Warum Hollywood die Remake-Finger von Filmklassikern lassen sollte

Starpower schlägt Filmklassiker: Scarlett Johansson als Cyborg-Amazone "Major" im US-Remake von "Ghost in the Shell"
Starpower schlägt Filmklassiker: Scarlett Johansson als Cyborg-Amazone "Major" im US-Remake von "Ghost in the Shell"
Foto: © 2016 Paramount Pictures
Seit dem 30. März tobt Scarlett Johansson als Cyborg-Amazone durch die Realverfilmung des Kult-Animes "Ghost in the Shell" – und beweist einmal mehr, dass manche Filme einmalig bleiben sollten.

Mit "Ghost in the Shell" schuf der japanische Anime-Regisseur Mamoru Oshii 1995 nicht nur eine kongeniale Umsetzung der gleichnamigen Manga-Vorlage von Masamune Shirow, sondern auch einen Schlüsselfilm der Science-Fiction-Spielart namens Cyberpunk. Denn die actionreiche Suche nach einem terroristischen Hacker im Japan des Jahres 2029 wird für die Cyborg-Heldin Major Motoko Kusanagi zur philosophischen Frage, was den menschlichen Geist von künstlicher Intelligenz unterscheidet.

Das Original-Opening von "Ghost in the Shell" (1995)

2008 sicherte sich Steven Spielbergs Studio DreamWorks die Filmrechte und begab sich auf die Suche nach einem Regisseur, der 2014 mit Rupert Sanders ("Snow White and the Huntsman") gefunden war. Für die Hauptrolle im "Ghost in the Shell"-Remake sagte dann ein Jahr später Scarlett Johansson zu, die ihren actionfilmgestählten Körper ("The Avengers", "Lucy") in den Dienst der Remake-Sache gestellt hat...

Der im Vorfeld durch die sozialen Netzwerke hallende Protest, dass hier eine fernöstliche Figur durch eine kaukasische Schauspielerin dargestellt wird, ist das kleinste Problem von "Ghost in the Shell" anno 2017. Denn was Regisseur Sanders und über die Jahre sieben (!) Drehbuchautoren auf die Beine gestellt haben, krankt an ganz anderen Dingen, die stellvertretend für Hollywoods Kultfilm-Remake-Misere stehen...

5 Gründe, warum Hollywood keine Filmklassiker remaken sollte

1. Es ist der größtmögliche Ausdruck von Ideenlosigkeit
Als ob es nicht reichen würde, dass erfolgreiche Franchises wie "Star Wars" in Endlosschleife gehen und Kassenschlagertrends wie der aktuelle Superhelden-Boom bis zum letzten Tropfen ausgequetscht werden, hat sich Hollywood auf das Produzieren von Kultfilm-Remakes eingeschossen. Nach "Ben Hur", "Die glorreichen Sieben", "Ghostbusters" und zuletzt "Die Schöne und das Biest" scheint "Ghost in the Shell" erneut das Produzenten-Motto zu bestätigen: Was einmal funktioniert hat, ist eine sichere Boxoffice-Bank. Das Argument, einen Klassiker einer neuen Generation zugänglich zu machen, ist legitim aber letztendlich heiße Marketingluft. Denn dann könnte man ja auch für Wiederaufführungen der restaurierten Originale sorgen.

2. Der Remake-Star wird wichtiger als der Remake-Film
Welche Schauspieler in die ikonischen Rollen der Reboot-Vorlagen schlüpfen werden, wird speziell im Vorfeld von Klassiker-Neuverfilmungen zum dominanten Marketingfokus. Im Fall des freizügigen "Ghost in the Shell"-Originals kam noch die geschürte Aufregung hinzu, wieviel nackte Haut die für ihre Zeigefreudigkeit bekannte Schauspielerin Scarlett Johansson ("Under the Skin") zeigen wird. Die Antwort: keine, da sich die Produzenten entschlossen haben, Scarlett für eine niedrigere Altersfreigabe in einen fleischfarbenen Latex-Anzug zu stecken, der die Hülle ihres Cyborg-Körpers zwar fetischisiert aber gleichzeitig realer Reize beraubt.

3. Aus Angst vor den Fans fehlt der Wille zum inszenatorischen Risiko
Je beliebter die Vorlage desto weniger wollen die Produzenten des Remakes die zuweilen fanatische Fans des Originals verschrecken, die dem sakrilegischen Projekt ja ohnehin kritisch gegenüber stehen. Aus diesem Grund werden häufig nicht nur Figuren und Handlung, sondern auch einzelne ikonische Szenen oder Einstellungen kopiert, die im neuen Bildsprache-Kontext aber wenig zur Atmosphäre beitragen und eher wie das Abhaken einer "To Do"-Liste wirken.

4. Die Modernisierung wird zum Schaulaufen der Spezialeffekte
Ein Argument für die Neuverfilmung älterer Filmklassiker ist der Hinweis, das die Tricktechnik des Kinos endlich soweit ist, die Spezialeffekte der Vorlage zeitgemäß und damit angemessen präsentieren zu können. Leider verwandelt sich diese Motivation auf der Leinwand häufig in ein Schaulaufen der CGI-Möglichkeiten. Während das Aufhübschen der "Ghost in the Shell"-Skyline mit Godzilla-großen Werbehologrammen dem Remake einen netten modernen Touch verleihen, trägt die computeranimierte Surrogat-Darstellung von Johanssons Körper trotz bemühtem Photorealismus nicht dazu bei, eine emotionale Verbindung zur Heldin herzustellen.

5. Provokante Originalinhalte werden dem Massengeschmack geopfert
Das größte Problem von Filmklassiker-Remakes: Provokante Inhalte und anspruchsvolle Botschaften der Vorlage werden von den Produzenten weichgespült, um dem avisierten Multiplex-Publikum nicht vor den Kopf zu stoßen. Bei "Ghost in the Shell" ist dieser Opfergang besonders deutlich ausgefallen. Während es die ohne menschliche Vorgeschichte eingeführte Cyborg-Heldin im Original mit einer komplett künstlichen Intelligenz als Gegenspieler zu tun bekommt und im Finale die eindimensionalen Vorstellungen von Mensch und Maschine transzendiert, wird Johanssons Major ein "Robocop"-Plot angedichtet. Während sie nach dem terroristischen Hacker jagt, der hier nicht als imaginäre Netzwerk-Präsenz, sondern als mitleiderregendes Frankensteinmonster (Michael Pitt) daher kommt, muss sie versuchen, ihrer menschlichen Identität auf den Grund zu gehen – und bekommt dabei in einer rührseligen Szene sogar eine trauernde Mutter aus Fleisch und Blut spendiert. Man kann dem Filmrezensenten der ZEIT nur beipflichten: So verkommt "Cyberpunk zu Cybervolksmusik".

Text: Alexander Attimonelli

Bildergalerie: Die 17 spannendsten Reboots im Kinojahr 2017

Kommentare einblenden

"Ghost in the Shell" - Manga-Kampfmaschine Scarlett Johansson im Interview

Im Remake des Anime-Klassiker von 1995 spielt Scarlett Johansson einen "Cyborg", einen künstlichen Cop.
Mehr lesen