Regisseur Tom Ford: "'Nocturnal Animals' ist für mich autobiographisch"

Modezar und Filmvisionär: Tom Ford (55)
Foto: © Theo Kingma
Was wir bereits wissen
Der texanische Mode-Designer spricht im GOLDENE KAMERA-Interview über seine zweite Regiearbeit nach siebenjähriger Filmschaffenspause.

Als der für seine Arbeit bei Gucci und Yves Saint Laurent bekannte Fashion-Guru Tom Ford 2009 mit "Fade to Black" seine eigene Filmproduktion gründete und als Gesellenstück gleich das herausragende 60er-Jahre-Drama "A Single Man" vorlegte, staunte nicht nur die filmische Fachwelt nicht schlecht. Mit der Romanverfilmung "Nocturnal Animals" beweist Ford jetzt erneut, dass sein Auge für Ästhetik und visuelles Erzählen eigentlich hinter die Filmkamera gehört.

Trailer zu "Nocturnal Animals" (Kinostart: 22.12.2016)

Im exklusiven Gespräch verrät uns der 55-Jährige, warum sein zweiter Film sieben Jahre auf sich warten ließ, was "Nocturnal Animals" mit seinem eigenen Leben zu tun hat und warum er nicht mehr nackt durch die Wohnung läuft!

Tom Ford im Interview

Es ist fast sieben Jahre her seit Ihrem Regiedebüt "A Single Man". Warum hat es so lange bis zu Ihrem zweiten Film gedauert?

Also: Erstens weiß ich nicht, wo diese sieben Jahre geblieben sind. Eigentlich wollte ich nicht so lange bis zu meinem nächsten Film warten. Höchstens drei Jahre. Aber dann bin ich von meinem Beruf als Designer abgelenkt und beansprucht worden und habe 100 Filialen geöffnet. Ich habe auch einen Sohn, der jetzt vier ist. Vater zu werden, war für mich eine bewusste Entscheidung und ich habe mich sogar eine Zeitlang von meinen Geschäft verabschiedet, um während seinen ersten Jahre voll da zu sein. Und dann habe ich lange gebraucht, bis ich ein Ausgangsmaterial fand, das mich ansprach und interessierte. Austin Wrights Roman "Tony & Susan" hatte mich total gefesselt, aber es war auch sehr schwer, es in ein Drehbuch umzuschreiben. Nachdem ich die Rechte erworben hatte, musste ich es erst ein bisschen ruhen lassen, bevor ich die richtige Inspiration hatte.

Trailer zu "A Single Man" (2009)

Was gibt Ihnen das Inszenieren eine Films im Gegensatz zum Designen von Haute Couture?

Regie zu führen ist einer der belohnendsten und erfüllendsten Dinge, die ich je getan habe - meinen Sohn natürlich ausgenommen. Es macht mir unheimlich viel Spaß. Denn Film hält für immer und ewig. Fashion ist toll und ausdrucksvoll, aber auch sehr vergänglich. Und selbst wenn ein Designer-Stück in einem Museum zum Bewundern ausgestellt wird, gibt ein tolles Outfit einem nie die Tiefe an Gefühlen, wie ein Film es kann. Ein alter Schinken aus den 30er Jahren hat die Power, uns in diese Welt zu versetzen. Wir lachen und weinen mit den Menschen von damals mit. Sie werden wieder lebendig, obwohl die Schauspieler Regisseure und Autoren schon längst nicht mehr leben. Wenn mein Sohn erwachsen ist, kann er sich "A Single Man" oder "Nocturnal Animals" anschauen und sehen, wie ich mich zwischen 2009 und 2016 verändert habe.

Ihre Hauptfigur Susan lebt ein glamouröses und oberflächliches Leben, wird aber dazu gezwungen, ihre Existenz mit neuen Augen zu bewerten. Da der Roman Sie so faszinierte und Sie auch in einer Welt von Glanz und Oberflächlichkeit verkehren: Werfen Sie im Moment auch einen neuen Blick auf Ihr Leben?

Ja, die Figur von Susan ist sehr autobiographisch für mich. Und auch in George in "A Single Man" steckte sehr viel von mir. Ich kenne die oberflächliche Welt, in der Susan lebt, nur zu gut. Manchmal widert sie mich sogar an. Ich bin in einem sehr einfachen Zuhause in New Mexiko groß geworden, und zum Glück kann ich dort immer hin flüchten, wenn es mir zu viel wird. Aber ich merke, wie ich mich immer mehr in eine andere Richtung entwickele. Im Alter werde ich vielleicht zu einer Georgia O’Keefee werden und in der Wüste Verbindung mit dem Universum suchen (lacht). Ich verstehe natürlich, dass Menschen von Natur aus materielle Kreaturen sind. Samt fühlt sich einfach verdammt gut an, aber die Verbindung mit anderen Personen ist wichtiger als ein teurer Stoff. Perspektive ist das Stichwort. Ich selbst bin sehr treu, was meine Beziehungen angeht. Ich schmeiße nie eine Person weg. Ich bin schon 30 Jahre lang mit meinem Partner Richard Buckley zusammen.

