Florian David Fitz: "Uns muss bewusst sein, dass es weitere Terroranschläge geben wird!"

Was wir bereits wissen
Darf man töten, um 70.000 Menschen das Leben zu retten? Diese Frage wird in "Terror: Ihr Urteil" den Zuschauern gestellt. Wir wollten von Florian David Fitz wissen, wie er abstimmt.

Darum geht's in "Terror: Ihr Urteil"

Es dürfte das TV-Experiment dieses Jahres werden: Am 17. Oktober, 20.15 Uhr, zeigt Das Erste "Terror: Ihr Urteil", die Verfilmung des gleichnamigen, sehr erfolgreichen Theaterstücks von Ferdinand von Schirach. Der Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker skizziert darin ein entsetzliches moralisches Dilemma: Lars Koch (Florian David Fitz), Kampfpilot der Bundeswehr, ist angeklagt, eine Lufthansa-Maschine mit 164 Passagieren abgeschossen zu haben. Der Airbus befand sich in den Händen von Entführern, die ihn auf die mit 70.000 Besuchern voll besetzte Allianz-Arena in München zusteuerten. Nur durch Kochs eigenmächtiges Handeln konnte der Terroranschlag abgewendet werden.

Trailer "Terror - Ihr Urteil"

"Das Besondere an diesem Film ist, dass am Ende die Zuschauer in Deutschland, Österreich und der Schweiz per Telefonund Internet-Voting über Lars Koch richten", sagt Produzent Oliver Berben im Gespräch mit GOLDENE KAMERA. "Gemeinsam bilden sie die größte Jury der Welt – und entscheiden, ob er des 164-fachen Mordes für schuldig befunden wird."

Oliver Berben über das TV-Experiment "Terror"

GOLDENE KAMERA besuchte die Dreharbeiten und sprach im Interview mit Schauspieler Florian David Fitz, der den Angeklagten Lars Koch spielt und zur Vorbereitung auf seine Rolle intensiv mit von Schirach diskutiert hat. Von ihm wollten wir wissen, wie er abstimmt.

Florian David Fitz über die Frage: "Schuldig oder unschuldig?"

Interview mit Florian David Fitz

Warum ist "Terror: Ihr Urteil" sehenswert?

Na ja, die Frage, ob 164 Menschenleben gegen 70.000 abgewogen werden dürfen, ist ja doch ziemlich spannend, oder?

Wie würden Sie selbst abstimmen? Ist Major Koch schuldig oder unschuldig – und ist er ein Mörder oder ein Held?

Es geht nicht um meine Meinung, sondern darum, dass die Zuschauer über die Schuld von Major Koch diskutieren – und das werden sie auf jeden Fall tun. Ganz egal, wem ich den Filminhalt in den letzten Tagen geschildert habe: Jeder hat sofort eine Meinung dazu – aber wenn man ihn anschließend mit ein paar Argumenten konfrontiert, dann ändern sich die vorgefassten Meinungen sehr schnell und die Leute kommen ins Grübeln. Insofern ist "Terror: Ihr Urteil" nicht nur ein spannender Gerichtsprozess, sondern generell ein interessanter Denkprozess. Es geht nicht bloß um Lars Kochs strafrechtliche Schuld, die einwandfrei vorliegt, sondern auch um seine moralische Schuld. Und diesbezüglich scheiden sich die Geister!

Inwiefern haben Sie durch Ihre Gespräche mit dem Strafverteidiger Ferdinand von Schirach Erkenntnisse gewonnen, von denen Sie künftig profitieren?

Schirach ist natürlich ein spannender Mensch. Er hat so viele Geschichten aus seiner Zeit als Strafverteidiger und ist halt auch in persona ein ziemlich pointierter Erzähler. Der würfelt den eigenen, meinungsfreudigen Laienverstand ganz schön durcheinander. Ich habe von Ferdinand von Schirach gelernt, dass das Geschehen im Gericht nicht das wirkliche Leben abbildet, sondern dass dort ganz andere Regeln gelten.

Florian David Fitz über den Dreh zum Live-Experiment "Terror: Ihr Urteil"

Dennoch wirken große Schauprozesse mitunter wie große, dramatische Theaterstücke – man denke nur an O.J. Simpson oder Oscar Pistorius. Richtig?

Theater würde ich nicht sagen, schließlich geht es um das Schicksal von Menschen. Aber natürlich ähneln manche Gerichtsregeln den Theaterregeln – genau wie die zugespitzten Situationen und die großen Schicksale. Beide bewegen die Zuschauer gleichermaßen.

Inwiefern ist der TV-Film "Terror: Ihr Urteil" aktueller denn je?

Momentan ist Ferdinand von Schirachs Stück dermaßen relevant, dass man sich bloß freuen kann, wenn es nicht zu aktuell ist!

