Kino-Event der Woche: "Simpel"

In Markus Gollers tragikomischem Roadmovie erleben David Kross und Frederick Lau als symbiotisches Brüderpaar eine herzergreifende Großstadt-Odyssee.

Dass die Tragikomödie "Simpel" (Kinostart: 9. November) auf dem diesjährigen Filmfest Hamburg ihre Deutschlandpremiere gefeiert hat, kommt nicht von ungefähr. Denn Regisseur Markus Goller ("Frau Ella") und sein Drehbuchautor Dirk Ahner haben den gleichnamigen und 2008 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Roman der Französin Marie-Aude Murail nicht nur in ein herzergreifendes Lehrstück über problematische Familienbande verwandelt, sondern auch in eine filmische Liebeserklärung an die Hansestadt im hohen Norden.

Darum geht's in "Simpel"

Barnabas (David Kross) ist 22 Jahre alt und geistig behindert. Bruder Ben (Frederick Lau) kümmert sich liebevoll um seinen "Simpel", doch als ihre Mutter stirbt, wollen die Behörden Barnabas ins Heim einweisen. In einer Panikreaktion fliehen die beiden Brüder aus der norddeutschen Küsteneinöde nach Hamburg. Jedoch nicht, um ein Abenteuer zu erleben, wie Ben Simpel vorgaukelt. Sondern um ihren Vater David (Devid Striesow) ausfindig zu machen, der 15 Jahre zuvor die Familie im Stich gelassen hat, aber der einzige ist, der die Behördenentscheidung revidieren könnte...

Trailer zu "Simpel" (Kinostart: 9.11.2017)

GOKA-Wertung

Außer auf ihren verantwortungsflüchtigen Erzeuger trifft das symbiotische Brüderpaar auf ihrer turbulenten Großstadt-Odyssee noch auf so unterschiedliche Charaktere wie die Medizinstudentin Aria (Emilia Schüle, GOKA-Nachwuchspreisträgerin 2014), den einfühlsamen Sanitäter Enzo (Axel Stein) sowie die großherzige Hure Chantal (Annette Frier), die alle auf ihre Art Ben mit der zentralen Frage des Films konfrontieren: Wie weit dürfen Pflicht- und Verantwortungsgefühl gehen, bis aus inniger Brüderliebe ungesunde Selbstaufopferung wird?

Denn auch wenn die eine oder andere Spaßeinlagen etwas schlicht daherkommt, weiß "Simpel" als ausgefeilte und respektvolle Parabel zu überzeugen, in der ohne allzu platte Rührseligkeit oder billigen Feelgood-Schmalz die Belastungen aber auch die Freuden eines Familienlebens mit Behinderung thematisiert werden. Für diesen lebensnahen Touch zeichnet auch und vor allem David Kross verantwortlich, der seinen geistig behinderten Barnabas nicht als exzentrische Spiegelfläche für die anderen Darsteller, sondern als eigenständiges Individuum präsentiert – und dabei preisverdächtig auf den schauspielerischen Spuren von Leonardo DiCaprio in "Gilbert Grape - Irgendwo in Iowa" (1993) wandelt.

Muss ich sehen, weil...
...David Kross und seine "Simpel"-Co-Stars den schwierigen Spagat zwischen bedrückendem Mitgefühl und ausgelassener Lebensfreude mit Bravour meistern.

Für Fans von...
...Fatih Akins "Tschick" und Ralf Huettners "Vincent will Meer" (2010)

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