Die 5 größten Geheimnisse der Serienmacher

Shonda Rhimes (47, "Grey’s Anatomy", "Scandal") ist Autorin und Produzentin.
Shonda Rhimes (47, "Grey’s Anatomy", "Scandal") ist Autorin und Produzentin.
Foto: Kevin Winter/Getty Images for AFI
Wie schreibt man einen Serienhit? Mit Aaron Sorkin ("West Wing") und Shonda Rhimes ("Grey’s Anatomy") verraten zwei Top-Showrunner ihre besten Tricks.

Er ist der Meister intelligenter Politserien. Sie die Quoten-Queen mit einem Faible für starke Frauenfiguren. Aaron Sorkin (56, "West Wing", "Newsroom") und Shonda Rhimes (47, "Grey’s Anatomy", "Scandal") sind zwei der erfolgreichsten Serienschöpfer der TV-Geschichte. Jetzt packen sie aus und verraten angehenden Autoren in intensiven Online-Videokursen (www.masterclass.com), wie sie ihre Hitserien schreiben.

Trailer zu Aaron Sorkins Masterclass: "Teaches Screenwriting"
Trailer zu Shonda Rhimes Masterclass: "Writing for Television" (OV)

Wir haben für die jeweils rund 30 Lektionen die digitale Schulbank gedrückt.

Die fünf der wichtigsten Tipps der beiden Showrunner-Legenden

Tipp 1: Es ist keine richtige Story ohne das Wort "aber"!

Am Anfang jeder Serie steht eine Idee. Doch selbst die beste Idee ist noch keine Story. Für Drehbuch-Guru Aaron Sorkin sind zwei Zutaten unerlässlich. "Das Wichtigste für eine packende Story", so Sorkin, "sind ein klares Ziel der Hauptfigur und ein großes Hindernis auf dem Weg dorthin. Ob die Figur es schafft, ist zweitrangig. Aber sie muss es versuchen." In Sorkins Serie "Newsroom" etwa ist der Protagonist ein frustrierter Anchorman, der eine neue Art von TV-Nachrichten will, aber auf Widerstände stößt. Die Intention der Hauptfigur lässt die Story beginnen, das Hindernis sorgt für Drama. Sorkin: "Erst wenn du beim Zusammenfassen das Wort 'aber' verwenden kannst, hast du eine echte Story."

Shonda Rhimes' Maxime beim Schreiben ist ähnlich: "Handlung wird stets von den Charakteren angetrieben." Um sich der dunkelsten Geheimnisse ihrer Figuren zu vergewissern, stellt sich Rhimes bei jeder neuen Serie folgende Frage: "Wenn die Figuren zur Psychotherapie gehen würden, was würde man herausfinden?"

Tipp 2: Kenne dein Medium!

Rhimes und Sorkin entwickeln Stoffe sowohl fürs Fernsehen als auch fürs Kino. Aber wie merke ich, welche Idee wohin passt? Der Rat von Shonda Rhimes: "Wenn du dir vorstellen kannst, dass die Story deiner Hauptfigur ein festes Ende hat, ist es wohl eine Filmidee. Wenn aber deine Idee 100 weitere Ideen auslöst, klingt es nach einer Serie." Sorkin ergänzt: "Wenn es vor allem der Schauplatz ist, der dich fasziniert, dann hast du ein Serienthema."

Eine Erkenntnis, die selbst dem brillanten Sorkin erst spät kam. 1994 schrieb er das Skript zum Film "Hallo, Mr. President" mit Michael Douglas. Die meisten Kinoskripte sind rund 110 Seiten lang, Sorkins erste Fassung hatte 385! Schweren Herzens strich er alle Nebenaspekte, auch wenn sie noch so faszinierend waren. Dieses "Ausschussmaterial" wurde zur Basis von "West Wing" (1999-2006) – mit 26 Emmys eine der erfolgreichsten Serien der TV-Geschichte.

Tipp 3: So befreist du dich aus der Schreibblockade!

Kaum etwas fürchtet ein Autor mehr als den blinkenden Cursor seines Textprogramms. Je länger eine Schreibblockade anhält, desto mehr verkrampfen viele Kreative. "Wer öfter unter Schreibblockaden leidet", rät Shonda Rhimes, "sollte an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten. Stockt es bei einem Skript, wechselt man." Rhimes selbst ist das Paradebeispiel für diese Strategie: Aktuell hat sie als Produzentin oder Autorin drei Serien gleichzeitig im US-Fernsehen.

Ihr Kollege Aaron Sorkin sagt: "Ich muss immer lachen, wenn mich jemand fragt, ob ich schon mal einen 'Writer's Block' gehabt hätte. Das ist mein Normalzustand!" Sein Rezept: ins Auto steigen und Musik hören. "Ich höre einen tollen Song und frage mich, welche Szene man damit unterlegen könnte und wie die Szene davor und danach aussehen könnte." So entstand etwa das legendäre Finale von Staffel zwei von "West Wing". Darin tritt Präsident Josiah Bartlet mit einer schicksalhaften Ankündigung vor die Presse, unterlegt von Dire Straits' berühmtem Song "Brothers in Arms". Apropos Musik …

Tipp 4: Behandle Dialoge wie Musik!

Aaron Sorkin ist berühmt für messerscharfe, temporeiche Dialoge. "Für mich sind Texte Musik", sagt er. "Genauso wichtig wie die Bedeutung von Worten ist ihr Klang." Immer wieder spielt sich Sorkin, der als Theaterdarsteller begann, beim Schreiben seine Dialoge selbst vor, bis jeder Satz, jedes Wort, jede Silbe sitzt. "Entscheidend", so Sorkin, "ist der Rhythmus. Sicher, normale Menschen reden nicht in Filmdialogen, ihr Leben ist keine Aneinanderreihung von Szenen. Aber ich schreibe Figuren, nicht Menschen." Seine Arbeitsweise leitet Sorkin aus seiner "Bibel" ab: Aristoteles' "Poetik". Diese über 2000 Jahre alten Grundregeln des Dramas sind Sorkin heilig – selbst wenn er über Hightech-Helden wie Mark Zuckerberg ("Social Network") oder Steve Jobs ("Jobs") schreibt.

Tipp 5: Unterschätze niemals dein Publikum!

Es ist die größte Sünde, die ein Autor begehen kann, findet Aaron Sorkin: "Erzähle dem Publikum nie, was es schon weiß! Zuschauer sind schlau, also behandele sie auch so." Sein Ansatz zeigt sich schon am Anfang seiner Skripte. "Ich mag es, eine Story in einem laufenden Gespräch zu beginnen. Es zwingt das Publikum sofort dazu, genau hinzuhören." So startet "Newsroom" mit einer turbulenten Podiumsdiskussion und sein oscarprämiertes "Social Network", während ein junges Pärchen gerade Schluss macht. Über den Umgang mit Kritik sagt Sorkin: "Nimm Probleme, die Zuschauer mit deinem Werk haben, ernst. Oft offenbaren sie Fehler. Aber: Ignoriere Lösungsvorschläge! Die von Laien sind meist nutzlos." Häufiges Problem: Viele Skripte sind überfrachtet. Sorkin: "Wenn man etwas weglassen kann, tu es – auch wenn es deine Lieblingsszenen sind." Ob das Drehbuch dann perfekt ist? "Ich habe keine einzige Serienepisode geschrieben, die ich heute nicht gerne noch mal neu schreiben wollen würde", gibt Sorkin zu. Das Werk eines echten Serienprofis ist eben nie ganz vollbracht

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