Bruno Ganz ganz groß: "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Am 1. Juni startet Matti Geschonnecks Bestsellerverfilmung, in der unser GOLDENE KAMERA-Gewinner von 2014 den Untergang des sozialistischen DDR-Systems verkörpert.

Sechs Jahre ist es her, dass Eugen Ruge für seinen autobiographisch inspirierten Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Nun hat sich Regisseur Matti Geschonneck dieser Familiensaga, in deren Schicksal sich die Geschichte der DDR spiegelt, angenommen, doch dabei einen nicht unproblematischen Kunstgriff angewendet. Denn er und sein Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ("Sommer vorm Balkon") verdichten die vier Generationen umfassende Erzählung der Vorlage auf einen einzigen Tag.

Darum geht's in "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Im Frühherbst des Jahres 1989 feiert Mustersozialist Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) seinen 90. Gebutstag. Während sich der linientreue Patriarch mit seiner nicht besonders treusorgenden Frau Charlotte (Hildegard Schmahl) auf einen nicht enden wollenden Gratulationsreigen von Parteigenossen und entfernten Verwandten vorbereiten, hat Wilhelms Stiefsohn Kurt (Sylvester Groth) ganz andere Sorgen. Nicht nur mit der Entfremdung von seiner russischen Frau Irina (Evgenia Dodina), sondern vor allem mit seinem vom Opa heißgeliebten Sohn Sascha (Alexander Fehling), der am Vorabend des Mauerfalls "Republikflucht" begonnen hat.

Trailer zu "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (Kinostart: 1.6.2017)

Die Kritik zu "In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Mit Filmen wie den GOLDENE KAMERA-ausgezeichneten TV-Produktionen "Entführt" (2010), "Liebesjahre" (2012), "Das Ende einer Nacht" (2013) und "Ein großer Aufbruch" (2016) hat Matti Geschonneck bewiesen, dass er ein Händchen für die Inszenierung zwischenmenschlicher Dramen und Spannungen hat. Bei seiner Tragikomödie "In Zeiten des abnehmenden Lichts" macht ihm das verdichtete Kammerspiel-Ambiente dabei allerdings einen Strich durch die Rechnung. Die vor abstruser Authentizität strotzenden Dialoge sorgen zwar dafür, dass sich das Kolorit-Gefühl einer dem Untergang geweihten Epoche ostdeutscher Zeitgeschichte einstellt. Vor diesem historisierenden Anspruch verkommen aber die zahlreichen Nebendarsteller zu klischeenaher Staffage – und angestrebtes Gefühls- zum Ausstattungskino.

Dass der Film ganz auf Bruno Ganz zugeschnitten ist, erweist sich dabei als Problem und Glücksfall zugleich. Denn der 76-jährige Ausnahmeschauspieler, der 2014 die GOLDENE KAMERA für das Lebenswerk erhalten hat, dankt das Vertrauen des Regisseurs mit einer beeindruckenden Schauspielleistung. In seinem zwischen falschem Stolz, Wutbürgertum und Verwirrung changierenden Powileit mag sich vielleicht nicht die literarische Dimension der Buchvorlage spiegeln. Das für die letzten DDR-Jahre charakteristische Ausblenden der Realität erhält dank des Charakterdarstellers Ganz aber ein zutiefst menschliches Gesicht, das weder seiner Figur noch die durch sie personifizierte DDR die Würde nimmt.

Wer sollte sich "In Zeiten des abnehmenden Lichts" anschauen?

Alle, die keine Berührungsängste mit ostdeutscher Zeitgeschichte im Gewand eines Kammerspiels haben.

Warum muss ich "In Zeiten des abnehmenden Lichts" sehen?

Weil trotz dramaturgischer Längen die One-Man-Show des Bruno Ganz großes Kino ist.

Für Fans von...

Matti Geschonnecks "Boxhagener Platz" (2010) und dem TV-Drama "Der Turm" (2012)

Die GOKA-Wertung

Text: Alexander Attimonelli

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