Im Gespräch mit "Jonathan"-Regisseur Piotr J. Lewandowski

Strahlender Regienachwuchs: Piotr J. Lewandowski gibt mit dem Krebsdrama "Jonathan" sein viel beachtetes Langfilmdebüt
Strahlender Regienachwuchs: Piotr J. Lewandowski gibt mit dem Krebsdrama "Jonathan" sein viel beachtetes Langfilmdebüt
Foto: © Jeremy Rouse
Was wir bereits wissen
Zum Kinostart von Piotr J. Lewandowskis Langfilmdebüt "Jonathan" trafen wir uns mit einer der spannendsten neuen Stimmen des deutschen Films.

Wenn am 6. Oktober "Jonathan" in unseren Kinos startet, lässt sich erleben, wie einfühlsam und gleichzeitig mutig man auch hierzulande das Sterben und andere gesellschaftliche Tabuthemen filmisch inszenieren kann. Im Zentrum des bewegenden Coming-of-Age-Dramas, das beim diesjährigen "Festival des deutschen Films" in Ludwigshafen mit dem Publikumspreis prämiert worden ist, steht die Beziehung zwischen dem titelgebenden Bauernsohn (Jannis Niewöhner) und seinem totkranken Vater (André Hennicke), die durch die Aufdeckung einer Lebenslüge vor eine letzte Zerreißprobe gestellt wird. Wie persönlich die Geschichte aber auch die künstlerische Handschrift seines Langfilmdebüts ist, verriet uns Piotr J. Lewandowski während seines Besuchs bei der GOLDENEN KAMERA...

"Jonathan"-Regisseur Piotr Lewandowski im Interview mit GOKA-Redakteur Alexander Attimonelli

Piotr J. Lewandowski im Portrait

Piotr J. Lewandowski kam am 29. Juni 1975 in Warschau zur Welt und verbrachte den Großteil seiner Kindheit in der ländlichen Abgeschiedenheit eines Biobauernhofs. Nach einem kunstorientierten Studium in Polen und Stationen in Paris und London besuchte Lewandowski ab 1999 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach den Fachbereich "Visuelle Kommunikation", wo er auch seinem späteren Filmpartner-in-Crime Carsten Strauch begegnete. 2002 wechselte er an die Filmakademie Baden-Württemberg und machte dort 2007 seinen Abschluss. Im gleichen Jahr verinnerlichte er als Co-Regisseur bei Strauchs Krankenhauskomödie "Die Aufschneider" elementare Aspekte der Schauspielführung, die er zwei Jahre später bei seinem auf der Berlinale präsentierten Liebesdrama-Kurzfilm "Fliegen" mit Sandra Hüller und Jacob Matschenz erkennbar perfektioniert hatte. 2012 folgte die mit Carsten Strauch entwickelte und mit dem deutschen Fernsehpreis ausgezeichnete ZDF-Comedy-Serie "Götter wie wir", nach der sich Piotr J. Lewandowski in die Fertigstellung seines "Jonathan"-Skripts stürzte, das u. a. 2014 den Drehbuchpreis des Internationalen Filmfests Emden gewann.

Nach der Fertigstellung seines Dokumentarfilmprojekts "Zwischen Erde und Licht" über die polnische Künstlerin Wanda Dück begannen im Juli 2015 in Baden-Württemberg und Hessen die Dreharbeiten zu Lewandowskis überfälligem Spielfilmdebüt, zu dem der 41-Jährige ein so facettenreicher wie steiniger Weg geführt hat...

Piotr J. Lewandowski im Interview

Du hast in Polen zunächst Kunst studiert, bist dann aber ins Filmfach gewechselt. Wie kam dieser Sprung zustande?

Ich glaube, als Maler war ich einfach zu ungeduldig. Ich wollte immer komplexere, schöne und intime Geschichten erzählen und das kann man nur zu einem gewissen Grad durch Farben erreichen. Freunde erzählten mir, dass man an der Kunsthochschule in Offenbach am Main wunderbar beides verbinden kann – Kunst und Film. Dort habe ich dann angefangen, Animationskurzfilme zu entwickeln. Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, hat aber letztendlich genauso lange gedauert wie die Malerei! Über experimentelle Projekte, in denen ich Animation mit Filmaufnahmen kombinierte, habe ich dann meine Liebe fürs Filmemachen entdeckt. Darum bin ich nach Ludwigsburg an die Filmakademie gegangen, wo ich mich in dieser Richtung stärker orientieren konnte. Dank der HfG habe ich aber die Liebe zur Kunst nie verloren, im Gegenteil.

