Brillant, blutig, lehrreich: Die neue Historienserie "Charité"

Geniale Ärzte, schöne Frauen: Am 21. März zeigt Das Erste die sechsteilige Historienserie über die "Charité", Berlins berühmtestes Krankenhaus.

Man schreibt das Jahr 1888, im Volksmund auch "Dreikaiserjahr" genannt: Im März stirbt 90-jährig Wilhelm I. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich III. erliegt bereits 99 Tage später dem Kehlkopfkrebs, woraufhin dessen unberechenbarer Sprössling Wilhelm II. den Thron besteigt.

In dieser Zeit kolossaler Umbrüche beginnt die Handlung der neuen sechsteiligen Historienserie, die mit einer Doppelfolge im Ersten am 21. März, 20.15 Uhr, startet. Zum TV-Start trafen wir Regisseur Sönke Wortmann und Ida Lenze-Darstellerin Alicia von Rittberg sowie Robert Koch-Darsteller Justus von Dohnányi zum Interview. Sie verraten Details über ihre Rollen, den Dreh und die Ausstattung:

Interview-Feature zu "Charité" (TV-Start: 21.3.2017)

Darum geht's in "Charité"

Im Zentrum: die Charité, Berlins schon damals größtes Krankenhaus. Dort werden Patienten noch ohne elektrisches Licht und fließendes Wasser behandelt, dort arbeiten aber bereits drei spätere Nobelpreisträger: Robert Koch, Emil Behring und Paul Ehrlich. Dieser Kontrast bildet den Rahmen der schon im Vorfeld gefeierten Serie, die neben erstaunlichen Details über die Anfänge der modernen Medizin und ihrer künftigen Größen auch eine packende fiktive Geschichte bietet: ein saftiges Drama um Menschen, die sich ebenso sehr bekriegen wie lieben.

Die mittellose Ida (Alicia von Rittberg) kommt mit akuter Blinddarmentzündung in die Klinik und muss ihre Behandlungskosten anschließend als Hilfswärterin abarbeiten. Das heißt: Böden schrubben und Patienten mit Wundbrand oder Infektionen wie Diphtherie versorgen. Trotz der harten Arbeit erwacht dabei ihre Leidenschaft für Medizin. Einigen Ärzten bleibt ihr großes Talent nicht verborgen, und sie beginnen, Ida zu fördern – obwohl Frauen in der damaligen Zeit kein Recht auf höhere Bildung haben.

Sehr ambivalent ist Idas Verhältnis zum Militärarzt Emil Behring (Matthias Koeberlin): Er unterrichtet die Studenten der Charité in Immunologie und hält dabei gern mal einen blutigen Blinddarm hoch, den er gerade einem verstorbenen Patienten entnommen hat.

Trailer zur Miniserie "Charité"

Zimperlich sein durfte gegen Ende des 19. Jahrhunderts niemand. Beim Operieren wurde beherzt aufgeschnitten und zugepackt – ohne Handschuhe oder Mundschutz. Wenn dabei das Blut spritzte, was oft vorkam, wurde es eben aufgewischt. Da das Hospital noch nicht über Elektrizität verfügte, kamen die Kranken bei Gaslicht unters Messer, nachts auch bei Kerzenschein.

Alicia von Rittberg, die sich vor dem Dreh "ehrlicherweise nicht so sehr mit dem Zeitalter auseinandergesetzt" hatte, findet die Zustände noch immer "unglaublich. Da begreift man, wie dankbar man für heutige Selbstverständlichkeiten sein muss. Eine Blinddarmentzündung war meistens ein Todesgrund, es gab nur eine 20-prozentige Überlebenschance."

Sönke Wortmann drehte in Prag

Kinoregisseur Sönke Wortmann ("Das Wunder von Bern"), der hier zum ersten Mal eine TV-Serie inszeniert, und Kameramann Holly Fink ("Mogadischu") finden grandiose, glaubwürdige Bilder für diesen Mangel. Drei Monate wurde in Prag gedreht, in einem düsteren, unbeheizten Bau, der der unwirtlichen Charité sehr nahe kam.

