Schluss mit lustig: "24 Wochen"

Die schwangere Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) blickt einer schwerwiegenden Entscheidung entgegen
Die schwangere Kabarettistin Astrid (Julia Jentsch) blickt einer schwerwiegenden Entscheidung entgegen
Foto: © Neue Visionen Filmverleih
Was wir bereits wissen
Im einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag der diesjährigen Berlinale werden Julia Jentsch und Bjarne Mädel als schwangeres Paar vor eine existentielle Entscheidung gestellt.

Als gelernte Sozialpädagogin hat die junge Filmemacherin Anne Zohra Berrached ein Auge für Familienthemen, in denen universale Fragen des Menschseins verhandelt werden. Ging es in ihrem Langfilmdebüt "Zwei Mütter" (2013) um ein lesbisches Paar mit Kinderwunsch, hat sich die 34-Jährige in ihrem am 22. September startenden Folgefilm dem gesellschaftlichen Tabuthema Spätabtreibung verschrieben. Der Grund dafür war eine "krass hohe" Zahl, die Berrached nicht mehr aus dem Kopf ging, seit sie von ihr gelesen hatte: In Deutschland entscheiden sich 90 Prozent der Frauen für eine Abtreibung, wenn bei ihrem ungeborenen Kind eine Fehlbildung diagnostiziert wird – auch nach der 24. Woche, ab der ein Kind außerhalb des Mutterleibs theoretisch lebensfähig ist.

Darum geht's in "24 Wochen"

Julia Jentsch spielt die erfolgreiche Stand-Up-Komikerin Astrid, die mit ihrem Manager-Gatten Markus (Bjarne Mädel) ihr zweites Kind erwartet. Als bei eine späten Routineuntersuchung festgestellt wird, dass es höchstwahrscheinlich mit dem Down-Syndrom zur Welt kommen wird, rauft sich das Ehepaar nach dem ersten Schock zusammen und entscheidet sich zur Irritation ihres privaten Umfelds für ein Leben mit behindertem Kind. Bei einer Folgeuntersuchung stellt sich allerdings heraus, dass ihr Baby einen schweren Herzfehler hat und selbst nach einer sofortigen Notoperation nach der Geburt als Pflegefall enden wird. Und während Markus trotz dieser erneuten Hiobsbotschaft an ihrem Entschluss festhalten will, beginnt Astrid zu zweifeln...

Trailer zu "24 Wochen" (Kinostart: 22.9.2016)

Aus der Extremsituation einer Entscheidung zwischen beeinträchtigtem Leben und gnädigem Tod hat Anne Zohra Berrached ein unglaublich intensives Familiendrama konstruiert, das dem Zuschauer unmittelbar unter die Haut geht. Das liegt zum einen an ihrer dokumentarisch anmutenden Inszenierung, deren hoher Grad an Authentizität auch darauf zurückzuführen ist, dass die Regisseurin vor ihre Handbildkamera „echte“ Nebendarsteller auftreten lässt. Die Ärzte und Hebammen, mit denen Astrid und Markus sprechen, sind ebenso real, wie Julia Jentschs anfängliche Auftritte auf Kabarett-Bühnen.

Vor dieser realistischen Kulisse geben die beiden Hauptdarsteller als Paar im Ausnahmezustand eine grandiose Schauspielleistung zum besten, für die vor allem Jentsch einen silbernen Bären auf der Berlinale verdient gehabt hätte. Mit entwaffnender Natürlichkeit durchleidet sie ein existentielles Dilemma, in dem moralische Grundsätze ausgehebelt sind. Und so gelingt "24 Wochen" das außergewöhnliche Kunststück, das Unvorstellbare zumindest auf individueller Ebene nachvollziehbar zu machen.

Wer sollte sich "24 Wochen" anschauen?

Alle, die keine Angst vor Filmen haben, die emotional da hingehen, wo es weh tut.

Warum muss ich "24 Wochen" sehen?

Weil Julia Jentsch und der "Tatortreiniger" Bjarne Mädel mit ihrer sagenhaften Schauspielintensität ein moralisches Reizthema vermenschlichen.

Für Fans von...

"Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen und "Für immer und ewig" von Susanne Bier

Die GOKA-Wertung

Text: Alexander Attimonelli

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