Ein exklusiver Blick in die "Protokolle des Bösen"

Was wir bereits wissen
Ab dem 24. September zeigt Pay-TV-Sender A&E ein eigenproduziertes True-Crime-Format, in dem namhafte Schauspieler wie Fritz Wepper in die Haut realer Serienkiller schlüpfen. Wir haben die ersten Folgen gesehen und mit den Machern gesprochen...

Spätestens seit Netflix mit seiner Doku-Serie "Making a Murderer" für Aufsehen und exzellente Quoten sorgte, hat sich das True-Crime-Sujet als feste Größe in der Unterhaltungsbranche etabliert. In diesem Fahrwasser legt A&E Networks Germany jetzt ein spannendes neues Format vor, das ab dem 24. September immer Samstags um 21.50 Uhr auf A&E ausgestrahlt wird. "Protokolle des Bösen" basiert auf Gesprächen, die der Profiler und Autor Stephan Harbort in Gefängnissen und psychiatrischen Einrichtungen mit überführten Serienmördern geführt hat. Der Clou: In den fünf adaptierten Fällen sitzt der Düsseldorfer Kriminologe nicht mehr seinen mörderischen Gesprächspartnern, sondern namhaften Schauspielern gegenüber: Uwe Ochsenknecht als drogensüchtiger Oma-Killer Daniel Küster, Sven Martinek als psychotischer Raubmörder Frank Kuhlmeyer, Michaela May als Krankenhauspatienten mordender Todesengel Marianne Löhr, Detlef Bothe als seelenloser Triebmörder Johann Fischer und Fritz Wepper als diabolischer Frauenschlächter Joachim Stein...

Teaser-Trailer zu "Protokolle des Bösen" (TV-Start: 24.9.2016)

"Protokolle des Bösen": Die Hamburger Vorpremiere

Bei der Hamburger Vorpremiere von "Protokolle des Bösen" wurden in Anwesenheit der Senderverantwortlichen sowie von Stephan Harbort, Sven Martinek und Detlef Bothe zwei Folgen aufgeführt. Zuvor ließ es sich Produzent Emanuel Rotstein aber nicht nehmen, den ambitionierten Ansatz ihres Projekts zu betonen, das bewusst mit etablierten Sehgewohnheiten brechen will. Tatsächlich wird die kammerspielartige Gesprächssituation der halbstündigen Episoden immer wieder aufgebrochen, indem Harbort zwischendurch seine Analysen und Gesprächsstrategien direkt in die Kamera erläutert. Ein inszenatorischer Schachzug, der ein interessantes Spannungsverhältnis zur unfassbar hohen Intensität der schauspielerischen Leistungen kreiert.

Herausragend an "Protokolle des Bösen" sind ohne Frage die Schauspieler, die wir – von Bond-Bösewicht Detlef Bothe ("Spectre") einmal abgesehen – erstmals in ungewohnt abgründigen Rollen zu sehen bekommen und die dabei darstellerisch über sich hinauswachsen. Während Sven Martinek in den anschließenden Einzelgesprächen seine Begeisterung für das Projekt damit begründete, einmal minutiös ergründen zu können, wie der Samen des Bösen in einem Menschen gelegt wird...

Sven Martinek spricht über seine Rolle in "Protokolle des Bösen"

...betonte Detlef Bothe, dass ihn vor allem die außergewöhnliche Spielsituation gereizt hat: "Das Besondere ist diese Dichte. Im Theater ist es eine vergleichbare Situation, wobei die Bühne weniger abstrakt ist. Hier ist das Reale, dass Du durchspielen kannst und überhaupt keine Stopps hast. Du kannst wirklich eintauchen – so intensiv erlebst Du das als Schauspieler eigentlich nie. Es ist schon ein Geschenk, es ist aber auch eine Belastung, denn dieser Charakter war für mich ein einziger Alptraum. Es ist schauspielerisch aber auch eine große Herausforderung und die sucht man ja auch."

Die exzellente Leistung von Bothe & Co. brachte Stephan Harbort, der an diesem Tag die fertigen Episoden selbst zum ersten Mal zu Gesicht bekam, mit "beeindruckend und bedrückend zugleich" auf den Punkt. Ein Kommentar, der auch die Gesamtwirkung von "Protokolle des Bösen" beschreibt.

"Protokolle des Bösen"-Autor Stephan Harbort im Interview

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, aus den Gesprächen, die Sie über die Jahre geführt haben, ein auch der Unterhaltung verschriebenes Fernsehformat zu formen?

Ich bin vor einigen Jahren mit dieser Idee konfrontiert worden und fand das gut, da ich ja aus eigener Erfahrung wusste, dass diese Gespräche sehr spannend, sehr aufregend und atmosphärisch sehr dicht sind und dabei viele neue Erkenntnisse vermitteln. Aber in der ersten Zeit hat sich kein Sender so richtig daran getraut. Man ist ja in dieser Republik extrem quotengeil und dann sagt man: Oh, das ist was Neues und da kommen ja auch neue Sehgewohnheiten zum Tragen – das wollen wir nicht riskieren. Aber jetzt mit A&E, einem ambitionierten Sender, der das einfach mal anpackt, ist ein entsprechendes Ergebnis herausgekommen. Und ich sage das nicht, weil ich daran beteiligt bin, sondern es hat was.

