"Babylon Berlin": Die Hauptstadt der Sünde II

Gereon Rath ermittelt in einer Stadt, die in Aufruhr ist.
Foto: Frédéric Batier / X Filme Creative Pool Entertainment GmbH

Auch Serien am Puls der Zeit stehen gelegentlich vor ganz praktischen Problemen. Bei „Babylon Berlin“ lautete die zentrale Frage: Wo soll eigentlich gedreht werden? Die Romanvorlage ist nicht nur exakt recherchiert. Sie fängt die Stimmung so plastisch ein, dass man meint, Berlin 1929 riechen und schmecken zu können. „Ja, der Roman hat etwas Raues, Schmutziges“, stimmt Tom Tykwer zu. „Dass dieses Berlin von damals bisher selten im Film zu sehen war, hat einen simplen Grund: Es existiert einfach nicht mehr! Doch wir wussten, wenn wir das machen, müssen wir auf die Straße gehen.“ Mögliche Drehorte wie Prag oder Budapest wurden diskutiert und bald verworfen. Für die Macher gab es nur eine Lösung: das Berlin von 1929 nachzubauen – so komplett wie möglich.

Heimisch wurde „Babylon Berlin“ in Potsdam. Das Studio Babelsberg hatte schon länger über eine neue Außenkulisse nachgedacht. Über Jahre war dort die so genannte Berliner Straße das Prunkstück. Die 7000 Quadratmeter große Kulisse wurde 1998 gebaut und war erstmals in der Komödie „Sonnenallee“ zu sehen. In den Folgejahren wurden hier Filme wie „Der Vorleser“ und „Inglourious Basterds“ gedreht. Doch nach über 350 Produktionen galt die Berliner Straße als „abgefilmt“, im Jahr 2013 wurde sie abgerissen. Ihr Nachfolger ist jetzt die 2016 fertig gestellte Neue Berliner Straße (siehe Seite 12), deren Baukosten um die neun Millionen Euro betrugen. Mit rund 15 000 Quadratmetern ist die neue Außenkulisse mehr als doppelt so groß wie der Vorgänger.

Es gibt keinen Haupthandlungsort

Der absolute Glücksfall für „Babylon Berlin“: Uli Hanisch, der Chefplaner der Neuen Berliner Straße, war gleichzeitig der Szenenbildner der TV-Serie. Diesen Job hatte er zuvor bereits in Tom-Tykwer-Produktionen wie „Das Parfum“ sowie für Filme wie „Das Wunder von Berlin“ übernommen. Unter seiner Leitung arbeitete ein Team von acht Experten ein halbes Jahr lang an den Entwürfen der Häuser der Neuen Berliner Straße. In einer Drehpause führt er uns durch die beeindruckende Kulisse. „Die Serie hat eine Besonderheit“, erklärt Hanisch. „Es gibt nicht den einen Haupthandlungsort. Also keine Polizeiwache oder Ähnliches, wohin die Serie immer wieder zurückkehrt. Unsere Hauptfigur Gereon Rath ist als rastloser Held ständig unterwegs in dieser gewaltigen Stadt. Unsere Anforderung war also klar: Wir mussten auf begrenztem Raum so viel Berlin wie möglich darstellen.“Die neue Außenkulisse besteht aus vier Straßenzügen. Diese sind im Quadrat angeordnet und können unterschiedliche Gegenden Berlins doubeln: Es gibt das wohlhabende Charlottenburg, den verarmten Arbeiterbezirk Wedding, das Kreuzberg der Mittelklasse sowie die erstaunlich moderne Einkaufs- und Amüsiermeile Friedrichstraße.

