-Oscars bedeuten und was steht als nächstes für Dich an?

Es wäre eine Chance, dass diese Geschichte ein noch größeres Publikum bekommt und dass ich weitere Geschichten erzählen kann. Da Animation sehr zeitaufwendig ist, nagen Filmemacher in diesem Bereich oft am Hungertuch. Daher ist zur Zeit meine erste Priorität, bezahlte Jobs zu bekommen. Zur Zeit arbeite ich in Palästina als Autor und Co-Regisseur eines Kurzfilms, der im Yasser Arafat Museum in Ramallah als Dauereinrichtung laufen soll. Und nebenbei entwickle ich meinen ersten Langfilm. Als Schreiber von Kurzgeschichten fand ich es immer schwierig, ein längeres Format in Angriff zu nehmen. Mit der Unterstützung von Professor Markus Busch an der KHM habe ich jetzt aber einen Weg gefunden. Einen Spielfilm zu machen, der die Augen des Publikums an andere Orte und Geschichten führt, ist auf jeden Fall ein Traum, den ich realisieren will.

Steve Bache, Mahyar Goudarzi und Louise Peter mit "Eye for an Eye"

"Unterschiedliche Möglichkeiten zu finden, um Geschichten und Inhalte auszudrücken, finde ich spannend. Und ich finde es immer wieder wichtig, dabei vom Inhalt her zu denken und nicht von einer oft standardisierten Form aus." Bevor Louise Peter 2014 mit ihrem Drehbuch-Studium an der Filmakademie Baden-Württemberg begann, hatte sich die 33-jährige Berlinerin bereits in unterschiedlichen Formen künstlerisch ausgedrückt. Nach dem Abitur folgten mehrere Praktika und Assistenzen in der Theater- Film- und Medienwelt, woran sich ein Studium der Theater- Film und Medienwissenschaften in Wien und von 2006 bis 2009 eine Schauspielausbildung in Berlin anschlossen. Peters eigentliche Leidenschaft ist aber das Schreiben von Geschichten, die sie zu Papier bringt, seit sie schreiben kann. "Ich denke, erzählen ist ein sehr menschliches Bedürfnis, und ich glaube, dass ich mich aus diesem Bedürfnis heraus dazu entschieden habe, Drehbuch zu studieren. Ich stelle regelmäßig fest, dass mich Filme beeindrucken, bei denen ich das Gefühl habe: da muss jemand etwas erzählen. Dass es also nicht so sehr um die Frage geht, was will das Publikum sehen, sondern eher um die Frage, was will ich der Welt mitteilen, was beschäftigt mich, was wühlt mich auf."

Mit dem Animations-Dokumentarfilm "Eye for an Eye" ist Steve Bache zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Denn eigentlich war der 1990 in Pirna geborene Regiestudent in seiner Kindheit noch fest davon ausgegangen, als Comiczeichner Karriere zu machen. Die Leidenschaft im bildlichen Erzählen verschob sich, als Bache nach dem Abitur mit der Welt des Films in Berührung kam. Zunächst als Praktikant, dann als Erster Regieassistent arbeitete er drei Jahre lang bei verschiedenen Produktionen in und um Berlin, bis er 2014 an der Filmakademie Baden-Württemberg ein Studium für Spielfilmregie aufnahm und sein Verständnis vom Filmemachens in die Tat umsetzte: "mit verschiedenen kreativen Köpfen Geschichten erzählen und mit neuen Perspektiven heikle Themen betrachten."

Mahyar Goudarzi hat bereits während des Abis in Düsseldorf gemerkt, dass ihm Film und Video auch beruflich Spaß machen würden. Das Studium in Köln im Bereich "Angewandte Medien" entpuppte sich aber als wenig zielführend, da der filmische Bezug fehlte. Also verabschiedete sich Goudarzi von der Universität und begann, für verschiedene redaktionelle Fernsehformate in Köln zu arbeiten – und sich nebenbei bei Filmhochschulen zu bewerben. Als nach drei Jahren die Zusage der Filmakademie Baden-Württemberg kam, zögerte der 24-Jährige nicht lange und gab 2014 für sein Dokumentarfilm-Studium sogar eine Festanstellung auf, denn "ein Filmstudium war einfach immer mein fest gestecktes Ziel."

