GOKA-Nominierte im Gespräch: Jutta Hoffmann

GOKA-nominiert als "Beste deutsche Schauspielerin": Jutta Hoffmann (75)
GOKA-nominiert als "Beste deutsche Schauspielerin": Jutta Hoffmann (75)
Foto: © picture alliance/Geisler-Fotopress
Was denken die Nominierten der GOLDENEN KAMERA 2017 selber über ihre preisverdächtige Performance? Wir haben bei Jutta Hoffmann ("Ein Teil von uns") nachgefragt.

Nach vierjähriger Leinwand- und Fernsehabstinenz kehrte DEFA-Ikone Jutta Hoffmann 2016 in einem großen Schauspielerinnenfilm ins Rampenlicht zurück. Im ebenfalls für eine GOLDENE KAMERA nominierten TV-Drama "Ein Teil von uns" spielt Hoffmann die psychisch kranke und obdachlose Alkoholikerin Irene, die plötzlich wieder auf der Bildfläche auftaucht und das Leben von Tochter Nadja (Brigitte Hobmeier) in ein existentielles Chaos stürzt.

Für unsere Experten-Jury ein klarer Fall: "Verstörend schonungslos legt Jutta Hoffmann jede Facette dieser Frau frei und lässt ihr doch ihre Würde". Eine bravouröse Schauspielleistung, die beinahe nicht zustande gekommen wäre – wie uns die 75-jährige Nominierte im exklusiven Gespräch verrät...

Jutta Hoffmann im GOKA-Interview

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie von der Nominierung für die GOLDENE KAMERA gehört haben?

Ehrlich gesagt: Ich war sprachlos! Ich bin ja nicht mehr im Kino oder Fernsehen in Erscheinung getreten und dann entscheide ich mich einmal für ein Buch und prompt gibt es eine Nominierung für die GOLDENE KAMERA – unglaublich.

Ihre lange Kamera-Abstinenz haben Sie einmal mit dem "mangelnden Interesse der Filmemacher" an respektablen Rollen für Schauspielerinnen ihrer Generation begründet. Warum konnten Sie zur Rolle der Irene/Wanda einfach nicht Nein sagen?

Das ist ein bisschen kompliziert. Bei Schauspielerinnen meiner Generation sind die Positionen überwiegend mit Darstellerinnen besetzt, die in der anderen Hälfte des Landes groß geworden sind. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich beim Lesen des Buches dachte: Da ist was dran! Dann habe ich mich mit Regisseurin Nicole Weegmann getroffen, war danach aber wieder am Zweifeln und habe gedacht: Vielleicht lieber doch nicht. Dann haben mir aber alle zugeredet – meine Familie, Nicole, Anna und die wunderbare Produzentin Kerstin Schmidbauer. So habe ich angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Eine Freundin hat mir geraten, zur Vorbereitung ein Psychose-Seminar zu besuchen. Dann habe ich mich mit einer Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt getroffen, von der ich erfahren habe, wie es sich mit der Obdachlosigkeit verhält. Ob diese Menschen tatsächlich obdachlos sein müssen oder freiwillig keine Wohnung haben wollen. Oder wie hoch der Anteil derjenigen ist, die froh sind, dass man sich um sie kümmert. Dann haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wer die Tochte spielen könnte. Wir haben uns dann für die großartige Brigitte Hobmeier entschieden. So hat sich peu à peu alles konkretisiert.

Darf ich nachfragen, warum Sie zunächst gezweifelt haben? Nach bestimmt zahllosen Angeboten für Großmütterrollen in eskapistischen 'Heile Welt'-Komödien muss diese lebensechte Rolle doch wie ein Lottogewinn gewirkt haben.

Ich habe anfänglich gezweifelt, weil so etwas ja auch schief gehen kann. Wenn die Mitarbeiter so eine Figur nicht richtig verstehen, kann sie leicht zu einem Vehikel werden. Zum bloßen Vehikel für die Geschichte der Tochter, die unglücklich durch die Gegend taumelt, weil die Mutter so blöd und krank ist. Ich habe gezweifelt, wir das richtig hinkriegen.

Wie tatkräftig haben Sie daran mitgewirkt, dass Ihre Rolle der Irene/Wanda jetzt so eigenständig hervortritt?

Das war eine Gemeinschaftsleistung. Ich war gut vorbereitet und wusste, was ich unbedingt erzählen will. Ich wollte zeigen, dass so eine Mutterfigur aus der Wirklichkeit kommt. Es geht mir noch immer so, dass mich Leute auf der Straße auf diese Rolle ansprechen: "Wir haben Sie so lange nicht gesehen, aber das war wirklich toll!" Und viele sagen dann: "Kenne ich! Habe ich in meiner Verwandtschaft oder näheren Bekanntschaft auch." Leute, die auf so eine Weise krank sind, haben keine Lobby.

