"Ich wusste nicht, worauf ich mich einlasse!" Woody Allen am Set von "Crisis in Six Scenes"

Am 23. März startet Woody Allens Seriendebüt "Crisis in Six Scenes" in synchronisierter Form auf Amazon Prime Video. Wir haben dem Altmeister des trockenen Humors beim Dreh in New York über die Schulter geguckt.

"Crisis in Six Scenes" spielt in den 60er Jahren und handelt vom Werbetexter Sidney Munsinger (Woody Allen), der mit seiner Frau Kay (Elaine May) in New York lebt. Als die politische Aktivistin Lennie (Miley Cyrus) in ihr Haus eindringt und vor der Polizei versteckt, gerät Sidneys Alltag außer Kontrolle. Denn die rebellische Schönheit verdreht nicht nur ihrem Untermieter Alan (John Magaro), der eigentlich mit der liebenswerten Ellie (Rachel Brosnahan) verlobt ist, den Kopf, sondern auch seiner Frau, die plötzlich mit ihrem Buchclub politische Aktionen plant...

Originaltrailer zu "Crisis in Six Scenes" (VoD-Start: 23.3.2017)

Wie Woody Allens Serien-Debüt zustande kam und welcher besonderen Herausforderung sich der 81-Jährige vor fast genau einem Jahr am New Yorker Set stellen musste, erfuhren wir, als wir den Dreharbeiten des damals noch titellosen Projekts einen Besuch abstatteten...

Die GOLDENE KAMERA am Set von "Crisis in Six Scenes"

Die Wettervorhersage hat Regen angesagt. Aber New York würde seinen Lieblingssohn doch nie enttäuschen! Als GOLDENE KAMERA-Reporterin Anke Hofmann das Set von "Crisis in Six Scenes" besucht, ist es "bewölkt aber trocken" – genau wie es Woody Allen mag, wenn der berühmteste New Yorker in seiner Stadt dreht. Aber etwas ist anders als sonst: Dieses Mal entsteht kein Film, sondern eine TV-Serie für den Streaming-Sender Amazon.

Vom ersten Tag an, an dem das fast 81-jährige Multitalent zu diesem Projekt mit sechs 30-minütigen Folgen Ja sagte, hat man ihn nur jammern hören: "Ich habe seitdem jede Sekunde bereut. Ich hatte die dreiste Vorstellung, dass es wie ein Film in sechs Teilen sein würde. Aber dem ist nicht so! Es ist so verdammt hart. Ich muss jeden Pfennig verdienen, den ich von Amazon bekommen habe." Und auch am Drehort auf der 75th Street, zwischen Park und Lexington Avenue im Herzen Manhattans ist Woody immer noch am stöhnen: "Ich bereue es mehr denn je," behauptet er in seinem typisch ruhigen, etwas hilflosen und verzweifelten Ton, der mehr amüsant als vorwurfsvoll wirken soll. "Ich wusste einfach nicht, worauf ich mich einließ. Ich dachte, eine Fernsehserie zu drehen, wäre einfacher als einen Film. Aber ich musste genauso hart arbeiten – sogar härter."

Warum hat er sich dann überhaupt auf diesen Deal mit Amazon eingelassen? Zu "viel Geld" und "totaler kreativer Freiheit" kann eben selbst ein Woody Allen nicht Nein sagen. "Amazon hat mich vor ein paar Jahren angerufen und mich gefragt, ob ich daran interessiert wäre, eine Miniserie zu drehen. Ich habe natürlich sofort Nein gesagt. Ich war nicht an TV interessiert, weil ich selbst kaum fernsehe. Mir fehlt einfach die Zeit dazu, mich vor den Flimmerkasten zu setzen. Aber Amazon ließ einfach nicht locker. Und mit jedem weiteren Anruf haben sie einen drauf gesetzt. Nicht nur, was die Gage betraf. Sondern sie sagten mir, dass ich tun und lassen konnte, was ich wollte. Ich hätte in Schwarz-Weiß drehen können. In jeder Epoche und in jedem Land der Welt. Und ich musste nicht einmal verraten, worum es im Drehbuch geht."

Diese Geheimhaltung gilt auch am Tag des Setbesuchs. Selbst der Titel der Miniserie lautet einfach nur "Untitled Woody Allen Project" – und niemand von der Crew weiß genau, wovon das Drehbuch handelt oder an welcher Folge sie im Moment arbeiten. Aber es gibt einige Indizien: Auf der abgesperrten 75th Street sind Oldtimers geparkt: ein klassischer gelber Porsche; ein roter Ford Mustang; ein brauner Ford Country Sedan. Aber Woody verrät, dass die Serie 1969 in New York spielt. "Es war eine sehr turbulente Zeit in Amerika. Ich selbst kann mich an all die Demonstrationen gegen den Vietnam Krieg erinnern. Wenn man den Fernseher anmachte, sah man Unruhen auf den Universitätsgeländen und wie die Polizei auf Demonstranten einschlug."

Ein Auto bekommt besondere Aufmerksamkeit am Set: ein gold-farbiger Oldsmobile Cutlass von 1967. Das ist das Auto, in das Woody Allen für die Szene einsteigt, um in eine Garage zu fahren. Das klingt für einen Reporter auf dem ersten Blick nicht sehr aufregend. Aber auf dem zweiten Blick ist es fast so spannend wie ein Hitchcock-Krimi, denn es ist das erste Mal, dass Woody, der normalerweise als Fußgänger im Big Apple unterwegs ist, wieder die Straßen von New York unsicher macht. Denn das letzte Mal, dass er hinter einem Steuer saß, war 1979: "Ich fahre natürlich das billigste all dieser Autos," grinst der Filmemacher. "Es ist so leicht, in Manhattan zu drehen. Die Menschen sind so kooperativ und nett. Heute ist allerdings ein harter Tag, denn ich muss etwas tun, was ich 60 Jahre lang nicht mehr gemacht habe: in eine Garage zu fahren. Das letzte Mal, als ich eine Szene in einem Auto drehte, fuhr ich auf die George Washington Brücke. Es war für den Film 'Manhattan' und die echte Polizei stoppte mich, weil mein Film-Nummernschild nicht ordnungsgemäß war. Aber sobald sie die Kameras hinter mir sahen, ließen sie mich wieder gehen."

Die Szene für "Crisis in Six Scenes" verläuft allerdings ohne Zwischenfälle. Niemand stoppt Herrn Allen. Seine Fahrt ist ungefähr einen halben Straßenblock lang, bevor er sicher und unfallfrei wieder aus dem Vintage-Auto steigt. Seine Fahrvermögen ist so fantastisch, dass nach einer einzigen Aufnahme die Szene "im Kasten" ist. Er redet kurz mit dem Kameramann und der Crew, und dann verschwindet er wieder in die grauen Straßen von New York.

Die synchronisierte Fassung von "Crisis in Six Scenes" startet am 23. März auf Amazon Prime Video.

Text: Anke Hofmann

Kommentare einblenden

Erste deutsche Amazon-Serie: "You Are Wanted" mit Matthias Schweighöfer

GOLDENE KAMERA-Preisträger Matthias Schweighöfer zeigt seine neue Serie "You Are Wanted" nicht im TV, sondern per Streaming im Internet. Parallel in 200 Ländern.
Mehr lesen