Matthias Schweighöfer: "Wir brauchen einen Internet-Führerschein!"

Matthias Schweighöfer exklusiv über seine neue Amazon-Serie "You Are Wanted", Cyber-Kriminalität, den "Tatort", Hollywood-Pläne, Stars gegen die AfD, seine Forderung nach einem "Internet-Führerschein", die Verfilmung der Leben von Cindy aus Marzahn, Boris Becker und Papst Benedikt – sowie seine Zukunftspläne.

Die Miniserie "You Are Wanted" greift ein brandaktuelles Thema auf: Internetkriminalität. Kinostar Matthias Schweighöfer ("Vier gegen die Bank") zieht dabei alle Fäden: Der 35-Jährige hat den packenden Sechsteiler als Produzent, Autor, Regisseur und Hauptdarsteller mitverantwortet. Wer ihn sehen will, darf nicht bei ARD, ZDF oder Sat.1 einschalten, sondern beim Internetkanal und Streaming-Dienst Amazon Prime Video. Dort werden ab dem 17. März alle sechs Folgen gezeigt.

Trailer zu "You Are Wanted" (VoD-Start: 17.3.2017)

Interview mit Matthias Schweighöfer

Worum geht’s in der ersten deutschen Serie für einen globalen Streaming-Anbieter – dem von Ihnen produzierten Sechsteiler "You Are Wanted"?

Um den jungen Familienvater Lukas Franke, dem ein Hacker seine Identität und seine Biografie stiehlt und alles gnadenlos umdichtet, um Franke in die Enge zu treiben. Sogar Frankes Frau (Alexandra Maria Lara) zweifelt plötzlich an ihrem Ehemann – und als auch noch sein Sohn bedroht wird, heftet er sich mit der jungen Lena (Karoline Herfurth), einem weiteren Opfer, an die Fersen der Cyber-Kriminellen.

"You Are Wanted"-Star Alexandra Maria Lara im Interview

"The Bourne Identity", "Staatsfeind Nummer 1" – in welcher Tradition steht "You Are Wanted"?

Ich würde es mit nichts vergleichen. Es ist ein völlig neuer Stoff!

Was waren die größten Herausforderungen beim Dreh?

Das immense Pensum, die Dramaturgie über sechs Folgen und der Schlafmangel.

Sie haben einen vierfachen Job gemeistert – als Produzent, Hauptdarsteller, Regisseur und Mit-Autor. Wie ließ sich das alles unter einen Hut bringen?

Es ließ sich gut unter einen Hut bringen, aber ich freue mich wirklich auf den nächsten Urlaub. Es wird gut tun, wenn man mal wieder nicht mehr darüber nachdenkt, warum eine Figur das oder jenes macht oder sich erinnern muss, was sie eigentlich in Folge 1 gemacht hat.

Matthias Schweighöfer am Set seiner neuen Serie "You Are Wanted"

Sind Sie seit dem Dreh eigentlich sicher, dass wir bei unserem Interview nicht belauscht werden?

Ja! Warum?

Nun, immerhin könnte der "Feind in Ihrer Hosentasche" mithören. Oder sehen Sie Ihr Smartphone seit dem Dreh zu "You Are Wanted" etwa nicht mit anderen Augen?

Doch, aber ich habe es schon in der Entwicklungsphase mit ganz anderen Augen gesehen, denn ich weiß mehr über dieses Ding als mir lieb ist. Und es sind nicht nur gute Sachen.

In "You Are Wanted" werden Sie gnadenlos ausspioniert. Aber sind Sie selbst schon mal Opfer einer Cyber-Attacke geworden?

Ja klar. Ich glaube, das ist jedem von uns schon mal passiert – und sei es nur, dass man sich einen Trojaner eingefangen hat. Dann war das ganze System am Arsch.

In der Serie stehlen Hacker Ihre komplette Identität. Wie sehr vertrauen Sie Facebook, Whats App, iClouds & Co? Geben Sie Ihre Daten bedenkenlos Preis oder agieren Sie vorsichtig?

Ich gebe meine Daten natürlich nicht so Preis, sondern agiere auf jeden Fall vorsichtig. Die Frage ist nur, wie vorsichtig kann man im Internet agieren? Ich versuche vorsichtig zu sein. Aber heutzutage können sogar die Elektrogeräte im heimischen Wohnzimmer zu Spionageinstrumenten werden – durch die eingebauten Kameras. Auf YouTube gibt es zum Beispiel Anleitungen, wie man eine Laptopkamera hacken kann.

Warum sollten die Zuschauer am 17. März den Sechsteiler "You Are Wanted" bei Amazon Prime anschauen? Was macht die Serie sehenswert?

Es ist eine spannende Serie, die viel mit einem selbst zu tun hat, denn sie stellt die Frage: Was wäre, wenn mir das passieren würde? Das Ergebnis ist sehr unterhaltend und gruselig.