Warum schminken Sie sich sozusagen nicht einfach mal ab? Als Brand steht "Tom Ford" für ewige Perfektion und Schönheit...

Vielleicht werde ich das sogar eines Tages tun. Jeder Mensch bildet eine Art Schutzrüstung, um seine emotionalen Seiten zu verstecken oder zu beschützen. Meine Rüstung ist mein adretter Anzug, von dem ich mich leider noch nicht trennen kann (lacht).

Wie definieren Sie Schönheit? Und warum ist es Ihnen so wichtig, immer adrett angezogen zu sein?

Schönheit kommt von innen. Zum Glück haben meine Eltern mich immer mich selbst sein lassen. Schon als Kind wollte ich eine Jacke oder einen Anzug tragen, auch wenn alle anderen Kinder sich so nicht anzogen. Ich ging sogar mit einem Aktenkoffer in die Schule, weil eine Schultasche mir zu unordentlich war. Meine Eltern warnten mich zwar davor, dass die anderen Kinder mich für meinen Stil verprügeln würden, aber sie unterstützten mich trotzdem.

Wurden Sie als Kind gehänselt?

Oh ja! Und selbst heute fange ich sofort zu schwitzen an, wenn ich an einem Sportplatz vorbeilaufe und ein Fußball mir entgegen rollt. Der Gedanke, dass ich den Ball zurückschießen muss, versetzt mich in Panik, weil ich immer total schlecht in Sport war (lacht).

Wie kleiden Sie sich zu Hause?

Seitdem ich einen Sohn und ein Kindermädchen habe, kann ich leider nicht mehr nackt durch die Wohnung laufen (lacht). Jetzt frühstücke ich im Bademantel oder Boxershorts und T-Shirt.

Poster-Artwork für "Nocturnal Animals" © Universal Pictures International
Susan (Amy Adams) © Universal Pictures International
Susan (Amy Adams) © Universal Pictures International
Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, l.) und Ray (Aaron Taylor-Johnson) © Universal Pictures International
India Hastings (Ellie Bamber) © Focus Features, LLC.
India Hastings (Ellie Bamber) und Ray (Aaron Taylor-Johnson) © Universal Pictures International
Susan (Amy Adams) © Focus Features, LLC.
Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, l.) und Bobby Andes (Michael Shannon) © Focus Features, LLC.
Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, l.) und Bobby Andes (Michael Shannon) © Focus Features, LLC.
Bobby Andes (Michael Shannon, l.) und Tony Hastings (Jake Gyllenhaal) © Universal Pictures International
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Tony Hastings (Jake Gyllenhaal) © Focus Features, LLC.
Susan (Amy Adams) © Focus Features, LLC.
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Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, l.), Bobbx Andes (Michael Shannon) und Lou (Karl Glusman, r.) © Universal Pictures International
Amy Adams und Regisseur Tom Ford © Focus Features, LLC.

Interview: Anke Hofmann

Im Herz der Finsternis: "Nocturnal Animals"

Poster-Artwork für "Nocturnal Animals" © Universal Pictures International
Susan (Amy Adams) © Universal Pictures International
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Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, l.) und Ray (Aaron Taylor-Johnson) © Universal Pictures International
India Hastings (Ellie Bamber) © Focus Features, LLC.
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Susan (Amy Adams) © Focus Features, LLC.
Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, l.) und Bobby Andes (Michael Shannon) © Focus Features, LLC.
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Bobby Andes (Michael Shannon, l.) und Tony Hastings (Jake Gyllenhaal) © Universal Pictures International
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Tony Hastings (Jake Gyllenhaal) © Focus Features, LLC.
Susan (Amy Adams) © Focus Features, LLC.
Susan (Amy Adams) © Focus Features, LLC.
Tony Hastings (Jake Gyllenhaal, l.), Bobbx Andes (Michael Shannon) und Lou (Karl Glusman, r.) © Universal Pictures International
Amy Adams und Regisseur Tom Ford © Focus Features, LLC.
Modezar Tom Ford ("A Single Man") schickt für seine zweite Regiearbeit Amy Adams und Jake Gyllenhaal auf einen seelischen Höllentrip.
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