Bei "Eye for an Eye" handelt es sich um den Erstjahresfilm, den Louise Peter, Steve Bache und Mahyar Goudarzi zusammen im Rahmen ihres "Filmgestaltung"-Grundstudiums auf die Beine gestellt haben und der den formschönen Beweis antritt, dass an der Filmakademie Baden-Württemberg interdisziplinäres Arbeiten groß geschrieben wird. Die Idee, ihren Hybrid-Film aus Animation und Dokumentation im Rotoskopie-Verfahren zu realisieren, entstand nach dem gemeinsamen Besuch einer Übungssequenz in dieser Animationstechnik. Im Fokus ihres knapp fünfminütigen Films steht die tragische Lebensgeschichte des zum Tode verurteilten Doppelmörders Frederick Baer, der seit über 10 Jahren im Indiana State Prison sitzt und auf die Vollstreckung seines Urteils wartet.

Mahyar Goudarzi im Interview

Wie seid Ihr auf das Thema von "Eye for an Eye" gekommen?

In unseren zahlreichen Story- und Brainstorm-Sessions sind wir auf den Trichter gekommen, dass sich die Rotoskopie-Technik dazu anbietet, das Leben eines Menschen darzustellen, das anders verlaufen ist als ein konventioneller Lebensverlauf. So kamen wir ziemlich schnell auf Personen, die zum Tode verurteilt sind und sich beim Warten auf die Vollstreckung mit dem höchsten aller Urteile abfinden muss. Die Recherche ging dann in alle Richtungen. Wir haben etliche Briefe von Gefangenen gelesen, die in der Todeszelle sitzen, und uns diverse Doku-Formate zu dem Thema angeschaut. Und da ist immer wieder Frederick Baer aufgetaucht, dessen Lebensgeschichte uns alle drei am meisten gefesselt hat. Anfangs hatten wir noch überlegt, die Interviewsequenzen, die von vornerein als einzige Tonebene feststanden, nachvertonen zu lassen. Wir haben dann aber gesehen, dass es am allermeisten Sinn macht, wenn man seine eigene Stimme selber drauf lässt. Deswegen sind bei uns originale Interviewpassagen zu hören, die aber nur einen Zusammenschnitt darstellen – das ganze Interview ist deutlich länger.

Audioquelle für den Kurzfilm "Eye for an Eye"

Was war bei der 'künstlerischen' Verarbeitung eines so heiklen Themas die größte Herausforderung? Ihr habt starke Symbolbilder geschaffen, beispielsweise wenn der Täter erzählt, wie er seinen Opfern die Kehle durchschneidet und ihr ein zerreißendes Foto von Mutter und Tochter zeigt. Wie weit darf die Stilisierung in so einem Film gehen?

Ein absolut diskussionswürdiges Thema! Wir hatten vor der Entstehung des Filmes lange Diskussionen über die Wirkung, weil man im Vorfeld nicht genau einschätzen kann, wie ein bestimmtes Sujet wirkt, wenn es durch die Animation so verfremdet und stilisiert wird. Wir wollten auf keinen Fall einen Film machen, der ein schreckliches Geschehen aufgreift und es beschönigt. Auch vom bisherigen Feedback her ist unser Gefühl, dass wir da eine ganz gute Balance geschafft haben: Zwischen der Härte des Gesprochenen, des unweigerlich Realen, das man auf der dokumentarischen Ebene hört, und den dazu gefundenen Bildern, die Assoziationsräume schaffen. Das war unser Ziel. Die Geschichte ist in ihren Bestandteilen und ihrem Verlauf so grausam und tragisch für alle Beteiligten, dass man das nicht weiter unterstreichen muss. Unser Gedanke war, Bilder zu zeigen, die Räume eröffnen. Und da hat sich diese Technik als sehr hilfreich herausgestellt. Eine weitere Frage bei einem Film über so eine Person war: Wie steht man dazu? Bei einem Festival, auf dem Louise unseren Film vorgestellt hat, sagte ein Zuschauer, man könne meinen, der Film stelle den Mörder als Opfer dar. Das so ein Feedback kommt ist gut, weil wir uns mit "Eye for an Eye" auf einem schmalen Grat bewegen. Uns war von Anfang an wichtig, dass es ein Film wird, der nicht wertet. Der nicht von der ersten Sekunde an den moralischen Zeigefinger gegen die Todesstrafe oder gegen den Täter erhebt, sondern der einfach diese Frage in den Raum wirft. So wie er Assoziationsräume schafft, soll er auch Diskussionsräume erschaffen.