Ist "You Are Wanted" die deutsche Antwort auf "House of Cards" – und darauf, wie das "Fernsehen von morgen" tickt?

Wenn es die deutsche Antwort auf "House of Cards" wäre, wäre ich extrem stolz. Das entscheiden aber die Zuschauer. Mir war es wichtig, eine internationale, universelle Serie zu machen, die einen guten Look kreiert – und bei der man nicht sofort erkennt, dass sie aus Deutschland kommt. Ich weiß nicht, ob es uns gelungen ist, Pionierarbeit zu leisten, aber wir haben es zumindest geschafft, einen universellen Look zu gestalten.

Sind ARD und ZDF von gestern und Amazon und Netflix von morgen?

ARD und ZDF sind tolle Sendeanstalten, sicherlich kann man sich bei Amazon und Netflix mehr austoben.

Ist eine Fortsetzung von "You Are Wanted" denkbar?

Wir werden sehen, ob wir eine Season 2 produzieren. Das entscheiden die Zuschauer am 17. März.

Warum haben Sie "You Are Wanted" nicht ARD oder ZDF angeboten? Wäre die Produktion dort zu schnarchnasig gewesen oder hätte man die Verträge zu lange ausgehandelt?

Nein, aber sicherlich wäre der komplette Ablauf anders gewesen.

Karoline Herfurth, Tom Beck, Alexandra Maria Lara – und als Debüt Toni Garrn: Warum dieser völlig neu zusammengesetzte Cast? Weil man sonst immer nur dieselben Gesichter sieht?

Ich habe alle Leute zusammengetrommelt, auf die ich mich verlassen kann. Sie arbeiten schnell und gut – und ich wollte immer schon etwas mit diesem Team auf die Beine stellen. Mit Karoline hatte ich bislang erst einmal einen Film gedreht im Alter von 15 – und zwar in Erfurt. Der Titel war "Küss mich Frosch". Für Alexandra war "Ypu Are Wanted" von Anfang an mitkonzipiert. Ich wollte immer, dass sie meine Frau spielt – weil wir schon ein paar Sachen zusammen gedreht haben und ich wusste, dass sie sehr gut spielt und Dinge sehr schnell umsetzt. Toni Garrn hatte total Bock, einmal in so eine Rolle zu schlüpfen. Sie hat das großartig gemacht. All diese Kollegen – inklusive Tom Beck – kriegen unter Stress keine Panik. Sie bleiben bei sich und rocken die Dinge echt toll weg.

2003 haben Sie die GOLDENE KAMERA als bester Nachwuchsschauspieler erhalten. 2010 noch einmal als bester Schauspieler. Wie viel bedeuten Ihnen Preise?

Preise sind schon etwas Tolles, denn sie sind ein totales Kompliment an die Arbeit und an die Person. Deswegen finde ich Preise sehr, sehr, schön.

Sie arbeiten nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Regisseur, Produzent, Musiker sowie Firmeninhaber. Was steckt hinter Ihrer Firma Pantaflix?

Bei Pantaflix bin ich nicht so sehr involviert. Aber Pantaflix soll Filmemachern die Möglichkeit geben, seine Filme weltweit ohne großen Aufwand sichtbar zu machen. Ein gutes Beispiel sind unsere eigenen Filme, die in den deutschsprachigen Gebieten sehr erfolgreich sind, der weltweite Zugriff ist allerdings begrenzt.

Wie gut wird das angenommen?

Sehr gut – toi, toi, toi. Es ist wirklich überraschend krass. Wir sind selber ein bisschen überrascht, dass das so angenommen wird und sind gespannt auf die nächste Zeit.

Auch für Ihre Filmproduktionsfirma Pantaleon war 2016 ein tolles Jahr. Sie haben etwa "Jack the Ripper" gedreht – und damit Superquoten erzielt. Was sind die nächsten spruchreifen Projekte in der Pipeline?

Wir drehen gerade mit Til Schweiger einen Film namens "Hot Dog" – das wird eine Actionkomödie. In 2017 planen wir weitere Filme, darunter einen für ProSieben sowie noch zwei Kinofilme. Bei "Hot Dog" geht’s um zwei Objektschützer, die ein Objekt beschützen sollen – doch ausgerechnet das wird vor ihren Augen entführt, weil sie sich zu dämlich anstellen. Sie müssen das Objekt wieder zu retten – und es gesund und wohlbehalten nach Hause zu kriegen.

Als Sie 16 waren, war Til Schweiger Ihr Vorbild. Richtig?

Genau. Ich war damals in Chemnitz und habe ich mir dort von Til damals ein Autogramm geholt – als er mit "Knocking on heaven’s door" auf Tour war. Dort hat er mir ein Foto unterschrieben. Das fand ich sehr lustig.