War Wortmann vor dem Dreh klar, mit welch unfassbar geringen Mitteln früher gearbeitet wurde? "Nein, das hat mich gewundert. Die Charité hat ein medizinhistorisches Museum, wo man alles genau nachschauen kann. Weder war das Röntgen erfunden, noch gab es Antibiotika oder Bluttransfusionen. Was sich in der Medizin getan hat, ist sensationell."

Wortmann, dessen letzte große historische Arbeit der Kinofilm "Die Päpstin" war, ist überzeugt, dass die Epoche, in der "Charité" ansetzt, unterschätzt wird: "Als ich mich in das Thema einlas, war ich überrascht, wie spannend und wie süffig das Zeitalter war. Ich habe mich gewundert, warum die Medizingeschichte und die Wilhelminische Zeit im deutschen Film und Fernsehen und auch im Geschichtsunterricht so zu kurz kommen. Im Nachhinein verstehe ich es immer weniger, weil es so eine wichtige Zeit war: mit sozialen Umbrüchen, großen Erfindungen und prägenden Figuren wie den drei deutschen Kaisern, ohne die es den Ersten Weltkrieg wohl nicht gegeben hätte. Und ohne den Ersten hätte es auch den Zweiten Weltkrieg nicht gegeben, sagen Historiker. Das fing alles hier in dieser Zeit an, in der 'Charité' spielt."

Entsprechend penibel war die Vorbereitung. Rekordverdächtige neun Jahre recherchierten die Drehbuchautorinnen, Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön und Medizinjournalistin Sabine Thor-Wiedemann, über den Mikrokosmos Charité. Wobei es neben genauen realen Hintergründen auch um eine glaubwürdige Ergänzung der fiktiven Personen ging. Für Figuren wie die freigeistige Ida gibt es kaum reale Vorbilder: Eine Frau als Ärztin erschien der Öffentlichkeit damals lächerlich.

"Charité-Premiere" auf dem Gelände der Charité Berlin.

Schauspielerin Alicia von Rittberg machte "einen Freudensprung", als sie von ihrer Rolle erfuhr. Die 23-jährige Münchnerin gilt als große Entdeckung – und das nicht erst, seit sie nach einigen TV-Filmen 2014 im US-Film "Herz aus Stahl" in einer winzigen Rolle neben Brad Pitt zu sehen war. "Sie schafft den Spagat, die Entwicklung vom armen Mädchen zur selbstbewussten, selbstbestimmten Frau, wunderbar", schwärmt Wortmann.

Konkurrenzkampf zwischen Virchow und Koch

Ebenso faszinierend wie Idas Schicksal ist jedoch auch der Konkurrenzkampf unter den Ärzten. Während Rudolf Virchow (Ernst Stötzner), der einflussreiche "Gottvater der Medizin", dem "Bazillenzirkus" von Robert Koch keine Chance gibt, setzt dieser eher seine Karriere aufs Spiel, als sich im Kampf gegen die Tuberkulose einzuschränken. Obwohl noch unausgereift, verkündet er die Entwicklung seines vermeintlichen Wundermittels "Tuberkulin". Und riskiert damit seinen jähen Absturz.

Justus von Dohnányi interpretiert die Nöte und die Arroganz "dieses ehrgeizigen, wissbegierigen, die Konventionen sprengenden Mannes" extrem intensiv. Obendrein wurde er dafür zum Frühaufsteher: An Drehtagen musste er als Erster morgens um drei Uhr in die Maske, da allein das Knüpfen des Koch’schen Bartes zwei Stunden dauerte.

Ein erstklassiger TV-Stoff ist seine Liebesaffäre mit Hedwig Freiberg (Emilia Schüle), einer Varietkünstlerin. Für sie ließ sich der bis heute berühmteste Nobelpreisträger sogar scheiden – ein absoluter Tabubruch. Die Zeichen standen damals nicht nur in der Charité auf Veränderung.

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