Haben Sie Angst vor Terror in Deutschland?

Uns muss bewusst sein, dass es weitere Terroranschläge geben wird. Das wissen wir seit vielen Jahren. Doch unser Glück ist, dass die Terroristen in der Vergangenheit oftmals nicht klüger waren als die Verfassungsschützer – und dass bei ihren Planungen relativ viel schief gegangen ist. Dennoch müssen wir uns künftig darauf einstellen, dass es weiteren Terror geben wird. Deswegen habe ich aber noch lange keine Angst, denn genau das wollen die Terroristen ja in uns hervorrufen. Ihr Ziel ist, dass wir unsere Vernunft über Bord werfen und stattdessen von irrationalen Reaktionen wie Furcht und Panik gelenkt werden. Bei ganz vielen Wahlergebnissen merken wir bereits, dass die Ratio nur noch bedingt eine Rolle spielt und stattdessen die Gefühle dominieren. Aber diese Überreaktion hat noch nie zu einer Verbesserung von Situationen geführt in der Menschheitsgeschichte.

In "Terror: Ihr Urteil" wird ein Flugzeug abgeschossen. Steigen Sie noch cool und lässig in einen Flieger?

Man sollte sich mehr Sorgen machen, wenn man in ein Auto steigt.

Bei "Hart, aber fair" wird im Anschluss an die Ausstrahlung diskutiert, ob man ein Flugzeug zur Rettung Zigtausender Menschenleben abschießen darf. Welchen Erkenntnisgewinn versprechen Sie sich davon?

Dass wir uns die Frage stellen, wie wir künftig leben wollen und was wir uns erkämpft haben. Aktuell führt uns das Geschehen in der Türkei deutlich vor Augen, dass Werte, die dort in den Zwanzigern erkämpft wurden, nun hergeschenkt werden für eine andere Art von Staatsform. Auch wir haben unsere Werte nicht geschenkt bekommen. Wir mussten und müssen dafür Opfer bringen und sollten deshalb vorsichtig sein mit allem allzu Populistischem. Denn wer populistisch argumentiert, stellt anheim, dass sich alles umsonst bekommen ließe. Doch wenn die Vernunft regieren soll, dann muss man auch mal Dinge aushalten, die den Gefühlen widersprechen.

Heißt das, durch den Diskurs und das Vertiefen unterschiedlichster Meinungen entsteht eine Haltung?

Es entsteht wieder ein Bewusstsein dafür, dass man über Sachen gemeinschaftlich und konstruktiv debattieren muss – und dass man als Individuum nicht der Nabel der Welt ist und es ausreicht, sich über die Politiker zu beschweren. Wichtig ist, dass sich die Zuschauer über "Terror" unterhalten.

Im Gerichtsprozess wird Kant zitiert. Doch wie lautet Ihre Lebensphilosophie?

Ich glaube, man hat schon genug damit zu tun, wenn man sich vornimmt, anständig zu leben – auch gegenüber anderen Leuten. Und achtsam zu sein miteinander.

Gehen Sie noch furchtlos zu Rockkonzerten, Fußballspiele oder zum Oktoberfest in Zeiten des Terrors? Also zu Groß-Events?

Ich wäre schon ein bisschen vorsichtiger momentan. Aber mich zieht es eh nicht so wahnsinnig zu Großevents. Deswegen habe ich das Problem relativ selten. Oktoberfest könnte sein, ja. Aber eher, weil es zum ersten Mal eingezäunt ist und man durch Flughafenschleusen rein muss.

Zurück zum Prozess in "Terror": Laut dem Volksmund ist Justitia blind. Inwiefern schließen Sie sich dieser Meinung an?

Absolut. Justitia muss blind sein, weil sie sich von der Vernunft leiten lassen soll und eben nicht von dem, was sie sieht. Deshalb hat man ihr die Augen aus gutem Grund verbunden. Sie soll alle gleich behandeln. Das ist der fromme Wunsch hinter dem Bild.

Hand auf's Herz: Hätte der Major das Flugzeug wohl auch abgeschossen, wenn sein eigenes Kind an Bord gewesen wäre?

Natürlich würde man dann nicht mehr schießen können. Aber das heißt noch lange nicht, dass man es nicht für richtig hält! Es verändert nur die Wahrnehmung. Darauf weist die Staatsanwältin ja auch ausdrücklich hin – dass, sobald es einen persönlich was angeht, nicht mehr so leicht ist, derart gravierende Entscheidungen zu treffen. Moralische Entscheidungen verändern sich nämlich je nach Situation – ganz anders als die Vernunft.

Schlussfrage: Was ist Ihr nächstes spruchreifes Projekt?

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