Iris Berben: "Familienserien haben eine Zukunft!"

Iris Berben spielt die renommierte Hamburger Anwältin Lea Behrwaldt im ZDF-Zweiteiler "Familie!"
Foto: ZDF / Hans-Joachim Pfeiffer
Was wir bereits wissen
Filmstar Iris Berben über ihren neuen ZDF-Zweiteiler "Familie!", Familienserien, verlogene Politik und eine Autobiografie, die nie erscheinen wird.

Ehebruch, Geheimnisse und Zusammenhalt – das sind die Zutaten des spannenden Zweiteilers "Familie!" (10. und 12. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) mit Iris Berben (66) in der Hauptrolle. Die Story: Als Lennart Behrwaldt (Jürgen Vogel, GOLDENE KAMERA 2003) verunglückt, will seine Mutter Lea (Iris Berben, GOLDENE KAMERA 1988 und 2004) Ordnung in sein Leben bringen. Doch zu ihrem Schrecken stellt sie fest, dass ihr Sohn seine Gattin Melanie (Anna Maria Mühe, GOLDENE KAMERA 2006) betrügt. Außerdem lernt sie die nicht salonfähigen Eltern ihrer Schwiegertochter kennen.

GOLDENE KAMERA sprach mit Berben über den Film, der auch ein Kandidat für die GOLDENE KAMERA 2017 ist.

Interview mit Iris Berben

Als Lea Behrwaldt legen Sie sich mit Ihrer störrischen Mutter, Ihrem Ehebrecher-Sohn und dem nicht salonfähigen Clan Ihrer Schwiegertochter an. Was ist der Reiz an dieser Rolle?

Das Drehbuch illustriert die Vielfalt und Gleichberechtigung von unterschiedlichsten Familienformen – genau wie meine Figur, Lea Behrwaldt. Die Familienanwältin verdrängt ihre dunklen Familiengeheimnisse auf wunderbar egoistische Weise, während ihre Mutter Alba noch immer für den schönen Schein lebt und sich Leas Schwiegertochter Melanie nur nach einer Sache sehnt – einer funktionierenden kleinen Familie. Doch Leas Sohn Lennart will sich nicht binden, der Großmutter will niemand wehtun und die Schwiegertochter kommt aus dem falschen Haus. Das ist eine prekäre Gemengelage, die viel zu tun hat mit unserer Welt und unserer Gesellschaft.

Wie definieren Sie "Familie"?

Ich habe bis heute nicht geheiratet, aber in meinem eigenen Sinne zählen mein Sohn, mein Lebensgefährte sowie wenige enge Freunde zu meiner Familie. All diese Menschen sind für mich jener Schutz- und Sicherheitsraum, der eine Familie für jedermann sein sollte – obwohl das in der Realität nicht immer klappt. Deshalb ist meine Lieblingsszene in unserem Zweiteiler auch das Schlussbild! Wenn die Tür vor den Augen des Zuschauers zufällt, arbeiten Lea und ihr Clan ihre aufgestauten Probleme auf.

Ehen werden seltener geschlossen. Gleichzeitig gibt es mehr Singlehaushalte sowie Patchworkfamilien. Bedenklich?

Mir kommt es entgegen. Es ist wunderbar, dass wir die Freiheit haben, uns auf unterschiedliche Weisen für Lebensformen zu entscheiden, die uns gut tun – und dass das auch toleriert wird.

Nicht jeder ist so tolerant. So wollen neue Parteien wie die AfD "klassische Familie" stärken – die Partei ist gegen "Einelternfamilien".

Solche Forderungen sind absurd. Ich finde es perfide, dass alle Freiheiten, die wir uns als Gesellschaft jahrelang erarbeitet haben, derart eingeschränkt werden sollen. Die AfD fischt mit sehr rechtem Gedankengut nach verunsicherten Bürgern. Deshalb müssen unsere Politiker aufwachen und mit aller Kraft gegen Manipulationen vorgehen.

Sollten homosexuelle Männer und Frauen Kinder adoptieren und "Regenbogenfamilien" gründen dürfen?

Absolut, denn es geht ausschließlich um Gefühle und Geborgenheit. Unsere Gesellschaft akzeptiert Homosexuelle in jeder Form als gleichberechtigt. Im Umkehrschluss wachsen nicht alle Kinder, die einen Vater und eine Mutter haben, automatisch bei geeigneten Eltern auf! Dabei hängt das Kindeswohl immer vom Charakter ab und nicht von der sexuellen Veranlagung.

Ist die gute alte Familienserie à la "Schwarzwaldklinik" tot?

Nein! Es kann durchaus ein Comeback geben! Familienserien haben auch in Zukunft eine Chance – vorausgesetzt, dass sie von den Drehbuchautoren mit spannenden Fragen ausstaffiert werden, vor die unsere Zeit uns stellt!

Für "Das Erbe der Guldenburgs" haben Sie 39 Folgen gedreht. Würden Sie noch mal bei einer derart aufwändigen, neuen Familienserie mitwirken?

Warum nicht? Alles, was eine Kraft hat und sich weiterbewegt, reizt mich. Ich bin niemand, der Projekte von vornherein absagt.

Sie haben viele Frauen in Familien-Filmen gespielt. Welche stünde ganz vorne auf einem TV-Gruppenbild?

Mal sehen … da waren die "Krupps", die "Buddenbrooks", die "Guldenburgs", die "Patriarchin", die "Wagners" – nein, jetzt hab ich‘s: Helen aus "Meine Familie bringt mich um!" Bei ihr ging's um Wechseljahre und ihre Ehe nach dem Auszug der Kinder.

Wann erscheint Ihre Autobiografie?

Nie! Mein Sohn und ich drehen vielleicht noch mal irgendwas über die Siebziger Jahre – das war eine prägende Zeit. Ansonsten gab es genug Einblicke in Christoph Amends Buch "Iris Berben: Ein Jahr – ein Leben".

Sind Sie geistig immer noch ein Kind der Siebziger?

Ich denke schon. Unsere Generation hat die Kriegszeit hinterfragt, nachgehakt, nachgedacht und analysiert. Um so erschreckender ist nun, dass der Rechtspopulismus nun erneut aufkeimt. Wir lernen nicht aus der Geschichte, sondern müssen sie uns immer wieder ins Gedächtnis rufen. Die Siebziger haben mich zu einem Menschen gemacht, der bewusst lebt und bewusst Politik leben will – und zwar nicht Stammtischpolitik, sondern differenzierte Politik.

Schlussfrage: Ihr nächstes Projekt?

Die Lesereise "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt". Gemeinsam mit dem Pianisten Martin Stadtfeld bringen wir ab Ende Oktober die Gedichte von Selma Meerbaum Eisinger zum Klingen. Außerdem stehen Katja Riemann, Emilia Schüle und ich derzeit für die Kinokomödie "High Society" vor der Kamera.

Interview: Mike Powelz

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