Ist dort Dein erster längerer Kurzfilm "Fliegen" entstanden?

Nein, der ist außerhalb der Schule entstanden und wir haben ihn mit eigenen Mitteln produziert. Finanziell war das nicht unproblematisch. Zum Glück hatte ich engagiertes Team und vor allem tolle Schauspieler: Die großartige Sandra Hüller und den wunderbaren Jacob Matschenz, die auf ihre Gagen verzichtet haben – was natürlich keine Selbstverständlichkeit sein sollte. Dennoch ist der Film entstanden und war weltweit ein Riesenerfolg. Auch die Schauspieler wurden für ihre Arbeit ausgezeichnet – was mich besonders stolz und glücklich macht. Nur bis ich mich von der finanziellen Belastung erholt habe, hat es sehr lange gedauert. Und das bedaure ich, da ich in dieser Zeit keine weiteren Filme drehen konnte. Die Produktionslandschaft in Deutschland ist für junge Filmemacher eine der größten Herausforderungen und verlangt viel Mut und Ausdauer um die Projekte zu realisieren, die man liebt und Jahrelang vorbereitet. Das soll jetzt auf keinen Fall arrogant klingen, aber ich habe für meine Kurzfilme und den ersten Langfilm weltweit über 80 Preise gewonnen. Dennoch ist es nicht leicht, eine Finanzierung für ein neues Projekt auf die Beine zu stellen.

Trailer zum Kurzfilm "Fliegen" (2009)

Woran hapert es Deiner Meinung nach, dass in Deutschland so wenige mutige Drehbücher geschrieben und vor allem produziert werden?

Am Publikum liegt es jedenfalls nicht. Ich habe das auf Festivals bemerkt, als die Leute "Jonathan" wirklich geliebt haben. Die Leute haben ein Verlangen nach anspruchsvollen, intelligenten und charmanten Autorenfilmen. Wenn man Filme machen möchte, gehören Angst und Euphorie natürlich irgendwie zusammen. Es wird immer eine Art Pokerspiel bleiben, bei dem man Mut beweisen muss. Unsere Produzentinnen haben diesen Mut bewiesen und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

War von vornerein klar, dass Du bei "Jonathan" auch die Regie übernehmen wirst?

Ja, ich wollte den unbedingt drehen. Das Schreiben war bereits ein sehr langwieriger und emotionaler Prozess, weil es eine sehr persönliche Geschichte war. Darum wusste ich auch, dass nur ich "Jonathan" inszenieren kann. Ich hatte dabei aber auch wunderbare Unterstützung, also alleine war ich nicht. Danach kamen noch vier Fernsehsender mit an Bord. Die Zusammenarbeit war sehr gut und fruchtbar, aber dadurch, dass man mit vier Redaktionen zu tun hatte, gab es auch immer vier zusätzliche Meinungen. Und die alle zu verarbeiten, kostet Zeit.

Wie groß war der Kampf, die außergewöhnliche Filmmusik durchzusetzen?

Nein. Im Gegenteil. Es ist eine charmante Geschichte: Die Musik hat Lenny Mockridge, ein guter Freund von Hauptdarsteller Jannis Niewöhner, komponiert. Jannis hat uns bekannt gemacht und Lenny als Ausnahmetalent vorgestellt. Das hat mich natürlich etwas skeptisch gemacht und da Lenny mir keine Beispiele seiner Arbeit vorweisen konnte – wuchs meine Skepsis noch mehr. Ich habe mich dann mit Lenny ausgiebig über die Geschichte und die Färbung des Films unterhalten und er hat mich einfach perfekt verstanden. Er bat mich um etwas Zeit und nach zwei Tagen hat er einfach ein Stück komponiert, das auch im Film „gelandet“ ist – ohne, dass er zu diesem Zeitpunkt irgendwas von den Aufnahmen gesehen hatte. Es kamen immer mehr und mehr Teile und sie waren so fabelhaft und wunderschön, dass ich sofort wusste: Das ist meine Musik! Und was mich besonders freut: Es ist uns gelungen, ein Label für den Score zu finden, der demnächst zum Download bereitstehen wird.