"Babylon Berlin"-Star Volker Bruch im Interview

Auf der Fläche von zwei Fußballfeldern bietet dieses Berlin so einen Querschnitt durch die deutsche Hauptstadt anno 1929. Im echten Berlin liegen Kilometer zwischen Charlottenburg und Wedding, hier sind es wenige Schritte. Aber wie es sich für eine Kulisse nun mal gehört: alles nur Fassade. Von vorne sind die verputzten Häuserwände nicht von echten zu unterscheiden. Wer dahinter blickt, sieht ein schmuckloses Metallskelett. Insgesamt 500 000 Kilogramm Stahl wurden für die Neue Berliner Straße verbaut. Muss ein Darsteller für eine Szene durch ein Fenster etwa im zweiten Stock schauen, steht er auf einer mobilen Hebebühne, die an die Rückseite der Kulisse herangefahren wird. Zimmer gibt es nicht.

Ein Chinarestaurant - ernsthaft?

Was sofort auffällt: Keines der Gebäude ist nach oben zu Ende gebaut, in einer Höhe zwischen zwölf und 15 Metern sind die Häuser wie abgeschnitten. Uli Hanisch erklärt: „Zum einen reichen für viele Szenen die unteren Stockwerke aus. Und zum anderen können wir die oberen Etagen digital im Computer komplettieren. Den Unterschied merkt kein Mensch.“ Das gilt auch für das, was gerade am Ende der nachgebauten Friedrichstraße passiert. Quer über die Straße stellen Crewmitglieder eine grüne Leinwand auf, mehrere Meter hoch und breit. Dieser so genannte Greenscreen dient als Platzhalter für nachträglich eingefügte Computergrafiken. So können die Pixelkünstler der Serie später kilometerlange fotorealistische Straßenfluchten erzeugen. Der Rundgang durch die abendliche Kulisse gerät endgültig zur Zeitreise. An einer liebevoll rekonstruierten Litfaßsäule kleben Werbeplakate für Tabakwaren („Für Deine Nerven: Sanatogen Zigaretten“) und Etablissements wie den Kessler-Klub („Kess ... Kesser ... Kessler“). Auch Parteienwerbung („Kämpft für ein Deutschland der Arbeiter und Bauern! KPD“) darf nicht fehlen.

Dazu kommen die sorgfältig gestalteten Fassaden diverser Lokale und Geschäfte: Da gibt es das Kaufhaus Adam & Söhne, die Uhrmacherei Sigler & Krauss, dazu ein Geschäft für „Kosmetik für die Dame“, ein Chinarestaurant ... Ein Chinarestaurant? Uli Hanisch hat den skeptischen Blick bemerkt und lacht. „Ich wollte es zu etwas machen, bei dem man sagt, ,Was, das gab es damals auch schon?‘. Also haben wir recherchiert: Das erste Chinarestaurant in Berlin wurde tatsächlich 1924 eröffnet.“ Nicht alle Szenen der Serie wurden in der Neuen Berliner Straße gedreht. Das Team filmte auch an historischen Orten in Berlin und Nordrhein-Westfalen. Für eine besonders aufwendige Szene wurden sogar Teile des Berliner Alexanderplatzes gesperrt. Möglich war das nur an einem einzigen Tag im Jahr, an dem ein Radrennen ohnehin schon den Verkehr im Zentrum der Hauptstadt einschränkte.

Party im Berghain der 1920er Jahre

Viele der Partyexzesse spielen im Tanztempel Moka Efti – der ist quasi das Berghain der ausgehenden 1920er Jahre. Gedreht wurde im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Berlin-Weißensee. „Die größte Herausforderung für mich“, verrät Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries, „waren die vielen Tanzszenen. Das Training fing Monate vor dem Drehstart an. Insgesamt hatte ich wohl genauso viele Probentage wie Drehtage. Diese Rolle hat mich ein Jahr lang begleitet.“ Auch Hauptdarsteller Volker Bruch war sich jederzeit der Dimensionen der Serie bewusst: „Du versuchst beim Dreh entspannt zu bleiben, obwohl du genau weißt: Wenn ich mich jetzt verspreche, müssen 300 Komparsen und ein Dutzend Oldtimer zurück auf Anfang.“

