Oliver Stone: "Die Snowden-Geschichte ist der Stoff, aus dem Legenden sind."

Oliver Stone (69, Drehbuchoscar für "Midnight Express", Regieoscars für "Platoon" und "Geboren am 4. Juli")
Oliver Stone (69, Drehbuchoscar für "Midnight Express", Regieoscars für "Platoon" und "Geboren am 4. Juli")
Foto: © Theo Kingma
Was wir bereits wissen
Der dreifache Oscargewinner Oliver Stone exklusiv über seinen Thriller "Snowden", eigene Erfahrungen mit Bespitzelungen und korrupte Regierungen.

Darum geht’s in "Snowden"

Hotel Mira in Hongkong, 3. Juni 2013. US-Journalist Glenn Greenwald (Zachary Quinto) und US-Dokufilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) treffen heimlich einen jungen Mann, der von sich behauptet, Informationen über das massenhafte Ausspähen der eigenen Bevölkerung und der Bündnispartner durch den US-Auslandsgeheimdienst NSA zu haben: Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt).

In Rückblenden wird erzählt, wie Snowden von der Schule fliegt, vom US-Militär als untauglich entlassen wird, sich selbst zum genialen Computerspezialisten ausbildet, bei der NSA und CIA als Systemadministrator Karriere macht – und schließlich für den größten Polit-Skandal der Neuzeit sorgt.

Trailer zu "Snowden"

Der Verschwörungsspezialist und dreifache Oscarpreisträger Oliver Stone (69, Drehbuchoscar für "Midnight Express", Regieoscars für "Platoon" und "Geboren am 4. Juli") dramatisiert den eher trockenen Filmstoff gekonnt und in Hochglanzoptik. Im Exklusivinterview spricht Stone Klartext – nicht nur zum größten Geheimdienstleck aller Zeiten.

Interview mit Oliver Stone

Oliver Stone über seinen neuen Film "Snowden"

Sie sind als politisch und sozial engagierter Mensch bekannt. Warum war es Ihnen wichtig, die Geschichte von Edward Snowden zu verfilmen?

Die Snowden-Geschichte ist genau der Stoff, aus dem Legenden sind. Die Ereignisse haben sich vor unseren Augen abgespielt, und sie sind immer noch genauso aktuell wie damals. Und ob sie es wissen oder nicht, aber die Mehrheit der nächsten Generation ist von diesem Thema betroffen.

Glauben Sie, dass die amerikanische Regierung immer noch seine Bürger bespitzelt?

Ja. Es sind einige – kleine – Änderungen bewirkt worden, aber die sind mehr Vorhangwechsel als echte Sanierung. Präsident Obama spielt ein gutes Spiel, aber nichts hat sich fundamental verändert. Die Regierung bespitzelt seine Bürger immer noch. Und sie glaubt sogar, dass sie das Recht dazu hat. Aber Massenschnüffelei ist illegal! Nur bei hinreichendem Verdacht dürfen sie solche Maßnahmen anwenden, und wenn diese nicht bestehen, begeht die Regierung eine Straftat.

Wann haben die Diskussionen für "Snowden" angefangen? Und hatten Sie Bedenken?

Im Januar 2014 wurde mir dieser Film angeboten. Zuerst habe ich dankend abgelehnt, weil ich mich als Filmemacher lieber von zu aktuellen Themen fernhalte. Man kann den News nicht hinterherjagen, das wäre einfach dumm. Aber dann hat mich mein deutscher Produzent Moritz Borman davon überzeugen können, mich mit Edward Snowden in Moskau zu treffen. Und das hat mich umgestimmt.

Was war die erste Frage, die Sie Edward Snowden gestellt haben, als Sie ihn dann trafen?

Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich: "Wie geht’s?" (lacht) Wir kannten uns schließlich noch nicht, und Ed war mir gegenüber sehr misstrauisch. Er war sich bewusst, dass früher oder später ein Film aus seiner Geschichte gedreht werden würde. Er hoffte aber, dass es ein respektabler Kinofilm sein würde und kein beschissener Fernsehschinken.

Ein Whistleblower wird heutzutage meist als Verräter angesehen. Und ihm bleibt dann nur die Wahl zwischen Gefängnis oder Flucht. Aber wie kann sich ein Bürger gegen eine korrupte Regierung wehren?