Die ersten 2 Minuten aus "Jonathan" mit Musik von Lenny Mockridge

Im Film gibt es einige sehr schonungslose und intime Momente – allen voran die Krankenhausbettszene zwischen Thomas Sarbacher und André Hennicke. Wie bist Du diese heiklen Momente angegangen?

Das war die allererste Szene, die ich geschrieben habe. Ich wusste damals noch nicht, um was es genau gehen wird, wie weit ich dabei gehen werde, diese Geschichte zu erzählen. Die Szene war mir so wichtig, denn das was man sieht, Liebe, Nähe, Intimität, gehört einfach zum Leben dazu – auch in sehr schwierigen Phasen des Lebens. Ich habe viel recherchiert und mit vielen Leuten gesprochen und immer wieder hörte ich, dass Liebe einfach nie stirbt und bis zum Ende bleibt, auch die körperliche. Und weil es so persönlich und intim war, war mir besonders wichtig, die Szene lange und intensiv zu proben. Ich weiß, dass beide Schauspieler ein bisschen Angst, oder besser gesagt Respekt vor der Szene hatten, aber keiner hat es ausgesprochen. (lacht) Ich komme ursprünglich vom Theater, wo wir immer sehr viel geprobt haben. Das war das Erste, was ich den Schauspielern mitgeteilt habe: Ich will mit Euch proben! Dafür müssen wir uns Zeit nehmen, denn davon werden wir alle am Set profitieren. Die Chemie zwischen den Schauspielern ist bereits vor dem Dreh entstanden. Alle wollten natürlich das beste Ergebnis, haben engagiert geprobt und gemeinsam haben wir viel über die Figuren gesprochen.

Abgesehen von "Fliegen" waren Deine ersten Regiearbeiten überwiegend im Komödienfach zuhause. War das für "Jonathan" von Vorteil oder eine völlig andere Baustelle?

Das war schon eine völlig andere Baustelle und ich habe enormen Respekt vor Komödie – besonders in Deutschland. Aber als ich beispielsweise mit Carsten Strauch zusammen "Götter wie wir" oder "Die Aufschneider" gedreht habe, haben wir mit Burkhard Klaußner gearbeitet, den ich über alles schätze. Vor dem hatte ich großen Respekt, weil er nicht nur schauspielert, sondern auch selbst Regie führt. Dass wir uns so gut verstanden haben und ich den Mut hatte, meine Ängste beiseite zu schieben, hat mir auch jetzt geholfen. Denn ich hatte das große Glück, auch bei "Jonathan" alle Hauprollen mit Stars besetzen zu können, zu denen ich aufschaue. Es gibt in "Jonathan" aber durchaus auch einige gezielt gesetzte humoristische Momente, durch die emotionale Situationen noch stärker zur Geltung kommen. Dabei hat es auf jeden Fall geholfen, dass ich Verständnis dafür habe, wie Komik (in Deutschland) funktioniert.

Trailer zu "Die Aufschneider" (2007)

Julia Koschitz hat gesagt, dass Du mit Deinem polnischen Background in manchen Situationen einen spannenden, weil anderen Blick hattest. Was genau meint sie damit?

Ich habe keine Ahnung! (lacht) Aber es freut mich, so etwas zu hören. Das hat wahrscheinlich mit der Mentalität zu tun. Ich glaube, sie meint damit, dass ich so ehrlich war und den Schauspielen viele Beispiele aus meinem Leben gegeben habe. Ich versuche ihnen soviel Freiheit zu geben wie irgend möglich. Wenn ich merke, dass es in eine andere Richtung geht oder dass sie einen Impuls brauchen, dann versuche ich ihnen zu helfen. Ich liebe Schauspieler, die Zusammenarbeit ist das schönste im meinen Beruf und Julia, wie auch Jannis, André und alle anderen – waren wunderbar ehrlich und die Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, das größte Geschenk. Wie gesagt – "Jonathan" liegt eine sehr persönliche Geschichte zugrunde, die sich in Polen zugetragen hat. Aber die Reaktionen der Zuschauer zeigen mir, dass die dabei zur Sprache kommenden Themen universell sind. Bei bestimmten Sachen spielt es keine Rolle, wo sie geschehen sind.

Text + Interview: Alexander Attimonelli

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