Wie muss man sich den Ablauf der Dreharbeiten vorstellen?

Das war ein unfassbarer langer und schwieriger Weg, weil man in dieser Technik für eine Sekunde Film 12 Din-A-4-Seiten zeichnen muss. Als erstes haben wir die Sequenzen, die wir rotoskopieren wollten, als Grundlage Realfilmaufnahmen gemacht. Kurze Passagen seines Gesichts sind aus dem realen Material, ansonsten wurde von uns alles an Bildern und Szenen im Vorfeld nachgestellt. Nachdem wir unsere Sequenzen hatten, haben wir uns eigene Konstruktionen mit Monitoren gebaut und mit dem Rotoskopieren begonnen. Wir drei haben dann zwei Wochen durchgehend gezeichnet – ab und zu gab es mal stundenweise Hilfe von Kommilitonen. Das war ein unfassbares Pensum – wir haben über 3000 Seiten gezeichnet! Und den ganzen Spaß musst Du hinterher auch noch abfotografieren. Es war ein echtes Fotofinish bis zur Präsentation. Außerdem war es genau vor einem Jahr unfassbar warm. Wir saßen da unter dem Dach der Filmakademie und der Deckenventilator war unser bester Freund. (lacht)

Was würde Euch der Gewinn des Studenten-Oscars bedeuten? Was hätte das für Auswirkungen innerhalb Eures Studiums?

In erster Linie haben wir uns wahnsinnig gefreut! Bei einem Erstjahresfilm rechnet man allgemein nicht damit, ihn auf einmal auf der Oscar-Seite wiederzufinden. Als wir von der Nominierung erfahren haben, war die Freude auch deswegen so groß, weil es sich um die Rubrik „Foreign Animation“ handelt, und wir alle drei zum ersten Mal in diesem Sujet gearbeitet haben. Beim Studenten-Oscar zu den drei Finalisten zu gehören, ist eine wahnsinnige Auszeichnung – das muss man erstmal verarbeiten und sacken lassen! Und von der Aufmerksamkeit erhofft man sich natürlich schon, dass es einem gerade bei der Suche nach Redakteuren oder in der Zusammenarbeit mit großen Festivals ermöglicht, schnelleren Zugang oder Kontakt zu finden.

Was steht als nächstes an? Habt Ihr schon Themen für Eure Abschlussfilme im Auge?

Wir kommen alle in einem Monat ins dritte Studienjahr, das heißt, wir haben noch ein Jahr Zeit, bevor wir in unsere Diplomprojekte angehen. Louise macht jetzt gerade über ein Austauschprogramm der Filmakademie ein Projekt in Frankreich. Steve wird genau wie ich nach dem Sommer die Planung für seinen Drittjahresfilm anfangen – ich im dokumentarischen, er im szenischen Bereich. Vorher bin ich noch für einen Kurzfilmdreh für eine Woche in Argentinien und dann sind wir mal gespannt, ob wir Ende September die Koffer Richtung Hollywood packen müssen! (lacht)

Text + Interviews: Alexander Attimonelli

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