Leinwand-Comeback der Extraklasse: "Belladonna der Trauer"

Wortwörtlich bildschön: Bauernmädchen Jeanne ist die "Belladonna der Trauer"
Foto: © Rapid Eye Movies
Was wir bereits wissen
43 Jahre nach seiner Entstehung läuft das von Anime-Urvater Osamu Tezuka ("Astro Boy") produzierte Zeichentrick-Kunstwerk erstmals wieder in ausgewählten Kinos.

Die am 1. September startende Kinowoche zeigt eindrücklich, wie unterschiedlich man im heutigen Kinobetrieb mit Filmklassikern umgehen kann. Entweder man produziert mit großem Aufwand ein "zeitgemäßes" Blockbuster-Remake wie "Ben-Hur", in dem dann aber nur der Nebenrollenauftritt von Morgan Freeman einen der raren Lichtblicke darstellt. Oder man bringt wie das Kölner Filmlabel Rapid Eye Movies eine zeitlos avantgardistische Zeichentrickproduktion aus dem Jahre 1973 zur restaurierten Wiederaufführung, deren phantasmagorische Bilderflut fraglos auf die große Leinwand gehört.

Darum geht's in "Belladonna der Trauer"

Das von Eiichi Yamamoto ("Kimba, der weiße Löwe") inszenierte Erotikdrama feierte seine Uraufführung unter dem bisher geläufigen Verleihtitel "Die Tragödie der Belladonna" im Wettbewerb der 23. Berlinale. Anime-Pionier Osamu Tezuka basierte sein Konzept auf Motiven des französischen Historikers Jules Michelet, der 1862 in seinem Werk "La sorcière" die Geschichte der Hexenverfolgung als Sinnbild für die Jahrhunderte lange Unterdrückung der Frau interpretiert hat. In Tezukas Filmadaption muss die frisch vermählte Jeanne am Vorabend der französischen Revolution erdulden, wie ihr tyrannischer Fürst brutal das "Recht der ersten Nacht" einfordert. In ihrer Qual flüchtet sich die schöne Bauernmagd in einen Pakt mit dem Teufel – und verwandelt sich dadurch in die hexenmächtige Gebieterin über die menschliche Begierde...

Trailer zu "Belladonna der Trauer" (Kinostart: 1.9.2016)

Dass der Epilog Jeanne als märtyrerische Pionierin der Emanzipation charakterisiert, macht die gesellschaftspolitischen Untertöne von "Belladonna der Trauer" deutlich. Es ist aber nicht diese mitschwingende Botschaft, die einen auch heute noch über diesen im Kontext der sexuellen Revolution entstandenen Film staunen lässt, sondern seine experimentelle Machart fernab klassischer Anime- oder Disney-Bildsprache. Regisseur Yamamoto illustriert Jeannes Geschichte als rauschhaften Mix aus abgefilmten Aquarellen und psychedelisch entfesselten Animationen – und erzeugt damit einen Bildersturm zwischen Poesie und Schrecken. Wer nicht den Weg in eine der limitierten Programmkino-Aufführungen findet, kann sich schon mal auf den 25. November freuen. Dann erscheint nämlich die 4K-restaurierte Fassung von "Belladonna der Trauer" als Blu-ray-Special-Edition.

Wer sollte sich "Belladonna der Trauer" anschauen?

Erwachsene Kinogänger, die keine Angst vor experimenteller Filmkunst zwischen Arthouse- und Mitternachtskino haben.

Warum muss ich "Belladonna der Trauer" sehen?

Weil dieser rauschhafte Animationsklassiker eindrucksvoll verdeutlicht, dass Zeichentrick kein Kinderkram sein muss.

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