Kenneth Branagh macht auf Hercule Poirot

Zum Kinostart von "Mord im Orient-Express" am 9. November trafen wir den Mann zum Gespräch, der als Regisseur und Hauptdarsteller Agatha Christies Krimi-Klassiker neues Leben einhauchen will.

43 Jahre nachdem Regisseur Sidney Lumet mit einem Staraufgebot um Lauren Bacall, Sean Connery und Oscar-Preisträgerin Ingrid Bergman Agatha Christies "Mord im Orient-Express" in einen Kino-Bestseller verwandet hat, tritt Kenneth Branagh mit einem nicht minder stargespickten Reboot an. Und damit nicht genug: Der 56-jährige Brite übernahm auch gleich die Hauptrolle des belgischen Meisterdetektivs Hercule Poirot, dem bekanntlich zwei Dinge besonders wichtig sind: sein gepflegter Schnauzbart und sein guter Name...

Kenneth Branagh im Video-Talk zu "Mord im Orient-Express"

Darum geht's in "Mord im Orient-Express"

Der belgische Meisterdetektiv Hercule Poirtot (Kenneth Branagh) reist im luxuriösen Orient-Express von Istanbul nach London. Zu seinen Mitreisenden zählen so illustre Personen wie die russische Prinzessin Natalia Dragomiroff (Judi Dench) nebst Dienstmädchen Hildegard Schmidt (Olivia Colman), die vulgäre Amerikanerin Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer), Professor Hardman (Willem Dafoe), Missionarin Pilar Estavados (Penélope Cruz) und der windige Ganove Edward Ratchett (Johnny Depp). Als dieser ermordet in seiner Kabine aufgefunden wird, kommt es Poirot sehr gelegen, dass der Zug auf freier Strecke in einer Lawine steckenbleibt und er in aller Seelenruhe die Verdächtigenschar verhören kann. Schließlich muss sich der Mörder noch an Bord befinden...

Trailer zu "Mord im Orient-Express" (Kinostart: 9.11.2017)

Warum er ausgerechnet diesen Agatha-Christie-Klassiker neuverfilmen wollte, mit welchen Mittelchen er Stress im Keim erstickt und was das Besondere an seinem monströsen Poirot-Moustache ist, verrät Kenneth Branagh im GOKA-Interview...

Interview mit Kenneth Branagh

GOLDENE KAMERA: In diesem Film haben Sie Regie geführt und die Hauptrolle gespielt. Sind Sie von Natur aus gut in Sachen Multitasking?

KENNETH BRANAGH: Multitasking gehört heutzutage zum täglichen Leben. Unser Gehirn muss Unmengen an Information verarbeiten und hat sich dementsprechend der modernen Welt angepasst. Um dabei nicht den Verstand zu verlieren, muss man einen Weg finden, das Multitasking zu genießen. Mein Motto dafür lautet: arm an Zeit, aber reich an Momenten. Ich freue mich also an den kleinen Dingen, wie etwa ein erfrischender Espresso mit Honig. Letzteres – im Gegensatz zu normalem Zucker – dient gleichzeitig auch als Gehirnnahrung. Ich schlage also zwei Fliegen mit einer Klappe und gewinne 45 Sekunden an inneren Frieden (lacht).

Außer Espresso – welche anderen Hilfsmittel hatten Sie noch, um diesen Doppel-Job zu meistern?

Ich hatte ein phantastisches Stand-In-Double namens Michael Rouse. Er ist ein ausgezeichneter Schauspieler, der auch eine Rolle in "Mord im Orient-Express" hat. Er hat mich ersetzt, wenn ich hinter der Kamera stand aber Poirot vor der Kamera sehen wollte. Und ich bin täglich einfach ein bisschen früher als sonst aufgestanden, damit ich trotz Doppelbelastung kurz meditieren konnte. Denn Meditation ist die beste Medizin gegen Stress.

Im Film beobachten wir 16 Menschen auf einer Reise. Wie gut sind Sie im Kofferpacken?

Ich wünschte, ich wäre ein besser organisierter Reisender. Meine Frau hat schon eine Woche vor Reisebeginn alles vorbereitet, aber ich bin selbst fünf Minuten vor Reisebeginn immer noch nicht fertig und schmeiße einfach unkoordiniert Klamotten in den Koffer. Das Resultat ist dann, dass ich meistens etwas Wichtiges vergesse. Aber all das verdirbt mir nicht meine Freude am Reisen. Ob per Bahn, Flugzeug oder Schiff – meine Begeisterung für weltliche Abenteuer kennt keine Grenzen. Ich kann mich sogar an Flugzeug-Essen erfreuen! (lacht)

Welche Rolle haben Sie zuerst besetzt?

Judi Dench. Ich bat ihr die Rolle der Prinzessin an und noch bevor ich meine Frage beenden konnte, hatte sie schon zugesagt. Sie wurde zu meinem Talisman und zum Vorbild für ihre Kollegen. Obwohl sie Probleme mit ihrem Augenlicht hat, kam nie eine Beschwerde über ihre Lippen. Und sie behandelte alle gleich, egal wie wichtig deren Rolle oder Job am Set war. Einen solchen Polarstern im Team zu haben, ist besonders wichtig, wenn man 16 Schauspieler mit 16 Make-Up Künstler und 16 Kostüm-Assistenten koordinieren muss.

Warum haben Sie sich diesen Agatha-Christie-Roman zur Neuverfilmung ausgesucht?

Die Originalverfilmung von 1974 hatte mich tief bewegt. Und dank dieses Films habe ich Sidney Lumet kennen gelernt, den ich sehr verehre. Sein Buch "Filme machen" gilt als Bibel für jeden, der Regisseur werden will oder verstehen möchte, wie Filme entstehen. Und von allen Agatha-Christie-Romanen ist "Mord im Orient-Express" die Geschichte, die am besten zu mir passt. Ich finde die Idee, mit dem Zug durch die Nacht zu reisen, sehr romantisch. Dass sich Menschen, die sich total fremd sind, auf so engem Raum begegnen, ist zugleich betörend und mysteriös.

Originaltrailer zu "Mord im Orient-Express" (1974)

Wie misstrauisch sind Sie selbst? Steckt in Ihnen ein kleiner Detektiv?

Mein Instinkt ist es eher, Menschen zu vertrauen. Ich finde Menschen einfach faszinierend und je mehr Geheimnisse sie haben, desto interessanter sind sie. Ich glaube fest daran, dass die Welt grundsätzlich gut ist, auch wenn wir manchmal Grund haben, uns zu misstrauen. Ich bin eben ein Optimist. Und Optimisten leben länger! Das ist wissenschaftlich erwiesen (lacht).

Was oder wer ist wichtiger: Poirot oder sein Schnurrbart?

Für Poirot ist der Schnurrbart wichtiger als er selbst. Und er schämt sich nicht einmal dafür. Deswegen wollten wir einen Schnurrbart, den es bisher noch nie in einem Film zu sehen gab: größer aber natürlich denn je, und ohne Wachs. Wir wollten dem Zuschauer das Gefühl geben, dass der Schnurrbart das Zimmer vor Poirot betritt (lacht). Poirot ist ein Einzelgänger und liebt die Isolation. Der Schnurrbart ist also gleichzeitig Abschreckung und eine Maske, hinter der er sich verstecken kann.

Clip aus "Mord im Orient-Express" (2017)

Wie viel Belgier steckt in Ihnen?

Ich liebe Schokolade! Und ich liebe die "Tim & Struppi"-Comics (lacht). Im Städtchen Spa, aus dem Poirot laut Agatha Christie stammt, war ich allerdings noch nie.

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