Sie deuten es selber an: "Ein Teil von uns" legt den Finger in die soziale Wunde, dass wir reflexhaft bei Menschen den Blick abwenden, die durch das soziale Sicherheitsnetz gerutscht und hilfsbedürftig sind. Inwiefern hat es Ihre Darstellung beeinflusst, dass Sie mit Irene/Wanda nicht nur ein individuelles Schicksal, sondern quasi das personifizierte schlechte Gewissen unserer Gesellschaft verkörpern?

Wenn Sie das so sagen wollen – unbedingt! Dieser Gedanke war ganz zentral. Das finde ich am spannendsten – eine Figur oder eine Geschichte zu erzählen, die einen trifft und die man nicht so schnell vergisst. Eine Sache, die einen bewegt, weil man weiß oder ahnt, dass sie so in der Wirklichkeit existiert. Bei dem Psycho-Seminar habe ich beispielsweise erfahren, dass Leute lernen können, mit so einer Krankheit umzugehen. Es gibt Leute, die damit umgehen können. Und es gibt Leute, die damit sehr geschlagen sind und ihre Angehörige verzweifeln lassen. Die Therapeuten sagen, man muss mit solchen Menschen reden. Man muss ihnen zuhören und besorgen, was sie brauchen. Ich dachte: All das könnte ich als 'dramaturgischen Schub' nehmen. Dass die Mutter einfordert, dass man sich um sie kümmert. Damit bekam die Geschichte so einen besonderen Drive.

Sie sind eine höchst erfahrene Schauspielerin, trotzdem hat Ihre – wie unsere Jury hervorhob – "verstörend schonungslose" Darstellung einer psychotischen Alkoholikerin, der jeglicher Filter fehlt, überrascht. Wieviel Überwindung hat es Sie gekostet, quasi aus dem Stehgreif schauspielerisch wieder derart an die Grenzen zu gehen?

Genau das ist der 'Witz' an der Krankheit, dass den Betroffenen jeder Filter fehlt. Das darzustellen hat keinerlei Überwindung gekostet – gar nicht. Wenn ich loslegen musste, haben mich alle unterstützt. Und die Klamotte ist doch auch so toll! Die ganze Zeit rennt sie in dieser Klamotte rum und dann sieht man sie plötzlich in diesem Unterrock! Im Nachhinein bin ich noch von mir selber begeistert! (lacht)

Man kann also sagen, dass Ihnen die Rolle trotz aller lebenswirklichen Tragik auch richtig Spaß gemacht hat?

Sie haben ja schon gesagt, dass diese Figur keinen Filter hat. Und das ist natürlich für eine Schauspielerin wunderbar! Da kann die ganze Wut raus. (lacht)

Sie haben jahrelang an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg als Professorin für darstellende Kunst gelehrt. Wie bringt man dem Schauspielnachwuchs bei, die eigene Schamhaftigkeit zu Gunsten einer Rolle derart abzulegen?

In einem Artikel über mich steht, dass ich mich in meine Figuren verliebe. So ist es auch. Außer technischen und methodischen Aspekten ist natürlich der wichtigste Punkt, dass man eine Ansicht und eine Absicht braucht. So sagt es Berthold Brecht: Ohne Ansicht und ohne Absicht ist kein Blumentopf zu gewinnen! Und das kann man versuchen, jungen Schauspielern beizubringen.

Wie ist es denn in Ihren Augen um den deutschen Schauspielnachwuchs bestellt? Die GOLDENE KAMERA vergibt ja jedes Jahr einen Nachwuchspreis und hat dabei auch in den letzten Jahren vielversprechende Talente ausgezeichnet.

Natürlich versuchen alle, gut zu sein, aber da müssen viele Faktoren zusammen kommen. Wenn man beispielsweise schlecht fotografiert wird, dann kommt das Spiel nicht so eindrucksvoll rüber, wie man es eigentlich sehen wollte. Man kann sagen: Jede Generation, auch die aktuelle, sucht ihren Weg. Einige von den Jungen sehe ich richtig gerne. Wir haben den Vorteil des Alters, das ist auch was, aber Jugend – das ist schon toll.

"Ein Teil von uns" wurde im letzten Jahr von der Presse als Ihr 'Comeback' gefeiert. Wie ist es denn um spannende neue Rollenangebote bestellt?

Na ja.

Interview: Alexander Attimonelli

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