Haben Sie Lust, Ihr kreatives Glück auch mal in Hollywood auszuprobieren?

Da würde ich lügen, wenn ich sagen würde, das würde mich nicht interessieren. Klar, ich würde Hollywood gern ausprobieren. Es wäre natürlich ein Ziel. Mal gucken, was kommt.

Kino oder TV – was drehen Sie lieber?

Kino. Dort hat man ein bisschen mehr Zeit und nicht so viele Vorgaben, an die man sich halten muss. Aber um ein Experiment auszuprobieren ist das Fernsehen auch nicht schlecht.

Hätten Sie Lust "Tatort-Cop" zu werden – heute oder in zehn Jahren?

Nein. In Deutschland gibt es mittlerweile sehr viele "Tatorte". Wir hatten mal über eine Einreichung für den "Tatort" in Sachsen nachgedacht, aber hatten es dann doch verworfen.

Am 10. Februar ist Ihr erstes Album "Lachen, Weinen, Tanzen" erschienen.

Genau! Über mein neues Musiklabel läuft auch die komplette Filmmusik für "You Are Wanted". Das Album hat 15 Tracks – und es gibt noch eine Deluxe-Variante mit fünf weiteren, akustischen Varianten von den Liedern drauf.

Matthias Schweighöfer - Lachen Weinen Tanzen (Track by Track)

Haben Sie Ihr musikalisches Talent ganz neu entdeckt?

Nein. Es war schon immer in mir. Ich habe es bloß auch immer doof gefunden, wenn Schauspieler singen – weil ich mich gefragt habe, ob sie ihre Musik wegen dem Namen verkaufen oder wegen der Musik? Dann hat mir das Ganze aber plötzlich total Spaß gemacht, weil das Konzept dahinter gut funktioniert hat – denn ich mache Filmpop und somit eine Art von Unterhaltung, die mit Film und mit Musik zu tun hat.

Wie weit sind Sie mit der Verfilmung der drei geplanten Biopics von Papst Benedikt, Cindy aus Marzahn und Boris Becker?

Wir befinden uns bei allen drei Projekten in der Entwicklung, eventuell werden wir schon eins davon in 2017 realisieren.

Meryl Streep – eine Ihrer Lieblingsschauspielerinnen – engagiert sich in den USA politisch gegen Donald Trump. Könnten Sie sich vorstellen gegen die AfD in Deutschland aktiv zu werden?

Ja. Irgendwann müssen wir das. Fake News sind ein fast nicht mehr beherrschbares Thema, das da auf uns zurollt – das sieht man ja auch in "You Are Wanted". Heutzutage kann man schon auf YouTube lernen, wie man eine Laptopkamera hackt. Vor diesem Hintergrund will ich nicht gar wissen, wie uns richtige Hacker manipulieren können.

Was halten Sie von der Idee, dass wir in Zeiten von Cyberkriminalität, Hacking, Identitätsklau, Internet-Hassposts und Fake-News einen "Internet-Führerschein" einführen sollten – um das Mega-Massenmedium Internet, dessen Manipulationsmöglichkeiten schon Kinder ungeschützt ausgesetzt sind, besser bedienen zu können?

Das finde ich sehr gut. Denn es wäre wirklich wichtig, zu wissen, was auf uns zukommt, wenn wir das Internet gebrauchen. Ich finde das großartig, ja sogar fantastisch. Geht so etwas? Ich setzte mich jetzt hiermit dafür ein. Besonders Kinder wachsen schließlich mehr mit dem Internet auf als alle anderen Generationen davor. Es wäre wirklich fantastisch, wenn Kinder erst einmal eine Art offizielle Schulung und eine Prüfung bekommen bevor sie das Internet nutzen dürfen. Dann könnten sie auch besser erkennen, was Fake News sind und was Werbung und ihr Wissen über den richtigen Umgang mit dem Internet später an ihre Kinder weitergeben. Momentan passiert wirklich zu viel Kriminalität und Fake im Internet. Es kann gefährliche Folgen haben. In "You Are Wanted" geht’s genau darum.

Pay-TV oder Free-TV?

Ich bin gerade mehr bei Pay-TV.

"Heute-journal" oder "Tagesthemen"?

Ich gucke leider kein TV mehr.

Günther Jauch oder Thomas Gottschalk?

Beide. Günter Jauch und Thomas Gottschalk. Wenn, dann zusammen.

Was sind Ihre nächsten spruchreifen Projekte für 2017?

Urlaub! Anschließend bereite ich 2018 vor. Außerdem gehen wir Ende des Jahres mit der Band auf Tour und im Winter kommt "Hot Dog" in die Kinos.

Zum Serienstart von "You Are Wanted" trafen wir außerdem Tom Beck und Karoline Herfurth zum Video-Talk:

"You Are Wanted"-Star Karoline Herfurth im Interview
"You Are Wanted"-Star Tom Beck im Interview

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