Im Gespräch mit "Club der roten Bänder"-Mitglied Ivo Kortlang

"Club der roten Bänder"-Star und GOKA-Talent Ivo Kortlang (22) © VOX/Marie Schmidt
In der "Rosa Roth"-Episode "Der Fall des Jochen B." gibt der damals 12-jährige Ivo Kortlang 2008 als Pedros seinen TV-Einstand © ZDF
Die Geburtsstunde des Schauspielers Ivo Kortlang: die Rolle des Pixi in "Ameisen gehen andere Wege" (2011) © ZDF/Alex Trebus
Als Jaromir versucht Ivo Kortlang in "Doktorspiele" vergeblich, bei Lisa Vicari auf Tuchfühlung zu gehen © 20th Century Fox
Als Ole Schmüll gibt Ivo Kortlang (l.) in Detlev Bucks "Bibi & Tina: Voll verhext!" (2014) seinen Familienfilm-Einstand © DCM
In der Krimi-Komödie "Die Kleinen und die Bösen" (2015) bietet Ivo Kortlang als Ivic Schauspielschwergewicht Peter Kurth Paroli © Movienet
Der Durchbruch: Als autistisch veranlagtes "Club der roten Bänder"-Mitglied Toni spielt sich Ivo Kortlang 2015 in die Herzen der Fans © VOX
Nach dem Erfolg der ersten Staffel gern gesehene Rote-Teppich-Gäste: Ivo Kortlang und seine "Club der roten Bänder"-Kollegen Tim Oliver Schultz, Nick Julius Schultz und Damian Hardung © Andreas Rentz/Getty Images
Eine neue Facette des Schauspielberufs: Ivo Kortlang mit Mirja du Mont und Detlef Steves zu Gast bei "Grill den Henssler" © VOX
Aufmarsch zur 2. "Club der roten Bänder"-Staffel (v.l.n.r.): Alex (Timur Bartels), Jonas (Damian Hardung), Hugo (Nick Julius Schuck), Toni (Ivo Kortlang), Emma (Luise Befort) und Leo (Tim Oliver Schultz) © VOX/Martin Rottenkolber
Was wir bereits wissen
Die meisten kennen Ivo Kortlang als Toni in der Erfolgsserie "Club der roten Bänder". In unserer Rubrik 'GOKA-Talents' stellen wir den 22-jährigen Mann hinter der Rolle vor.

Seit dem 7. November geht immer montags um 20.15 Uhr auf VOX eine Erfolgsgeschichte weiter, mit der im Vorfeld kaum einer gerechnet hatte. Die Eigenproduktion "Club der roten Bänder", die auf dem autobiografischen Bestseller des Spaniers Albert Espinosa basiert und mit Fernsehpreisen überhäuft wurde, erzählt die Geschichte von einer Gruppe krebskranker Jugendlicher, die im tristen Klinikalltag ein besonderes Band der Freundschaft knüpfen. In der zweiten Staffel gibt es jetzt ein Wiedersehen mit Leo, Jonas, Alex, Emma, Hugo und Toni, die angesichts voranschreitender Heilungen erleben müssen, dass ihre innige Leidensgemeinschaft auseinander zu brechen droht...

Trailer zur 2. Staffel von "Club der roten Bänder"

Ivo Kortlang im Portrait

Dass Ivo Kortlang in der anspruchsvollen Rolle des unter einer milden Ausprägung des Asperger-Syndroms leidenden "Club der roten Bänder"-Mitglieds Toni Vogel unter Beweis stellt, wie man mit zurückgenommenen Spiel große Schauspielwirkung entfaltet, haben wir Mozarts "Zauberflöte" zu verdanken. Denn obwohl der 1994 geborene Berliner jede freie Kindheitsminute vor dem heimischen Röhrenfernseher verbrachte, war das darstellende Spiel nichts, was sich Klein-Ivo als Lebensinhalt vorstellen konnte. Das änderte sich, als der damals 11-Jährige in einer Aufführung seiner Waldorfschule ins Federkleid des Papageno schlüpfte und danach von einer Freundin, die bei "Die wilden Hühner" mitgespielt hatte, ermutigt wurde, es doch mal mit der Schauspielerei zu versuchen. Also meldete ihn seine Mutter in einer Komparsenagentur an, über die er 2007 für den Studentenabschlussfilm "Sara" gecastet wurde. Regisseurin Basia Baumann erkannte Ivos Potential und vermittelte ihn an eine richtige Schauspielagentur. Mit dem Ergebnis, dass der Schüler dank einer Sondergenehmigung auch vor der Kamera einen Lernprozess durchlaufen konnte, dessen Stationen von kleinen Episodenauftritten in etablierten TV-Formaten wie "Soko 5113" oder "Großstadtrevier" bis zu markanten Nebenrollen in Kinofilmen wie "Doktorspiele" (2013) oder "Bibi & Tina: Voll verhext!" (2014) reichten.

