Die Kunst des Loslassens: "Jonathan"

Was wir bereits wissen
In seinem Langfilmdebüt erzählt Regisseur Piotr J. Lewandowski auf so einfühlsame wie mutige Weise von einem Vater-Sohn-Drama mit Symbolwert.

Dass "Jonathan" seine deutsche Festivalpremiere auf der diesjährigen Berlinale im queeren Nebenprogramm des Teddy Awards gegeben hat, lässt bereits erahnen, welch unausgesprochenes Geheimnis im Familiendrama von Piotr J. Lewandowski als treibender Storymotor fungiert. Dabei gehört es zu den Stärken dieses starken Spielfilmdebüts, dass der schwule Subtext metaphorisches Mittel zum universellen zwischenmenschlichen Zweck ist.

Darum geht's in "Jonathan"

Jannis Niewöhner spielt den titelgebenden Bauernsohn, der sich nicht nur um den heimischen Hof, sondern auch um seinen krebskranken Vater (André Hennicke) kümmert. Warum zwischen Burghardt und seiner Schwester Martha (GOLDENE KAMERA-Preisträgerin 1989 Barbara Auer) seit Jahren Funkstille herrscht, klärt sich für Jonathan erst, als plötzlich Ron (Thomas Sarbacher) auftaucht. Denn der Jugendfreund seines Vaters fördert ein lange verschwiegenes Familiengeheimnis zu Tage, das die angespannte Beziehung zwischen Vater und Sohn auf eine letzte Zerreißprobe stellt...

Trailer zu "Jonathan"

Auf den ersten Blick mag "Jonathan" thematisch überfrachtet erscheinen, doch neben dem einfühlsam geschilderten Problem des richtigen Abschiedsnehmens bietet vor allem die Lebenslüge des Vaters dem exzellenten Darstellerensemble eine emotionale Bühne zur schauspielerischen Entfaltung. Diese nutzt auch Hauptdarsteller Jannis Niewöhner, der die Coming-of-Age-Story zum eigenen Schauspiel-Coming-of-Age nutzt und als fremdbestimmter Jugendlicher zwischen Verantwortungsgefühl und James-Dean-Rebellion eine packende Performance abliefert.

Jannis Niewöhner in "Jonathan"

Wer sich auf die existentiellen Gefühlsregungen der Figuren einlässt, wird sich auch nicht daran stören, dass Julia Koschitz als Jonathans Krankenpfleger-Liebschaft Anka in ihrer Rollenanlage eher wie ein dramaturgischer Sparringspartner wirkt. Und dabei vermeintlich kitschige Lebensweisheiten zum Besten gibt, die im Kern aber letztendlich doch wahrhaftig sind. Gepaart mit den symbolisch aufgeladenen Bildern von Kameramann Jeremy Rouse und der wunderbar entrückten Musik von Lenny Mockridge gelingt Regisseur Lewandowski damit ein bewegendes Rührstück, das im Angesicht des unvermeidlichen Sterbens ein Plädoyer für das Leben hält.

Die ersten 2 Minuten aus "Jonathan" mit Musik von Lenny Mockridge

Wer sollte sich "Jonathan" anschauen?

Alle, die keine Berührungsängste mit zugespitzten Lebensweisheiten haben, die nur auf den ersten Blick dick aufgetragen scheinen.

Warum muss ich "Jonathan" sehen?

Weil "Smaragdgrün"-Schönling Jannis Niewöhner im Kreise eines stark aufspielenden Ensembles beachtliche Charakterdarsteller-Qualitäten zeigt.

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Die GOKA-Wertung

Text: Alexander Attimonelli

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