Neue Serie "The Night Of": Auf dem Weg in die Hölle

Nasir (Riz Ahmed) wird wegen des grausamen Mordes an einer Frau angeklagt
Nasir (Riz Ahmed) wird wegen des grausamen Mordes an einer Frau angeklagt
Foto: © 2016 HBO
Was wir bereits wissen
Meisterhaft verbindet die Serie "The Night Of" einen Krimi mit brutalen Einblicken ins US-Justizsystem.

Zugegeben: Auf dem Papier wirkt die Geschichte wenig originell. Der New Yorker Student Nasir (Riz Ahmed, "Jason Bourne") soll nach einem One-Night-Stand einen brutalen Mord verübt haben. Die Indizien sind übermächtig. Nasir wird angeklagt, beteuert aber seine Unschuld. Doch selbst Nasirs Anwalt Stone (John Turturro) zweifelt, ob sein Klient die Wahrheit sagt. So weit, so bewährt.

Originaltrailer zu "The Night Of"

Stellt sich eigentlich nur eine Frage: Wie schafft es "The Night Of" trotzdem die bisher beste TV-Serie des Jahres zu sein? In der achtteiligen HBO-Miniserie (ab Donnerstag, 29. September, 21.00 Uhr, Sky Atlantic HD) geht es um mehr als die Frage, ob Nasir der Täter ist. Basierend auf der englischen Serie "Criminal Justice" (2008), ist "The Night Of" vor allem ein brillantes Porträt des US-Justizsystems. Wie arbeitet die Mordkommission? Wie genau geht die Staatsanwaltschaft vor? Wie sieht das Leben im Gefängnis aus?

Regisseur und Autor Steven Zaillian hatte von all dem wenig Ahnung, als er mit "The Night Of" begann. "Genau das war der Reiz", verrät der Oscarpreisträger ("Schindlers Liste") GOLDENE KAMERA. Zaillian und Mitautor Richard Price ("Kopfgeld") stürzten sich in die Recherche. Unter anderem auf Rikers Island, der New Yorker Gefängnisinsel. Hier wartet Nasir unter schlimmsten Bedingungen auf seinen Prozess.

Zaillian sprach mit Wärtern und Ex-Häftlingen, aber auch Anwälten und Cops: "Ich habe sehr viel Zeit auf Polizeiwachen und in Gerichtssälen verbracht." Eine der größten Überraschungen für den Autor war der "arraignment court". Hier wird vor Gericht die Anklage verlesen und die Kaution festgelegt. "Es war unglaublich. Alle drei Minuten wird ein neuer Fall behandelt. Bevor der eine Beschuldigte weg ist, kommt schon der nächste! Dazu ist es sehr laut. Es ist halb Fabrik, halb Zirkus!"

Auch das Thema Rassismus - Nasir ist Moslem - spart "The Night Of" nicht aus. Doch einfache Wahrheiten sucht man vergebens. Zaillian: "Es gibt nichts in der Story, was Zuschauer dazu bringen soll, auf bestimmte Weise über etwas zu denken oder zu fühlen. Es gibt keine Helden, keine Bösewichte." Das liegt auch am Casting - eine der größten Stärken der Serie. "Wir haben 200 Sprechrollen", sagt Zaillian. "Solche Parts zu schreiben ist leicht. Aber man muss je 20 Darsteller einladen, um den richtigen zu finden. Selbst Minirollen können, falsch besetzt, eine Szene ruinieren." Der Aufwand hat sich gelohnt. In seinem Streben nach Realismus erinnert "The Night Of" an "The Wire" (2002-2008), jenes Krimidrama, das viele Kritiker für die beste Serie der Geschichte halten.

Aus dem großartigen Ensemble ragen die Hauptdarsteller nochmals heraus. Etwa Riz Ahmed als schüchterner Student und vor allem John Turturro. Mit dem schmuddeligen Anwalt Stone spielt er vielleicht die Rolle seines Lebens, ständig pendelnd zwischen Idealismus und Geschäftssinn. Eine Rolle, die übrigens Robert De Niro ausschlug, obwohl dessen letzter denkwürdiger Film lange her ist. Was hat sich der zweifache Oscarpreisträger nur gedacht? Diese Frage wird sich De Niro selbst wohl auch stellen, wenn er "The Night Of" sieht.

Text: Michael Tokarski

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