Kino-Event der Woche: "Happy End"

Der Meister der filmischen Demaskierung ist zurück: Michael Hanekes neuer Film "Happy End" skizziert die herzlose Entfremdung innerhalb einer französischen Bauunternehmer-Familie.

Auch wenn Michael Haneke bei den Filmfestspielen von Cannes 2017 die historische Ehrung verwehrt geblieben ist, nach "Das weiße Band" (2009) und "Liebe" (2012) mit "Happy End" als erster Filmemacher eine dritte Goldene Palmen zu gewinnen – das neue Werk des 75-jährigen Regisseurs, das am 12. Oktober in unsere Kinos kommt und von Österreich ins Rennen um den nächsten Auslands-Oscar geschickt wird, ist herausragend, weil Haneke seine Milieustudie diesmal ungewohnt satirisch in Szene setzt.

Darum geht's in "Happy End"

Die bürgerliche Idylle in der Villa des Bauunternehmer-Clans Laurent täuscht: Der an den Rollstuhl gefesselte Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant) ist lebensmüde und plant seinen Selbstmord. Seine Tochter Anne (Isabelle Huppert) führt mit ihrem Rechtsanwaltsfreund Lawrence (Toby Jones) und eiserner Hand die Geschäfte, während ihr aus der Art geschlagene Sohn Pierre (Franz Rogowski) keinerlei Interesse am Familienbetrieb zeigt. Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) betrügt seine Frau Anais (Laura Verlinden) mit einer Cellistin, die er mit versauten Chat-Botschaften bombardiert. Und auch die 12-jährige Eve (Fantine Hardin), Thomas' Tochter aus erster Ehe, die nach dem Selbstmordversuch der Mutter von der Großfamilie aufgenommen wird, scheint nicht nur ihren Hamster auf dem Gewissen zu haben...

Trailer zu "Happy End" (Kinostart: 12.10.2017)

GOKA-Wertung

Dass Michael Haneke sein entlarvendes Familienportrait im sonnigen Calais zwischen Weltkriegsbunkern und Flüchtlingslagern ansiedelt, kommt nicht von ungefähr. Der bürgerliche und in allen Lebenslagen Contenance einfordernde Laurent-Clan wirkt vor dieser geschichtsträchtigen und unlängst wieder in die Schlagzeilen geratenen Küstenstadt-Kulisse wie ein aus der Zeit gefallener Menschenschlag, dessen gesellschaftliche Entfremdung sich intern in der Sprachlosigkeit unter den Familienmitgliedern widerspiegelt. Dazu tragen auch die (nicht besonders originell eingestreuten) Handy-Videos und Social-Media-Postings bei, die statt intimer Nähe eher das Gefühl größtmöglicher Distanz entfalten.

Dass der Regisseur sein grimmiges Menschenbild diesmal in ein Seifenoper-Szenario bettet, mag eingefleischten Haneke-Fans halbherzig erscheinen. Durch diesen satirischen Rahmen bereitet der cineastische Bürgerschreck seinem durch die Bank gläzenden Ensemble aber die Möglichkeit, schauspielerisch aus dem Vollen zu schöpfen und damit zu untermauern, was Michael Haneke im Interview mit Der Zeit über "Happy End" zu Protokoll gab: "Ich hoffe, dass der Film als die Farce verstanden wird, die er ist."

Muss ich sehen, weil...
...es eine Freude ist, Hanekes großartigem Ensemble beim satirisch angehauchten Demaskieren der bürgerlichen Fassade zuzusehen.

Für Fans von...
...Michael Hanekes "Liebe" (2012) und "The Party" von Sally Potter.

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