Zu seiner Durchbruchrolle in "Club der roten Bänder" musste Ivo indes von seiner Agentin überredet werden. Als ihn das Angebot erreichte, verbrachte der frischgebackene Abi-Absolvent eine soziale Auszeit in Palästina und brachte dem Projekt aus der Ferne zunächst gesunde Skepsis entgegen. Schließlich gab es im deutschen Fernsehen schon genug Krankenhausserien und für eigene Fiction-Formate war VOX zu diesem Zeitpunkt auch nicht gerade bekannt. Nach vielversprechenden Vorgesprächen mit den Serienmachern buchte der erfahrungshungrige Jungmime, der derzeit neben Katharina Schüttler und Benno Fürmann für die Coming-of-Age-Komödie "Ellas Baby" von Helmut-Dietl-Sohn David vor der Kamera steht, dann aber doch einen früheren Rückflug. Eine Entscheidung, die nicht nur im Hinblick auf die schauspielerische Herausforderung goldrichtig war, wie der 22-Jährige im Gespräch mit der GOLDENEN KAMERA deutlich macht: "Eine Kollegin sagte mir letztens: 'Es gibt immer ein bestimmtes Projekt, mit dem man den ersten großen Erfolg hatte und an das sich die Leute immer erinnern werden.' Ich bin unglaublich dankbar, dass es bei mir 'Club der roten Bänder' war, weil die Serie eine Message raussendet, die vor allem bei Betroffenen Anklang findet."

Ivo Kortlang im Interview

Was hat Dich ursprünglich an der Schauspielerei gereizt und wie hat sich diese Begeisterung über die Jahre verändert?

Eine wunderschöne Frage. Wenn ich ehrlich zu mir selber bin, war die Schauspielerei am Anfang einfach nur da. Ich habe das einfach gemacht und war mit dem Herzen noch gar nicht richtig dabei. In der Schule war Biologie voll mein Ding und das einzige Fach, in dem ich gerne Hausaufgaben gemacht habe. Also dachte ich: Nach dem Abitur werde ich Biologie studieren. Während des Abis habe ich aber recht viel gedreht und gemerkt, wie unglaublich viel Spaß mir das macht. Geschichten erzählen ist etwas Wunderschönes, denn Menschen versammeln sich, um sich gemeinsam Geschichten anzuschauen, gemeinsam zu lachen, gemeinsam zu weinen.

Wie hat sich diese Erkenntnis auf Dein Schauspielverständnis ausgewirkt?

Damals hat bei mir eine Entwicklung eingesetzt, die bis heute fortdauert: Ich bin interessiert an Wahrhaftigkeit. Es ist mir enorm wichtig, in den Rollen eine Wahrhaftigkeit zu finden. Herauszufinden, warum sie die Dinge, die sie tun, wirklich tun. Oft erscheint das so irrational und oberflächlich. Das machen wir Menschen und auch Schauspieler ja unglaublich gerne, einfach ein Klischee reinzuhauen. Das trifft aber in den wenigsten Fällen den Punkt. Da ist immer eine tiefere, wahrhaftigere Ebene. Und das herauszufinden und in der Vorbereitungszeit daran zu knobeln, wofür meine Rolle kämpft, führt zu einer unglaublichen Liebe und Verbundenheit zu der Figur. Kurz gesagt: Meine Einstellung zur Schauspielerei hat sich total verändert. Sie ist mein Leben geworden.

Welche drei Rollen vor dem Durchbruch mit "Club der roten Bänder" waren für Dich rückblickend besonders bedeutend und warum?

