Das Mutter-Untier: "Lotte"

Preisverdächtig: Karin Hanczewski als partywütiges Mutteruntier "Lotte"
Preisverdächtig: Karin Hanczewski als partywütiges Mutteruntier "Lotte"
Foto: © daredo media GmbH
Was wir bereits wissen
"Tatort"-Kommissarin Karin Hanczeswski und Regiedebütant Julius Schultheiß erschaffen in dieser No-Budget-Perle eine faszinierende Frauenfigur, die es so im deutschen Kino noch nicht gegeben hat.

Wenn eine in die erste Schauspielliga aufstrebende Darstellerin ohne zu zögern einwilligt, auf (unwahrscheinliche) Gewinnbeteiligung an einem Film mitzuwirken, den der frisch von der Kunsthochschule kommende Regisseur mit seinem Bausparvertrag und ein bisschen Crowdfunding finanzieren will, muss es sich um eine außergewöhnlich Rolle handeln. Das Opfer hat sich gelohnt, denn mit dem tragikomischen Drama "Lotte", das auf der diesjährigen Berlinale in der "Perspektive Deutsches Kino" Premiere feierte und am 27. Oktober in ausgewählten Programmkinos startet, hat der junge Autorenfilmer Julius Schultheiß ein erfrischendes Frauenportrait entworfen, das die mittlerweile in Dresden ermittelnde "Tatort"-Kommissarin Karin Hanczewski gleich als Filmgeschenk des Himmels erkannt hat: "Da liegt soviel Freiheit drin – so was gibt es sonst nicht zu sehen."

Darum geht's in "Lotte"

Hanczeswki spielt die titelgebende Krankenschwester, die ohne Rücksicht auf soziale Verluste durch ihr Privat- und das Berliner Nachtleben tobt. Bis sich Patientin Greta (Zita Aretz) als Lottes beim Vater aufgewachsene Tochter entpuppt und hartnäckig ihren Egotrip zwischen Selbstverwirklichung und Selbstzerstörung auf den Prüfstand stellt...

Trailer zu "Lotte" (Kinostart: 27.10.2016)

Wie Karin Hanczeswki mit trotziger Aggressivität und trotzdem durchschimmernder Verletztheit einen kompromisslos hedonistischen Rollentypus verkörpert, der im Film aber auch in unserer gesellschaftlichen Realität für Lebemänner reserviert scheint, ist ein wahres Erlebnis. Vor der stalkerhaft an ihr klebenden Kamera von Martin Neumeyer macht die 35-Jährige die emotionalen Spannungen spürbar, die sich ergeben, wenn das Bedürfnis nach Freiraum auf verdrängtes Verantwortungsbewusstsein trifft.

Mit der Newcomerin Zita Aretz hat Hanczewski schauspielerisch einen perfekten Gegenpol neben sich, der passiv-aggressiv ihren Eispanzer antaut. Es spricht für den erzählerischen Wagemut von Regisseur Schultheiß, dass er dafür bei seiner Antiheldin nicht plötzlich Mutterinstinkte einsetzen lässt, sondern stattdessen schildert, wie Lotte ihre Tochter zum extremen Grenzenaustesten verleitet – und nur unterschwellig von Zweifeln geplagt wird. Da lässt sich auch verschmerzen, dass "Lotte" im letzten Filmdrittel ein wenig die dramaturgische Luft ausgeht und eine küchenpsychologisch anmutende Erklärung für Lottes Lotterleben angedeutet wird, die nicht Not getan hätte.

Wer sollte sich "Lotte" anschauen?

Alle, die daran zweifeln, dass man auch mit einem Mini-Budget von 10.000 Euro fesselnde Filmkunst auf die Beine stellen kann.

Warum muss ich "Lotte" sehen?

Weil "Tatort"-Kommissarin Karin Hanczewski eindrucksvoll unter Beweis stellt, was für eine begnadete Charakterdarstellerin sie ist.

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