Daniel Radcliffe und die schräge Arthouse-Seite der Stars

Daniel Radcliffe als lebende Leiche Manny im Festival-Hit "Swiss Army Man"
Daniel Radcliffe als lebende Leiche Manny im Festival-Hit "Swiss Army Man"
Foto: © Capelight Pictures
Was wir bereits wissen
Harry Potter als sprechende Leiche mit Blähungen? Wir verraten, warum Daniel Radcliffe unbedingt im Festival-Hit "Swiss Army Man" mitmischen wollte und stellen vier weitere Schauspielpromis vor, die ihre filmische Erfüllung abseits von Hollywood suchen.

An der Independent-Groteske "Swiss Army Man", die am 13. Oktober in unsere Kinos kommt, scheiden sich die Geister. Während das provokante Regiedebüt von aufgeschlossenen Cineasten wie den Juroren des diesjährigen Sundance Film Festivals, die das junge Autorenfilmergespann Daniel Scheinert und Dan Kwan mit dem "Directing Award" ausgezeichnet haben, als "kreativ und originell" abgefeiert wird, fertigen andere den Film als pubertäre Geschmacksverirrung ab...

Trailer zu "Swiss Army Man" (2016)

Stellt sich die Frage, warum in der skurrilen Rolle der lebenden Leiche Manny, die der verzweifelten Hauptfigur Hank Lebenshilfe gibt, ausgerechnet vom Star der "Harry Potter"-Saga verkörpert wird. Versucht Daniel Radcliffe, mit "Swiss Army Man" seine Fans bewusst vor den Kopf zu stoßen und so endgültig aus der Blockbuster-Schublade auszubrechen?

Daniel Radcliffe im Interview

"Ich habe mir 'Swiss Army Man' nicht ausgesucht, um zum Klatsch von Publikum oder Hollywood zu werden. Mich sprach einfach das verrückte, gewagte und amüsante Drehbuch an. Um ehrlich zu sein war ich etwas geschockt, dass Menschen den Film so schockierend fanden. Denn der derbe Humor ist genau das, was diesen Film meiner Meinung nach so reizevoll macht. Und es ist ja auch nicht so, als ob wir in diesem Film grauenhafte Dinge zeigen, die ein Kinogänger noch nie gesehen hätte. Nichts ist wirklich abscheulich oder empörend, schon gar nicht im Zusammenhang mit den Umständen, in denen sich die Hauptfigur befindet. Einzelne Elemente des Films mögen verrückt und perfekt für Schlagzeilen wie 'Der Film mit der furzenden Dauerständer-Leiche' erscheinen, aber objektiv und in Gänze betrachtet, macht 'Swiss Army Man' komplett Sinn."

Radcliffe, der seinem "Harry Potter"-Image in der Vergangenheit schon des öfteren und im Fall des Fantasy-Dramas "Horns" (2013) sogar wortwörtlich Hörner aufgesetzt hat, liebt ganz offensichtlich die Abwechslung und verrät im Gespräch mit der GOLDENEN KAMERA auch, warum das so ist: "Ich muss mich herausgefordert fühlen, sonst bin ich nicht glücklich. Und diese extremen Handlungen und Geschichten, die mir besonders viel Spaß machen, gibt es eben vorwiegend in der Indie-Welt. Aber das Gute ist auch, dass mir dadurch nie langweilig wird."

Weitere Stars mit Arthouse-Ambitionen

Von Langeweile kann auch nicht die Rede sein, wenn man sich die Karriere von Elijah Wood genauer betrachtet. Der 35-Jährige, der als Frodo in der "Herr der Ringe"-Saga den Hollywood-Olymp erobert hat, macht keinen Hehl daraus, dass er im Herzen ein eingefleischter Genre-Fan ist. Ein Faible, das er mit extremen Rollen wie als perverser Killer in "Sin City" (2005) oder im Skandalfilm-Remake "Maniac" (2012) immer wieder auch schauspielerisch auslebt...