Für mich sind rückblickend die Rollen bedeutend, bei denen ich immer mehr gemerkt habe, dass die Schauspielerei meine Passion ist. Angefangen hat es 2010 mit meiner ersten größeren Rolle im Kinofilm "Ameisen gehen andere Wege". Da habe ich zum ersten Mal verstanden, was es bedeutet, eine Figur zu kreieren. Damals war ich 16 Jahre und in einem Alter, in dem Du eigentlich noch gar nicht richtig reflektierst. Aber hier war ich dazu quasi gezwungen und das war extrem spannend. Denn dann kommt es zu ganz vielen Aha-Momenten: "Ach krass, so funktionieren Menschen!" Damals hatte ich die erste richtig bewusste Verbindung zu einer Rolle.

Das erste Mal, dass ich bei einer Rolle richtig in die Tiefe gegangen bin, war "Von jetzt an kein Zurück". Meine Rolle sieht sich in einem dieser total autoritären Jugendheimen der 1960er Jahre dem Prinzip "Survival of the fittest" ausgesetzt und muss extreme Dinge tun, um sich über Wasser zu halten. Das war das erste Mal, dass ich mich mit so einem krassen Schicksal emotional auseinandersetzen musste und abends völlig fertig nach hause gekommen bin. Diese erstmalige Konfrontation mit richtig essentiellen Dingen hat mich überrascht, aber gleichzeitig habe ich gemerkt: Das liegt mir total. Damals habe ich zum ersten Mal versucht, die Wahrhaftigkeit zu finden, von der wir vorhin gesprochen haben. Ich glaube, diese Rolle hat mich an den Punkt gebracht, an dem ich im Moment gerade bin.

Trailer zu "Von jetzt an kein Zurück" (2014)

Die letzte Rolle vor "Club der roten Bänder" war "Bibi & Tina". Dazu muss ich sagen: Egal ob es jetzt eine Komödie oder ein Kinderfilm ist – jeder Mensch und damit auch jede Rolle hat etwas, wofür er kämpft, hat tiefe Ängste und tut Dinge, um am Ende des Tages besser schlafen zu können. Da hatte ich das Vergnügen, mit Detlev Buck zu drehen und es war total spannend zu sehen, dass es da nicht nur um Jux und Dollerei ging, sondern auch diese Leute mit echt großen Dingen konfrontiert sind. Da habe ich auch das erste Mal mit einem Coach zu tun gehabt und erlebt, wie bereichernd es ist, wenn man noch einmal mit einem anderen über die eigene Rolle reflektiert.

Mini-Feature zu "Bibi & Tina: Voll verhext!" (2014)

Wie befremdlich oder bereichernd ist es für Dich, vor der Kamera Coming-of-Age-Rollen zu spielen, während Du selber noch in dieser Lebensphase steckst?

Ein Freund und guter Kollege sagt immer: "So what, benutze es!" Wenn bei einer Rolle Dinge auftauchen, die ich an mir selber sehe, lautet daher meine Devise: gnadenlos mit reinlegen! (lacht) Ich spiele meistens Jugendliche zwischen 16 und 18 und meistens Rollen, bei denen so eine latente Unsicherheit mitschwingt. Das fällt mir mittlerweile schwer, muss ich gestehen. Ich bin jetzt 22 und mir immer sicherer, in dem, was ich tue und auf welche Ziele ich hinarbeite. Diese Sicherheit muss ich immer wieder knacken und loslassen. Das ist eher ein Hindernis, das es immer wieder abzubauen gilt.

Kommen wir zu "Club der roten Bänder". Was erwartest Du Dir von der zweiten Staffel?

Ich würde mich einfach total freuen, wenn die Leute wieder genauso begeistert mit dabei sind und unserer Geschichte folgen. Für mich geht es weniger darum, ob jetzt auch die zweite Staffel wieder so erfolgreich wird. Diese Angst habe ich nicht, denn ich habe das Gefühl, dass wir etwas Gutes abgeliefert haben. Aber ich bin gespannt, ob wir die Leute damit wieder erreichen können. Und wenn das passiert, ist mir die Quote egal.

Du hast gesagt, dass Toni eine besondere Rolle ist. Abgesehen vom Autismus und von seiner telepathischen Begabung – was ist schauspielerisch das Besondere an ihm?

