Kabale und Liebe in Fernost: "Die Taschendiebin"

Was wir bereits wissen
Nach dem Hollywood-Ausflug "Stoker" kehrt Regisseur Chan-wook Park mit dem meisterhaften Erotikdrama "Die Taschendiebin" zurück zu seinen südkoreanischen Wurzeln.

Auch wenn der jüngste Streich von Chan-wook Park im Wettbewerb von Cannes 2016 leer ausgegangen ist – sein am 5. Januar in unseren Kino startendes Erotikdrama "Die Taschendiebin", das international den Titel "The Handmaiden" trägt und vom im viktorianischen England spielenden Roman "Solange du lügst" von Sarah Waters inspiriert wurde, gehört zu den Meisterwerken des "Oldboy"-Regisseurs und ist schon jetzt ein berauschendes erstes Highlight des neuen Kinojahres.

Darum geht's in "Die Taschendiebin"

Park verlagert das Geschehen in das von Japan besetzte Korea der 1930er Jahre und konzentriert sich zunächst auf die titelgebende Kleinkriminelle Sookee (Newcomerin Tae-ri Kim), die vom falschen Grafen Fujiwara (Jung-woo Ha) angeheuert wird. Der Hochstapler schleust die gewiefte Diebin als neue Kammerzofe in den Haushalt der japanischen Dame Hideko (Min-hee Kim) ein, um an deren üppiges Erbe zu gelangen. Doch während Sookee daran arbeitet, die unnahbare Schönheit von den Vorzügen des um sie buhlenden Grafen zu überzeugen, entbrennt zwischen den beiden ungleichen Frauen eine leidenschaftliche Liasion, die nicht nur Fujiwaras Masterplan torpediert, sondern auch so manch düsteres Geheimnis zutage fördert...

Trailer zu "Die Taschendiebin" (Kinostart: 5.1.2017)

Denn dass Hideko von ihrem so schmierigen wie diabolischen Onkel Kouzuki (Jin-woong Jo) gezwungen wird, dessen pornographischen Romane vor zahlendem Publikum zu rezitieren und szenisch aufzuführen, ist nur eine von zahlreichen Wendungen, die den Zuschauer bis zum finalen Schlussakkord gefangen hält. Der wie gewohnt auch als Drehbuchautor aktive Chan-wook Park verpackt sein twistreiches Spiel mit Täuschung und Verführung in drei Kapitel, die aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert werden und deren verspielte Erzählstruktur der Regisseur und sein Stammkameramann Chung-hoon Chung in eine berauschende Bildsprache übersetzen...

Originalclip "Die Bibliothek" aus "Die Taschendiebin"

Im voyeuristischen Sog dieser zwischen erhabener Eleganz und morbider Märchenhaftigkeit changierenden Bilder ragt die lesbische Liebschaft zwischen Hideko und Sookee trotz einiger frappierend sadomasochistischer Spitzen leuchtturmhaft heraus. In ihrer Zuneigung zueinander erweisen sich die beiden jungen Frauen nämlich als die einzigen aufrichtigen Charaktere in einer von arglistigen Männern dominierten Welt, der Parks starke Filmheldinnen seit "Lady Vengeance" (2005) den Kampf angesagt haben. Und so erweist sich "Die Taschendiebin" nicht nur als Perle des stilisierten Kinos, sondern auch als erotisch knisternder Liebesreigen mit kraftvoller Aussage.

Originalclip "Das Bad" aus "Die Taschendiebin"

Wer sollte sich "Die Taschendiebin" anschauen?

Jeder, der märchenhafte Opulenz, düstere Erotik und Hitchcocksche Suspense zu schätzen weiß.

Warum muss ich "Die Taschendiebin" sehen?

Weil Regisseur Chan-wook Park mit "Die Taschendiebin" erneut beweist, dass er im zeitgenössischen Kino aus Fernost das Maß aller Dinge ist.

Für Fans von...

Chan-wook Parks Vampir-Romanze "Durst" (2009) und der südkoreanische Erotikthriller "Das Hausmädchen" (2010)

Die GOKA-Wertung

Text: Alexander Attimonelli

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