Das ist eine gute Frage. Informanten zu schützen ist sehr wichtig für eine gesunde Gesellschaft. Es gibt Schutzgesetze für Whistelblower, aber sie treffen nicht auf Edward Snowden zu, weil er unter Vertrag stand. Stattdessen wurde er nach dem Spionagegesetz von 1917 verklagt. Dieses Gesetz wurde kurz nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg vom amerikanischen Kongress verabschiedet, um Sabotage vorzubeugen und zu bestrafen, denn ca. 50 Prozent der US-Bevölkerung war damals deutsch oder von deutscher Abstammung, und Präsident Woodrow Wilson hatte Angst, dass sie Deutschland heimlich unterstützen würden. Es ist ein sehr fragwürdiges Gesetz, das nur selten Anwendung in der US-Geschichte fand – bis jetzt. Mr. Obama allerdings – im Gegensatz zu allen anderen Präsidenten – hat dieses Spionagegesetz voll und ganz ausgenutzt und in acht Fällen als Grund für eine Klage genutzt. Keiner dieser acht – unter anderem israelische Hacker und der ehemaliger CIA Agent John Kiriakou – sind meiner Meinung nach schuldig des Landesverrats. Und oft bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu fliehen. Snowden ging nach Russland, weil kein anderes Land ihn sonst hätte beschützen können, wie man anhand des Vorfalls vom ecuadorianischen Präsidenten Evo Morales sieht, als sein Flugzeug in Österreich notlanden musste, weil Frankreich, Spanien und Italien sich weigerten ihn auftanken zu lassen, weil sie Snowden an Board vermuteten. Das zeigt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika sogar den Luftraum kontrollieren – außer über Russland, Iran und wahrscheinlich China.

Das ist sehr erschreckend...

Richtig. Und genau das will ich mit "Snowden" zum Ausdruck bringen: "Wir leben in einer Eine-Regierung-Welt. Wage es bloß nicht, dich gegen die USA zu stellen." In den 50er und 60er Jahren war die Welt wesentlich unabhängiger von Amerika. Aber jetzt stehen wir vor schrecklichen und zerbrochene Zeiten. Selbst ich als Oldtimer fürchte mich...

Welchen Preis mussten Sie für Ihr politisches Engagement zahlen?

Ich arbeitete an einem Projekt über Martin Luther King, das nie das Licht der Welt erblickte. Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man einen kritischen Stand gegen die Vereinigten Staaten einnimmt. Und eigentlich plante ich keinen kontroversen Film mehr in meiner Karriere, aber als "Snowden" mir angeboten wurde, konnte ich nicht widerstehen.

Was macht den Fall Snowden so interessant?

Der Verdacht der Massenschnüffelei von der US-Regierung ist nicht neu. Schon 2004 – kurz vor der Wiederwahl von George W. Bush - hat James Risen von der New York Times versucht darüber zu berichten, aber seine Vorgesetzen haben die Geschichte nie gedruckt, weil Bush den Verleger anrief. So etwas wäre vor dem 11. September 2001 nie vorgefallen. Aber seit diesem Terroristenanschlag hat sich die Definition von Patriotismus verändert. Die Presse ist zum Sprachrohr der Regierung geworden. Risen hat es gewagt, seinen Mund zu öffnen, und er hat den Preis zahlen müssen: Er wurde von dem DOJ (U.S. Department of Justice) verklagt. 2005 hat er ein Buch darüber veröffentlicht. Viele haben ihm geglaubt. Ich auch. Aber er hatte nie Beweise. Snowdens Beitrag zur Welt ist der, dass er endlich Beweise lieferte, dass die Regierung die Bevölkerung bespitzelte.

Haben Sie Angst, jetzt noch mehr ins Visier genommen zu werden?

Ich stehe schon so lange im Licht der Öffentlichkeit, es gibt nichts mehr das ausgespitzelt werden oder mich blamieren könnte. Ich war immer sehr offen, was meine Fehler angeht. Ich habe also nichts mehr zu verlieren. Aber ein jüngerer Mensch, der sich erst noch beweisen muss, hat guten Grund für Furcht.

Was erwidern Sie denjenigen, die über das Bespitzeln ihrer Privatsphäre durch die Regierung sagen, dass Sie nichts zu verbergen haben?

Diesen Satz höre ich von ignoranten jungen Menschen, die sich keine Sorge um diese Welt machen. Das Recht auf Privatsphäre und Datenschutz ist Teil der amerikanischen Verfassung. Menschen, die in der Revolution für dieses Recht gekämpft und ihr Leben gelassen haben, drehen sich jetzt in ihrem Grab um. Das ist eine neue Generation, die sich nicht bewusst ist, was auf dem Spiel steht und was sie verlieren können.

Regisseur Oliver Stone bittet das Publikum um einen Gefallen

Sind Sie seit "Snowden" paranoider denn je?

Nein, ich war schon bei Geburt paranoid. Meine Schulbildung und Lebenserfahrungen haben diese Paranoia nur gefördert. Aber selbst ein Paranoider kann mal recht haben (lacht).

Ist Edward Snowden ein Verräter oder ein Held? Spion oder Patriot?

Ich bin es so leid hören zu müssen, dass Snowden ein Verräter sei. Aber der Kinobesucher kann sich sein eigenes Urteil bilden.

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