Tonis Entwicklung ist ein absoluter Gegenpol zu den anderen Club-Mitgliedern. Am Anfang ist er total am Struggeln, mit existentiellen Ängsten konfrontiert und weiß nicht wohin mit sich. Aber das wird über die Zeit immer besser. Bei den anderen ist es genau umgekehrt. Den geht es am Anfang richtig gut und dann geht es richtig runter. Diesen Gegenpol zu spielen, macht großen Spaß, denn Du bist immer in Deinem eigenen Ding drin – vor allem auch bei der Vorbereitung. Mit Toni wird Dir definitiv nicht langweilig! (lacht)

Wie viel Freiheiten hattest Du bei der Weiterentwicklung von Tonis Charakter?

Da hatte ich absolute Freiheit und das weiß ich auch sehr zu schätzen. Wir haben für uns in der ersten Staffel die Rollen gefunden und ihre Eigenschaften und Macken lieben gelernt. Deswegen sind die Regisseure und Drehbuchautoren auch super froh, wenn wir Einwände haben und Anmerkungen machen: "Toni würde das eher so machen oder jenes anders sagen." Ich hatte absolut die Freiheit, die Figur so zu steuern, wie ich das wollte. Und wenn es nicht in das Gesamtkonzept reingepasst hat, ist die Regie natürlich auch gekommen und hat das Ruder übernommen. Es war wirklich eine traumhafte Kollaboration.

Ivo Kortlang verrät, wie es mit "Club der roten Bänder" weitergeht

Inwieweit hat sich Dein Verständnis vom Schauspielberuf nach dem Erfolg der ersten Staffel verändert? Ist das Ruhm-Management mit Facebook-Fangemeinde und Auftritten wie bei "Grill den Henssler" eine spannende weitere Facette oder notwendiges Übel?

Für mich hat sich regelrecht eine neue Welt aufgetan. Und ich muss sagen: Am Anfang hat mir das auch nicht wirklich getaugt, weil ich das alles zu persönlich genommen habe. Das ist ein Fehler, den man nicht machen darf. Man muss immer unterscheiden: Geht es jetzt um Dich als Ivo, oder geht es um den Schauspieler und den Beruf, den Du ausübst. Es ist ein krasses Gefühl, wenn die Leute total an Dir interessiert sind, Du in so eine Show eingeladen oder auf der Straße erkannt wirst. Auf der Frankfurter Buchmesse haben wir letztens die neuen Bücher von Albert Espinosa vorgestellt und wurden auf der Bühne von 300 oder 400 jungen Leute empfangen, die uns wie Popstars gefeiert haben. Ich bin noch dabei, für mich herauszufinden, wie ich richtig damit umgehen soll. Für mich ist es definitiv eine Scheinwelt, auf die man da trifft. Durch diesen Hype habe ich unglaublich viel Respekt vor Leuten wie Matthias Schweighöfer oder Til Schweiger entwickelt, die nicht mehr auf die Straße gehen können, ohne dass sofort eine Traube Menschen an denen klebt. Das stelle ich mir unglaublich kräftezehrend und energieraubend vor, aber gleichzeitig gehört es mit dazu. Ich bin einfach mal gespannt, wo mich die ganze Sache hinträgt, und ich denke, offen zu bleiben und einfach mal zu schauen, wie sich das Ganze entwickelt, ist für mich gerade das Richtige. So ein Hype kann kommen, er kann aber auch ganz schnell wieder gehen. Und dieses Gefühl nicht zur Normalität werden zu lassen, ist – glaube ich – ausgesprochen hilfreich.

Was wären in der Zukunft Traumrollen oder Traumprojekte für Dich?

Ich schaue mir jedes Angebot an und glaube, dass ich in jeder Rolle etwas Tolles für mich finden kann. Ich würde niemals sagen: "Ich möchte nur noch diese oder jene Art von Rollen spielen." Ich hätte aber mal Bock, etwas in den 1920er und 1930er Jahren zu machen, denn das war eine unglaublich spannende Zeit und ein unglaublich geiler Zeitgeist. Das wäre wirklich mal ein Traumprojekt!

Text + Interview: Alexander Attimonelli; Video-Interview: Mike Powelz

Mysteriös wie nie: "American Horror Story: Roanoke"

Foto: obs/Fox Networks Group Germany/American Horror Story: Roanoke / AMERICAN HORROR STORY TM & © 2016 Fox and its related entities. All rights reserved.
"American Horror Story: Roanoke" (ab 3. November, 21.00 Uhr, Fox) schlägt das sechste Kapitel der Kultsaga auf und eröffnet (mindestens) eine neue Dimension des Grauens – aber mit schrecklich vertrauten Gesichtern.
Mehr lesen