Wie würden Sie als Kriminologe die Faszination des Bösen beschreiben?

Mit dem Begriff "Faszination des Bösen" habe ich ein kleines Problem, weil ich sage: Derjenige, der sich von Verbrechen faszinieren lässt, der ist auf dem falschen Weg. Ich glaube, da ist eine gewisse Unschärfe drin. Ich gehe davon aus, dass sich die Menschen dafür interessieren, also eine natürliche Neugier da ist, die berechtigt ist und auch befriedigt werden darf. Jemand wie ich, der an sehr unappetitlichen Tatorten gewesen ist, der Todesnachrichten überbringen musste, der auch an unappetitlichen Obduktionen teilgenommen hat – da gibt es keine Faszination für das Verbrechen, sondern es ist traurig, tragisch und dramatisch. Ich kann aber verstehen, dass Menschen, die ja auch die dunkle Seite an sich kennen, fragen: Wie ist das denn eigentlich, wenn da einer den Schritt weitergeht? Wie weit bin ich davon entfernt? Bei uns ist es ja so, dass das Gute als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird. Aber wenn jemand wirklich böse ist, dann wollen wir schon wissen: Was ist denn da los? Das verstehen wir nicht, aber wir wollen verstehen. Insofern kann ich nachvollziehen, warum nicht nur in Deutschland, sondern weltweit solche dunklen Themen Konjunktur haben.

Sie sind ja auch als Berater für Film und Fernsehen tätig. Wie beurteilen Sie den manchmal doch recht plakativen Umgang der Filmindustrie mit dem Verbrechen oder dem Bösen?

Ich beobachte das teilweise mit Argwohn. Deswegen mache ich auch bestimmte Projekte nicht, da ich sie fast schon für unseriös halte. Ich bedaure, dass die Opferrolle eher minimalistisch dargestellt wird, was aber letztendlich dem Bedürfnis der breiten Bevölkerung geschuldet ist. Die Darstellungen sind mir zu täterfokussiert. Jetzt können Sie natürlich sagen: Moment mal, in "Protokolle des Bösen" geht es ja nur um die Täter! Stimmt, das ist aber von Beginn an das Konzept gewesen. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass wir ein solches Format fortsetzen, uns dann aber auf die Opferrolle konzentrieren. Das heißt ich spreche dann mit den Opfern, was ich ja auch viele Jahre getan habe. Und diese Gespräche, das darf ich sagen, sind mindestens genauso eindrucksvoll wie die mit den Tätern. Jetzt machen wir mal den Sprung zurück zu den Medien: Ich als Autor habe ja auch entsprechende Erfahrungen gemacht. Mir war es ein persönliches Bedürfnis, auch einmal die Opferperspektive abbilden zu dürfen. Aber das Buch hat sich nicht so gut verkauft wie die anderen, weil die Menschen eben die Täter sehen wollen und nicht das Opfer. Genauso sind die Medien aufgestellt und da fehlt mir der Mut, mal einen neuen Weg zu gehen. Stattdessen soll die Quote entscheiden und das ist für mich immer eine sehr fragwürdige Geschichte.

In den Pressenotizen steht zu lesen, dass in all Ihren Gesprächen die Unterhaltung mit dem von Fritz Wepper gespielten Täter das einzige Mal war, dass Sie das klassische Böse angesprungen hat. Was war hier so außergewöhnlich?

Ich habe da mit einem Serienmörder etwa sieben Stunden zusammen gesessen. Von ihm hieß es, er sei suizidgefährdet, wolle aber vorher noch eine grandiose Abschiedsvorstellung geben – also möglichst viele Menschen töten. Insofern hatte der Besuch für mich schon einen negativen Beigeschmack, weil ich nicht wusste, was er überhaupt von mir will. Aber das, was mich dann nachhaltig bis heute beeindruckt hat, war, dass er nach vielleicht dreieinhalb Stunden versucht hat zu lächeln. Das, was sich da in seinem Gesicht abgezeichnet hat, kann ich auch heute mit Worten kaum beschreiben. Es war einfach eine Maske fernab von Menschlichkeit – purer Zynismus, Verachtung. Da habe ich spontan gedacht: Ich glaube, das ist das, was das Böse ist. Bis heute ist mir das gottseidank nicht wieder begegnet. Das war wirklich ein Psychopath aus dem Lehrbuch, der auch wahnsinnige Freude daran hatte, Menschen im negativen Sinne zu beeindrucken. Und das ist ihm auch gelungen.

Text + Interview: Alexander Attimonelli

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