Blutige Geschichtsstunde: Doku-Serie "Aufstand der Barbaren"

Was wir bereits wissen
Tod den Tyrannen! Für seine brutalen Invasionen zahlte das Römische Reich grausamen Blutzoll. GOLDENE KAMERA war exklusiv am Set der History-Serie "Aufstand der Barbaren".

Skeptisch begutachtet Regisseur Declan O'Dwyer das Forum Romanum. "Mehr Blut!", fordert er. Beflissen huscht ein ganzer Trupp mit Sprühflaschen bewehrter Maskenbildner hinter Stativen, Kameras und Nebelmaschinen hervor. Ein paar Spritzer hier, einige Pinselschwünge dort - und schon erinnert das Herz des alten Roms an einen Schlachthof.

Zwischen den Kunstblutpfützen und zerborstenen Schilden mühen sich zwei Dutzend Statisten in Römeruniform, passable Legionärsleichen abzugeben. Keine leichte Aufgabe, denn über die Nu Boyana Film Studios in der Nähe von Bulgariens Hauptstadt Sofia fegen eisige Windböen. Doch O'Dwyer hat keine Zeit zum Frieren. Er arbeitet am "Aufstand der Barbaren" (8 Folgen, ab 9. September täglich, 22.00 Uhr, History) mit, einem der ambitioniertesten TV-Projekte des US-Senders History: acht recht aufwendig inszenierte Geschichtsstunden voll Schlachtgetümmel und Schwertergeklirre. Die Event-Doku-Serie zeigt den Niedergang des Römischen Reichs erstmals aus Sicht jener Menschen, die die Römer verächtlich "Barbaren" schimpften - rohe Fremdlinge ohne Bildung und Kultur.

Was trieb die "Wilden" zur Revolte? Hass, Rache, Verzweiflung? Oder Freiheitsliebe? Waren am Ende gar die Römer die wahren Barbaren? Drei Rechercheure ackerten sich auf den Spuren der bedeutendsten Rädelsführer - von Hannibal über Spartakus bis zum Vandalenkönig Geiserich - rund 15 Monate Lang durch etwa 700 Jahre römische Geschichte. Eine mühselige Detektivarbeit, die meisten Stämme hinterließen keine Schriften. Aber sich deshalb allein auf die römischen Quellen verlassen? "Keinesfalls!", so die History-Experten. Und so wurden Archäologen, sogar Fachleute der US-Armee und Bürgerrechtler wie Pastor Jesse Jackson interviewt, um die Motive der einstigen Aufrührer zu ergründen.

Über die Kosten der internationalen Großproduktion hüllt sich der Sender in Schweigen. Doch die Zahlen sprechen für sich. 234 Filmschaffende sind vor und hinter der Kamera im Einsatz, in die Rollen der neun Rebellen schlüpfen bekannte TV- und Kinogesichter wie Nicholas Pinnock (Hannibal), Steven Waddington (Fritigern) oder der "Black Sails"-Adonis Tom Hopper (Arminius).

Gleich mehrere Szenen werden parallel im Nu-Boyana-Areal gedreht, auf dem Filme wie "Syriana" und "London Has Fallen" entstanden. Während sich der just eingeflogene Richard Brake, bekannt als Nachtkönig aus "Game of Thrones", auf den Part des Vandalenherrschers Geiserich vorbereitet, macht sich am Forum-Romanum-Set der irische Schauspieler Gavin Drea für seinen zweiten Mord warm. An diesem Vormittag hat er als Gotenkönig Alarich bereits einen Zenturio ins Jenseits befördert, gleich muss noch ein Senator dran glauben. "Mehr Nebel, bitte. Und go!", sagt O’Dwyer. Drea zückt den Dolch und sticht zu, nach zwei Anläufen ist die Szene im Kasten. Danach ist Rom erobert und Dreas Tagwerk erfüllt. Die "Leichen" zu seinen Füßen reiben sich verstohlen die Hände, um die Kältestarre aus den blutbespritzten Gliedern zu vertreiben.

Der Regisseur steht unter Zeitdruck, alle Produktionsabläufe sind präzise getaktet. Zwölf Wochen klirren die Schwerter, fliegen Pfeile, Äxte, Speere, danach macht sich ein 25-köpfiges CGI-Team der Londoner Postproduktions-Firma Coffee & TV an die Feinarbeit. Die zwölf gigantischen Schlachten entstehen weitgehend am Computer. So lassen die britischen Pixel-Künstler etwa in der Schlacht von Cannae Hannibals 59.000 Kämpfer auf 80.000 römische Legionäre los, kreieren eine imposante Vogelperspektive auf Spartakus' 100.000-köpfige Sklavenarmee. Auch der Speerregen, der auf den Streitwagen von Keltenkönigin Boudicca niederprasselt, kommt aus dem Hochleistungsrechner.

Das bedeutet jedoch nicht, dass im "Aufstand der Barbaren" kaum Handarbeit stecken würde. 77 Darsteller wurden für die Reihe verpflichtet, darüber hinaus kassieren täglich bis zu 45 Statisten und Stuntreiter am Set (Film-)Prügel. Und weil dabei einiges zu Bruch geht, wird hinter den Kulissen im Akkord geflickt, gehämmert, geleimt. Rund 80 Speere und Schwerter würden pro Tag benötigt, schätzt Richard Touch, während er einen lädierten Schild repariert. Stolz öffnet der mit einem Emmy nominierte Produktionsdesigner seine Waffenkammer und präsentiert fein gearbeitete Helme, Panzer, Kurzschwerter. "Alles nach historischen Vorgaben gefertigt." Ob beim täglichen Hauen und Stechen bislang jemand zu Schaden gekommen ist? "Nö, nix passiert", sagt Touch. Nur das künstliche Blut sei schon mal ausgegangen.

Wer ein paar Meter weiter zur Forum-Romanum-Kulisse läuft weiß, warum. "Ich war selbst überrascht, wie viele Zehntausende Opfer diese Aufstände gefordert haben", sagt ein ausnehmend friedlicher Gavin Drea später im Catering-Zelt. Hat "Aufstand der Barbaren" den höchsten Leichenberg, den je eine Serie des History Channels angehäuft hat? Kristen Burn, Ausführende Produzentin, muss passen: "Wir haben die Toten nicht gezählt, es sind einfach zu viele."

Und während sich die "Legionärsleichen" endlich an Gulaschkanonen wärmen, schleppen Set-Runner im Hintergrund bereits neue Plastikkanister mit rot schimmernder Flüssigkeit ins antike Rom. Schließlich soll nicht wieder das Kunstblut ausgehen.

Text: Angela Zierow

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