Tatort Deutschland: Warum wir unseren Sonntagskrimi lieben

Auch sie lieben den Sonntagskrimi: Axel Prahl und Jan Josef Liefers bei der Kino-Preview des 25. Münster-Tatort "Der Hammer"
Foto: © WDR/Claus Langer
Was wir bereits wissen
Fast 30 Prozent der deutschen Fernsehzuschauer schwören auf ihren Krimi am Sonntagabend. Wir haben versucht zu ergründen, warum das so ist.

"Mir ist die ganze Krimi-Schwemme zu viel! Es gibt ja außer Krimis praktisch nichts anders mehr im Fernsehen!", sagte Schauspieler Christian Wolff ("Forsthaus Falkenau") vor zwei Jahren in einem Interview. Und auch der erfolgreiche Regisseur Christian Petzold (Silberner Bär für "Barbara") übte Kritik, jedoch mehr, weil er die Krimis, die im deutschen Fernsehen laufen, zu einfallslos findet. Er meint, die Polizei stünde mehr im Mittelpunkt als die Erzählung: "Ich gucke schon Krimis, aber es ist ein bisschen viel geworden, weil ja jede Landeshauptstadt ein eigenes Kommissariat hat. Ich habe das Gefühl, in Schweden gibt es nur noch Serienmörder und bei uns nur noch Kommissare."

Prompt sind Petzolds zwei selbst gedrehte "Polizeiruf 110"-Folgen mit Matthias Brandt von ganz anderem Kaliber, erzählen so behutsam wie stringent ihren Plot und bauen langsam Spannung auf, so wie bei der Episode "Wölfe", die kürzlich im Ersten lief:

Aller Kritik zum Trotz lieben die Zuschauer ihren Sonntags-"Tatort" oder -"Polizeiruf 110" der ARD, die Samstagskrimis des ZDF und die Schwedenkrimis, die die Öffentlich-Rechtlichen gern am späten Sonntagabend zeigen. Regionen, die z. B. den "Tatort" nicht empfangen können, werden mit Allgäu-Krimis um Kommissar Kluftinger (köstlich gespielt von Herbert Knaup) versorgt. Gerade wurden zwei neue Kluftinger-Krimis angekündigt; genaue Sendetermine für "Schutzpatron" und "Herzblut" stehen jedoch noch nicht fest.

Ausschnitt aus dem Kluftinger-Krimi "Milchgeld"

Ähnlich lokal, nämlich in der Eifel ist die Kult-Krimiserie "Mord mit Aussicht" angesiedelt, die sich seit der furiosen dritten Staffel in einer "Kreativpause" befindet und Fans das Warten mit einer 90-minütigen Spielfilmauskopplung versüßen wollte, was nur halbwegs gelang. Da die Serie noch nicht auf den Bildschirm zurückgekehrt ist, trafen sich kürzlich treue Fans am Original-Drehort in Seelscheid und spielten ihre Lieblingsserie mit Schäffer-Maske und Pseudobauch nach - so weit geht die Liebe an den TV-Krimi!

Trailer zu 3. Staffel "Mord mit Aussicht"

Woher kommt die Lust am Schauen von Krimis?

Psychologen meinen, dass das Krimigucken dabei helfen könnte, aggressive Spannungen abzubauen. Denn Menschen fühlen sich gut, wenn sie bei etwas miträtseln und Fälle lösen können, während sie sich sicher auf ihrem Sofa wähnen. Gleichzeitig lieben es die Zuschauer, wenn sie ein wenig von dem Milieu, das ihnen in den Krimis gezeigt wird, miterleben. Eine gewisse Routine wird ebenfalls erwartet: Wehe, der vermeintliche Täter wird im "Tatort" oder "Polizeiruf 110" schon vor 21.30 Uhr entlarvt! Und wehe, es geht allzu brutal zu - da beschwert sich mancher Krimifan auf allen verfügbaren Kanälen.

In diesem Punkt sind sich übrigens die Zuschauer und die Fernsehanstalten einig. Die mögen es nämlich auch, wenn die Brutalität in Krimis überschaubar bleibt. Der Regisseur Hans Steinbichler, der für unbequeme Filme bekannt ist, bekam das zu spüren: Sein famoser und weitsichtiger "Polizeiruf 110: Denn sie wissen nicht, was sie tun" aus dem Jahr 2011 mit Matthias Brandt in der Hauptrolle wurde, angeblich aus Jugendschutzgründen, von 20.15 Uhr auf 22 Uhr verschoben und erzielte deshalb nur geringe Einschaltquoten. Der Grund: Zu gewalttätig war der Krimi, der von Islamisten, die einen Anschlag in Deutschland verüben, handelte.

Ein "Tatort", der nachhaltig verstörte und trotzdem zur Primetime lief, war "Borowski und der stille Gast" von Drehbuchautor und Grimme-Preisträger Sascha Arango. Theaterstar Lars Eidinger gab hier so intensiv den stillen und psychisch labilen Briefträger und Frauenmörder Kai Korthals, dass sämtliche Zuschauerinnen ihre Türen verriegelten und sich am nächsten Tag neue Zahnbürsten kaufen mussten, da sie befürchteten, dass auch ihre von ihm benutzt wurden. Korthals hatte sich nämlich in Ermangelung eines eigenen Lebens in das anderer eingeschlichen. Er entkam – weshalb es drei Jahre später noch die Fortsetzung "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" gab mit ihm gab, ebenfalls von Arango, aber diesmal inszeniert von Regisseurin Claudia Garde.

Trailer zu "Tatort: Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes"

Mehr Krimis von Frauen?

Claudia Garde drehte bereits elf "Tatort"-Episoden und ist damit eine der wenigen erfolgreichen Frauen in der sonstigen Männerdomäne Krimi. Auch Regisseurin Nicole Weegmann drehte mit "Tatort: Hydra" ein Meisterwerk um den hibbeligen Dortmunder Kommissar Faber im Nazi-Milieu. Beim Drehbuch ließ sie sich gemeinsam mit Jürgen Werner von echten Polizisten und dem Verfassungsschutz beraten, weil sie sich bei dem Thema Rechtsradikalität der Authentizität verpflichtet fühlte, um so die aktuelle Situation in der Gesellschaft aufzuzeigen.

Trailer zu "Tatort: Hydra"

Die Medien lobten die sorgfältige Zeichnung der Charaktere und auch die Quoten zeigten, dass die von Frauen inszenierten "Tatort"-Fälle beim Zuschauer gut ankamen. Vielleicht hat ARD-Programmdirektor Volker Herres deshalb vor einem Jahr verkündet, dass in zwei Jahren jeder fünfte TV-Krimi von Regisseurinnen gedreht werden soll. Mal abwarten, ob wir also unsere Spannungen im kommenden Jahr mit einfallsreichen Krimis abbauen können.

Text: Tanja Beeskow

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Foto: ©ARD/Paul Ripke
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