Trailer zu "Maniac" (2012)

Damit besonders ungewöhnliche Projekte realisiert werden können, wirft Elijah Wood seinen guten Namen auch als Produzent in den Ring. Seinem Engagement verdankt die Arthouse-Gemeinde unter anderem die auf Farsi gedrehte Vampirfilm-Perle "A Girl Walks Home Alone at Night" (2014) und aktuell die aberwitzige Horror-Farce "The Greasy Strangler", die in diesem Sommer sogar auf dem Fantasy Filmfest für offene Münder gesorgt hat...

Original-Teaser zu "The Greasy Strangler" (2016)

"Wenn Ihr etwas erleben wollt, das Ihr so noch nie gesehen habt, guckt diesen Film!" Was Elijah Wood über "The Greasy Strangler" sagt, geht auch als Filmemacher-Credo von James Franco durch. Schließlich lässt es sich der Leading-Man aus Blockbuster-Erfolgen wie "Planet der Affen: Prevolution" oder "Die fantastische Welt von Oz" nicht nehmen, sich auch in schrillen Indie-Produktionen wie dem Mainstream-Debüt des Underground-Filmers Harmony Korine auszutoben...

Original-Promo-Trailer zu "Spring Breakers" (2012)

"Wenn ich einen Stoff finde, der ungewöhnlich und gegen den Strich gebürstet ist, hat er meine volle Aufmerksamkeit", gibt Franco zu Protokoll und erklärt mit diesem Wissensdurstbekenntnis, warum der gerade mal 38-jährige Workaholic neben weit über 100 Schauspielrollen auch schon fast 100 Einträge als Regisseur und/oder Produzent aufzuweisen hat. Neben ambitionierten Spiel- und Kurzfilmprojekten finden sich darunter auch Dokumentationen wie das unlängst auf DVD erschienene Pornostudio-Porträt "Kink" (2013), in dem Franco nach eigener Aussage eine faszinierende Form der Darstellungskunst erforscht, die der unverfälschten Authentizität verpflichtet ist...

Originaltrailer zur Dokumentation "Kink" (2013)

Als Vorreiter dieser Anti-Mainstream-Denkweise kann Crispin Glover betrachtet werden, der sich als Marty McFlys Loser-Vater George im Zeitreise-Dauerbrenner "Zurück in die Zukunft" in die Hollywood-Annalen gespielt hat und seitdem mit markanten Genrefilm-Hauptrollen ("Willard") und Blockbuster-Nebenrollen ("Alice im Wunderland") schauspielerisch für Aufsehen sorgt.

Mit seinen Mainstream-Gagen macht sich der streitbare Filmintellektuelle allerdings keinen schönen Lenz, sondern finanziert seit Jahren eigene Kunstfilmprojekte, die in Reaktion auf das "Corporate Media"-Gebahren Hollywoods darauf angelegt sind, die Sehgewohnheiten des Publikums herauszufordern – so wie mit seinem surrealen Regiedebüt "What Is It?" (2005) inklusive Down-Syndrom-Ensemble...

Originaltrailer zu "What Is It?" (2005)

Und in Deutschland? Hier scheint das künstlerische Bedürfnis, die gängigen Unterhaltungsnormen zu verletzen, zumindest im Promi-Segment die Ausnahme darzustellen. Gut, dass es Franka Potente gibt, die sich nach durch Auftritte in der "Bourne"-Reihe und an der Seite von Johnny Depp in "Blow" auch in Hollywood etabliert und trotzdem nicht ihre Faszination für alternative Filmkunst verloren hat.

Statt wie Schauspielkollegin Karoline Herfurth bei ihrem Regiedebüt auf Nummer Sicher zu gehen, präsentierte Potente auf der Berlinale 2006 die phantastische Stummfilm-Komödie "Der die Tollkirsche ausgräbt" – ein Filmexperiment, das die Wahlkalifornierin damals so kommentierte: "Ich leiste es mir inzwischen, streng nach dem Lustprinzip vorzugehen." Ein lobenswerter Vorsatz, der für ihre Rückkehr hinter die Kamera, die Franka Potente exklusiv im Interview mit der GOLDENEN KAMERA in baldige Aussicht gestellt hat, durchaus vielversprechend klingt...

Text: Alexander Attimonelli / Interview: Anke Hofmann

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