Ein immenser Druck lastet auf der Produktion. Das liegt natürlich am gewaltigen Budget und Tykwers Namen. Aber auch daran, dass deutsche Serien seit vielen Jahren der internationalen Konkurrenz hinterherhinken. Tom Tykwer gibt sich gelassen. „Gott sei Dank bin ich entspannt. Ich habe diese sogenannte ‚nationale Aufgabe‘ ja schon einmal erlebt“, sagt der Regisseur in Anspielung auf seine lang erwartete Verfilmung des Bestsellers „Das Parfum“ 2006. „Aber ich spüre einen positiven Druck. Es gibt eine Sehnsucht nach einer neuen Art von Fernsehen auf Deutsch. Nach Serien, die nicht in McDonald’s-Manier Zuschauern in jeder Folge das Gleiche vorsetzen. Da haben wir einfach Rückstand gegenüber den USA. Wir müssen allerdings Geduld haben, auch die Amerikaner haben viel Geduld gebraucht.“ Als Beispiel führt Tom Tykwer eine Serie an, die als eine der besten aller Zeiten gilt: „‚Die Sopranos‘ waren drei Staffeln lang ein Flop! Aber HBO sagte: ‚Das ist so gut – die Menschen werden es irgendwann begreifen.‘ Ich glaube, die Experimentierfreude der Zuschauer ist heute so groß wie nie zuvor.“

"Babylon Berlin"-Star Liv Lisa Fries im Interview

2500 Stunden Drehmaterial

hatten Tykwer, von Borries und Handloegten Ende beisammen. Platz in der fertigen Serie gab es aber nur für zwölf Sendestunden. Das heißt: Rund 99,5 Prozent ihres gedrehten Materials mussten die Macher aussieben. Diese Mammutaufgabe im Schneideraum ist gelungen, das zeigen die ersten Folgen. „Babylon Berlin“ ist kompromisslos, authentisch und drastisch. In virtuos inszenierten Bildern wird der Zuschauer in das wilde Nachtleben der Weltstadt eingeführt – Sex, Drogen und Transvestiten inklusive. Mindestens genauso beeindruckend ist aber auch das stimmungsvoll rekonstruierte „schmutzige“ Berlin der Arbeiterklasse, wo etwa Hauptfigur Charlotte mit einem halben Dutzend Familienmitgliedern auf engstem Raum zusammenlebt.

Das fesselnde Szenario ist vielleicht die größte Stärke der Serie. Die Weimarer Republik erweist sich als überraschend moderne Ära. Zudem wirkt sie – anders als etwa die Nazi­ und DDR-Zeit – filmisch noch extrem unverbraucht. Kein Wunder, dass das Autorentrio bereits an der dritten Staffel von „Babylon Berlin“ arbeitet. Für genug Inspirationen ist jedenfalls gesorgt: Fünf weitere Romane um den Berliner Kommissar Gereon Rath sind inzwischen erschienen. Doch auch in Zukunft wird die Krimihandlung in „Babylon Berlin“ immer nur Mittel zum Zweck bleiben. Die Serie zeichnet ein Sittengemälde einer schicksalhaften Epoche. Es geht um das tragische Ende der Goldenen Zwanziger. Das Goldene Zeitalter der deutschen TV-Serien wiederum könnte gerade begonnen haben.

"Babylon Berlin": Ab dem 13. Oktober 2017 bei Sky 1 und 2018 im Ersten

Wo ist dabei? Babylon Berlin Special Teil I >

Serien-Event der Woche: "Rillington Place"

Serienkiller John Christie (Tim Roth) mit seiner Frau Ethel Christie (Samantha Morton)
Foto: © BBC 2016/MG RTL D
Kinostar Tim Roth spielt in der True-Crime-Serie "Rillington Place" den Serienkiller John Christie, der einer der berüchtigtsten Mörder der britischen Geschichte ist und einen Justizskandal auslöste.
Mehr lesen