Angelina Jolie: "Jeder Tag ist ein Kampf"

Kambodscha 1975: Mit der Schreckensherrschaft der Roten Khmer beginnt für Loung Ung ein Kriegsalbtraum. Mit dem Netflix-Drama "Der weite Weg der Hoffnung" (ab 15. September) verfilmt Angelina Jolie die Memoiren der damals 5-Jährigen. Wir trafen die Regisseurin zum Interview.

"Der weite Weg der Hoffnung" basiert auf dem autobiografischen Roman "First They Killed My Father: A Daughter of Cambodia Remembers" der in Kambodscha geborenen Menschenrechtsaktivistin und Schriftstellerin Loung Ung. Regie führte Angelina Jolie, die gemeinsam mit Loung Ung auch deren Memoiren für den Film adaptierte. Es ist ihre erschütternde Geschichte, wie sie als damals 5-jähriges Mädchen die furchterregende Herrschaft der Roten Khmer von 1975 bis 1978 erlebt hat.

Trailer zu "Der weite Weg der Hoffnung"

Darum geht's in "Der weite Weg der Hoffnung"

Im April 1975 rücken die Roten Khmer, eine maoistisch-nationalistische Guerillabewegung, in die Hauptstadt des südostasiatischen Landes Phnom Penh vor. Die Revolutionäre wollen die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus überführen - was die fast vollständige Vertreibung der Bevölkerung der Hauptstadt Phnom Penh zur Folge hat.

Während der Flucht aus der besetzten Haupstadt kommen die Eltern der kleinen Loung Ung (Srey Moch Sareum) ums Leben. Unsagbares Leid bricht über sie herein. Sie kommt zunächst in ein Waisenhaus, in dem sie sich als Kindersoldatin für die Roten Khmer ausbilden lassen muss, während ihre Brüder und Schwestern in Arbeitslagern verzweifelt um ihr Leben kämpften. Allein die Hoffnung, ihre Familie am Ende der Schreckensherrschaft wiederzusehen, spendet Loung Ung Trost.

Video-Interview mit Angelina Jolie und Loung Ung

Regisseurin Angelina Jolie hat seit Jahren eine besondere Beziehung zu Kambodscha. Ihren ältesten Sohn Maddox Chivan (16), der für das Drama als Produzent und Berater fungierte, adoptierte sie 2002 aus einem Waisenhaus in Phnom Penh. Wie sehr sie das Land und die Menschen liebt und warum sie gerade in Kambodscha viel über sich gelernt hat, erzählt die Schauspielerin und Regisseurin im gemeinsamen Video-Interview mit Loung Ung:

"Der weite Weg der Hoffnung": Angelina Jolie und Loung Ung im Video-Talk

Interview mit Angelina Jolie

Durch Ihre Arbeit für die Vereinten Nationen haben Sie sehr viel Leid und Horror gesehen. Ist das der Grund, warum Ihre inszenierten Filme politisch motiviert sind?

Es gibt mehrere Gründe. Wenn ich ein Land besuche und sehe, was dort passiert ist, will ich mehr über die Geschichte wissen, tiefer gehen und alls verstehen. Wie zum Beispiel den Krieg in Bosnien. Mit meinem ersten Film („In the Land of Blood and Honey“) wollte ich den Effekt von Krieg auf Menschen untersuchen. In „Unbroken“ geht es darum, wie ein Mensch den Willen und die Kraft zum Überleben finden kann. Und mit diesem Film wollte ich den Krieg und die Auswirkung von Propaganda aus der Perspektive eines wehrlosen kleinen Mädchens zeigen.

Seit der Adoption Ihres Sohns Maddox ist Kambodscha ein Zuhause für Sie geworden. War das auch ein Grund?

Ich hatte den Eindruck, dass in Kambodscha niemand mit der Jugend über die Roten Khmer spricht. Dieser geschichtliche Abschnitt wird nicht in der Schule gelehrt. Aber ich wollte, dass mein Sohn Maddox auch diese Seite seines Landes kennenlernt. Ich habe Maddox im Alter von drei Monaten zum ersten Mal gesehen. Er wurde von Loung Ung betreut, die auch einw Waise war und auf deren Kindheitserlebnissen „First They Killed My Father“ basiert. Ich kannte Loung durch meine Besuche der Landminenfelder und fragte sie, was sie als Waisenkind davon halten würde, wenn ich ein kambodschanisches Baby adoptierte. Wenn sie davon abgeraten hätte, würde mein Leben jetzt ganz anders aussehen (lacht). Aber zum Glück hat sie mich unterstützt.

Maddox ist ausführender Produzent. Wie sah seine Mitarbeit aus?

Er war jeden Tag am Set und im Schneideraum. Maddox kannte Loungs Lebensgeschichte seit seiner Kindheit, und ich habe ihm immer gesagt, dass ich eines Tages diese Geschichte erzählen möchte – aber nur mit seiner Mithilfe und Zusammenarbeit. Und eines Tages sagte er mir: „Ich bin bereit.“

Wie war es, mit Kindern zu drehen?

Ich wusste aus Erfahrung mit meinen eigenen Kindern, dass man ihnen nicht sagen kann, was sie tun oder wie sie sich fühlen sollen (lacht). Ich habe mich ihnen angepasst, statt umgekehrt. Man muss ihnen einfach Freiraum geben und das Set zum Spielplatz machen.

Woher nehmen Sie die Zeit und Kraft, Mutter von sechs Kindern und Regisseurin zu sein?

Dieses Jahr war sehr hart für mich und ich habe weniger gearbeitet als sonst. Abgesehen von meiner Arbeit in Nairobi und den Lehrstunden an der Wirtschaftsuniversität in London, habe ich jeden Tag meinen Kindern gewidmet. Ich hoffe, dass ich eines Tages wieder eine bessere Balance finden werde und mehr arbeiten kann. Es ist oft nur Schein, dass ich alles im Griff habe. Die Realität ist, dass jeder Tag ein Kampf ist. Aber wenn man liebt, was man macht, dann geht das Leben weiter.

Gönnen Sie sich manchmal eine Atempause?

Jede Mutter weiß, wie schwer das ist. Ich bekomme oft zu hören, dass ich mir mehr Zeit für mich nehmen solle, aber ich liebe es einfach, Mutter zu sein. Ich versuche, so viel wie möglich zu lachen, denn Kinder fühlen unseren Stress. Ich möchte ihnen lieber Freude geben.

Was gibt Ihren Kindern Stütze?

Es hat mich sehr gerührt zu sehen, wie sie sich gegenseitig helfen und zusammenhalten. Die großen Brüder unterstützen die jüngeren, und alle greifen mir unter die Arme. Sie haben während dieser harten Zeit ihre eigene Stimme und Kraft gefunden. Sie werden bis zum Lebensende füreinander da sein, und diese Zuversicht gibt mir sehr viel inneren Frieden.

Interview: Anke Hofmann

Kommentare einblenden

"The Handmaid's Tale": Bald auch in Deutschland

Der Serien-Hit aus den USA wird ab dem 4. Oktober bei Telekom "Entertain" ausgestrahlt.
Mehr lesen