Gipfeltreffen der einsamen Herzen: "Gleißendes Glück"

Was wir bereits wissen
Nach erfolgreicher Festivaltour kommt Sven Taddickens mutiges Beziehungsdrama "Gleißendes Glück" mit den GOLDENE KAMERA-Preisträgern Martina Gedeck und Ulrich Tukur in unsere Kinos.

Was passiert, wenn zwei doppelte GOLDENE KAMERA-Gewinner wie Martina Gedeck (2003 und 2015) und Ulrich Tukur (1996 und 2011) in der Verfilmung des provokanten Debütromans der schottischen Autorin A. L. Kennedy aufeinanderprallen? Es entsteht ganz große Schauspielkunst, die am 20. Oktober in unsere Kinos kommt und Tukur unlängst in einem exklusiven GOKA-Interview über seine neuen Projekte wie folgt angeteasert hat: "Es ist die Geschichte zweier verlorener Menschen, die in ihrer Seele zutiefst verwüstet sind. Die an einander festhalten und versuchen, Liebe und Sexualität wieder ganz von vorne zu lernen wie Kinder. Radikal, ergreifend - und nicht fernsehkompatibel!"

Darum geht's in "Gleißendes Glück"

Tatsächlich nimmt Regisseur Sven Taddickens ("Emmas Glück") bei "Gleißendes Glück" inhaltlich und inszenatorisch kein Blatt vor die Kameralinse. Martina Gedeck spielt die biedere Hausfrau Helene Brindel, die als Frau mit tief religiöser Vergangenheit ein beklemmendes Vorstadtleben mit gewalttätigem Ehemann (Johannes Krisch) führt und das Gefühl hat, selbst von ihrem Gott verlassen worden zu sein. Als sie im Radio den Ratgeberautoren Eduard E. Gluck (Ulrich Tukur) und damit eine andere Form des Glücksversprechens entdeckt, reist Helene zu einem seiner Vorträge und lernt den charismatischen Hirnforscher persönlich kennen. Über mehrere Treffen entwickelt sich zwischen den beiden grundverschiedenen Menschen eine innige Beziehung, da auch hinter der Fassade des so selbstbewusst auftretenden Gluck seelische Abgründe schlummern.

Trailer zu "Gleißendes Glück" (Kinostart: 20.10.2016)

Es gehört zu den Stärken von „Gleißendes Glück“, dass sich der Film nicht in den Klischee-Fallstricken einer sich zum Guten wendenden Romanze verstrickt. Dass Helene und Gluck erst einmal wieder getrennte Wege gehen und nur über Briefe kommunizieren, ist eine durchaus realistische Wendung, die deutlich macht, dass es eines äußeren Anstoßes bedarf, mich sich selbst ins Reine zu kommen. Die Erkenntnis, dass man die Einsamkeit und innere Dämonen nur im Miteinander überwinden kann, kontrastiert Regisseur Taddicken mit schonungslosen Szenen häuslicher Gewalt, die als schwer verdaulicher Gegenentwurf aufzeigen, welche Auswirkungen die Unfähigkeit zur Kommunikation haben kann. Ähnliches gilt für Glucks überwiegend akustisch erfahrbar gemachte Pornosucht, deren ungekünstelter Realismus leider von überstilisierten Sexphantasien inszenatorisch ein wenig ad absurdum geführt wird.

Dramaturgische Stolpersteine und die düstere Komik, die "Gleißendes Glück" trotz aller Seelenpein durchzieht, gehen dank der beiden überragenden Hauptdarsteller in einer in sich stimmigen Liebesgeschichte zweier gefühlsverwirrter Menschen auf. Tukur glänzt als extrovertierter Charmeur, der sich insgeheim zwischen Kopf- und Triebsteuerung aufreibt. Und Gedeck brilliert als passive Märtyrerin, die sich peu à peu von ihrem selbstgewählten Schicksal emanzipiert. Wie Tukur vorab gesagt hat: radikal und ergreifend.

Wer sollte sich "Gleißendes Glück" anschauen?

Alle, die in dieser neuen Kino-Woche eine Arthouse-Alternative zu Blockbuster-Titeln wie "Bridget Jones' Baby", "Trolls", "Das kalte Herz" und Ben Afflecks "The Accountant" suchen.

Warum muss ich "Gleißendes Glück" sehen?

Weil Regisseur Taddickens die literarische Vorlage in eine Bühne verwandelt hat, auf der Tukur und vor allem Gedeck schauspielerisch über sich hinauswachsen. Soviel Mut zur seelischen Entblößung haben etablierte Schauspieler hierzulande nur noch selten!

Für Fans von...

Sven Taddickens "Emmas Glück" und "Melancholia" von Lars von Trier

Die GOKA-Wertung

Text: Alexander Attimonelli

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